Jeder*m eine Stimme - Wahlrecht ab Geburt

Unter 18 mitbestimmen? Jawohl! Das fordern Jugendverbände schon seit 1996. In der KjG entwickelt sich das Thema Wahlen stetig weiter. Aktuell lautet die Forderung: Wahlrecht ohne Altersgrenze! 2004 hieß es zunächst „Wahlrecht ab Geburt“. Holger Witting war von 2002 bis 2007 Bundesleiter der KjG und dabei, als die Forderung entstand. In dieser Zeit war er auch für die kinder- und jugendpolitische Arbeit der KjG verantwortlich.

Eines deiner Themen war das Projekt U-18-Wahlen. Die Gesamtorganisation und Trägerschaft der U18-Initiative wird vom Deutschen Kinderhilfswerk, dem Deutschen Bundesjugendring, den Landesjugendringen, vielen Jugendverbänden übernommen. Wie kam die KjG dazu?
In meiner Erinnerung war das ein KjG-Diözesanverband, ich meine der Freiburger, der vorgeschlagen hat, dass sich die KjG an dieser U-18-Wahl beteiligt. Das wurde auf der KjG-Bundeskonferenz recht positiv aufgegriffen und dann wurde daran regelmäßig teilgenommen.

Wie ist deine Verbindung zu „Wahl und Kinderrecht“?
Ich würde mal sagen, die KjG hat eine große Verbindung mit dem Thema. Weil es immer darum geht oder ging, dass Kinder und Jugendliche sich für ihre Interessen selbstverantwortlich einsetzen können. Die KjG als demokratischer Kinder- und Jugendverband hat sich das schon immer auf die Fahnen geschrieben. Dadurch, dass ich in der KjG groß geworden bin, war das natürlich auch für mich ein wichtiges Anliegen.

Wahlrecht ab Geburt, das war ja noch einmal etwas anderes als Wahlrecht unter 18. Beim U18-Wahlrecht hat man vielleicht so 16-Jährige im Kopf, die wählen dürfen, in Österreich ist das ja teilweise schon der Fall. Ab Geburt, das ist ja schon noch einmal eine andere Ansage. Wie kam es, dass die KjG das aktiv anstrebt?
Der Beschluss ist aus 2004. Hintergrund war, dass Bundestagesabgeordnete ein Familienwahlrecht forderten, um eben den Interessen von Kindern und Jugendlichen ein größeres Gewicht zu geben. Als wir das mitbekommen haben, waren wir skeptisch. Als Kinder- und Jugendverband wollen wir natürlich, dass Kinder und Jugendliche selbst für sich tun und machen können. In dem Zuge haben wir uns im Jahr 2003 damit auseinandergesetzt.

Gab es dazu auch Gespräche mit anderen Verbänden?
Ich kann mich erinnern, dass wir in Mainz eine Bundesausschusssitzung hatten, da hatten wir auch einen Vertreter eines Familienverbandes eingeladen. Der hat diese Idee des Familienwahlrechts vorgestellt. Das war ein sehr gutes Gespräch, er hatte auch sehr gute Argumente. Wir hatten natürlich auch Argumente für unsere Positionen. Wir wollten, dass die Kinder und Jugendlichen ihr Wahlrecht direkt wahrnehmen und nicht die Eltern als Stellvertreter. So sind wir auch auseinandergegangen. Also, wir haben uns alle sehr gut verstanden und hatten auch eigentlich das Gefühl, dass wir das gleiche Ziel haben: Die Perspektive für Kinder und Jugendlichen stärken, jetzt und für die zukünftigen Generationen. Aber der Weg ist natürlich ein anderer.

War euch denn sofort klar, wie der Weg aussehen sollte? Die erste Frage, die ihr wahrscheinlich etwas polemisch gestellt bekommen habt, war wahrscheinlich: „Toll, sollen die jetzt durch ihr Quäken wählen, die Babys, oder wie soll das gehen?“
Erst einmal ist es ja ganz einfach, wenn wir sagen, wir wollen das Wahlrecht ab Geburt. Das kann ja jeder verstehen. Dann kommen natürlich diese kritischen Fragen, die du angesprochen hast. Auch diesen Fragen wollten wir uns offen stellen und haben uns dann halt überlegt, wie es in den unterschiedlichen Altersstufen gehen kann. Das haben wir dann auch deutlich gemacht, dass es eigentlich nicht darum gehen kann, dass die Säuglinge zur Wahlurne krabbeln und dort eine Stimme abgeben. Aber dass eben möglichst früh auch Kinder befähigt werden sollen, für ihre Interessen einzustehen. Letztendlich waren wir der Meinung, dass jede*r selbst entscheiden soll, ab wann er oder sie an Wahlen teilnehmen kann. Dennoch haben wir dann auch eine Altersgrenze vorgeschlagen, ab wann man sich wirklich an Wahlen beteiligen kann: ab 13 Jahren.

Was ist mit den Kindern bis 13 Jahren?
Die Kinder kann man auch schon befragen, besonders wenn es um das nähere Umfeld geht, um den Spielplatz, um die Schule, um die Gestaltung des Pausenhofes. Da sind Kinder, glaube ich, sehr gut in der Lage auch bereits im Kindergartenalter zu sagen, was ihnen gefällt und was sie haben möchten. Tatsächlich geschieht so etwas auch. Mein Sohn ist jetzt in der Grundschule, in der ersten Klasse. Aber bereits im Kindergarten wurden er und die anderen Kinder natürlich gefragt, welche Spielgeräte sie haben möchten.

Ist es das, was ihr meintet? Oder wolltet ihr mehr?
Ja, wir wollten natürlich schon, dass tatsächlich auch die großen Entscheidungen mitgetroffen werden. Das Thema Wahlen z.B., das ist ja der Punkt, an dem der demokratische Aufbau unseres Staates ganz wichtig Gestalt annimmt. Natürlich ist es leichter bei der Kommunalwahl, wenn Personen sich vorstellen, Kindern deutlich zu machen oder Kinder zu fragen, für wen sie sind. Auf der Bundesebene wird es vielleicht etwas schwieriger. Aber wir haben da erst einmal keinen Unterschied gemacht, sondern wollten uns auch dafür starkmachen, dass Kinder so früh wie möglich mitmachen dürfen.

Ich habe gesehen, ihr habt sehr viel geschrieben - an erwachsene Menschen im Bundestag. War das ein Projekt, das sehr viel über Schreiben funktioniert hat?
Ja klar, an Bundestagsabgeordnete muss man sich schriftlich wenden. Wir wollten natürlich möglichst auch für unsere Position werben, damals ging es der Politik um dieses Familien- oder Stellvertreterwahlrecht und nicht so sehr um Wahlrecht ab Geburt, und so haben wir unseren Standpunkt schriftlich dargestellt, so wie die anderen das auch machten.

Haben die Kinder untereinander eigentlich auch darüber diskutiert, ab wann denn ein Kind das Wahlrecht haben sollte?
Wir haben im Bundesausschuss mit den Vertretern der KjG auf Bundesebene gesprochen. Das ist ja das demokratische Verständnis der KjG, dass die Kinder vor Ort ihre Vertreter wählen bis auf Bundesebene, um dort dann entsprechend zu Entscheidungen oder zu Positionen zu kommen.

Die KjGler*innen haben das auch als Gesamtheit gesehen und gesagt: „Auch die Kleinsten sollen hier mitbestimmen können.“?
Ja. Es gibt da einen schönen Satz aus dem Beschluss, den der Bundesausschuss 2004 getroffen hat. Nämlich: „Beteiligung beginnt mit dem ersten Schrei.“ Also, das ist so ein Schlüsselsatz für mich, denn natürlich haben auch Säuglinge Bedürfnisse. Die sind natürlich auf einer anderen Ebene als bei Erwachsenen oder bei Jugendlichen oder auch bei älteren Kindern, aber tatsächlich haben sie Bedürfnisse und die werden geäußert - und wenn es der erste Schrei ist - als eine Mitteilung, auf die man irgendwie reagieren muss und sie in angemessener Form beteiligen muss.

Kannst du noch ein paar Formen nennen, die ihr gefunden habt?
Wir hatten für die 7- bis 9-Jährigen, das sind ja Kinder im Grundschulalter, Kinderwahlbüros vorgeschlagen. Also parallel, wenn z.B. eine Kommunalwahl ist, dass dort dann auch ein Kinderwahlbüro eingerichtet wird, in dem Kinder eben kundtun können, was sie gerne hätten in ihrem Umfeld. In dem sie das z.B. malen können oder in dem Alter kann man ja auch schon schreiben. So, dass wichtige Themen, die die Kinder haben, öffentlich werden, damit Erwachsene entsprechend darauf reagieren können.

Was soll dann mit diesen Willensäußerungen geschehen? Hattet ihr da auch eine Idee?
Diese Verwaltungsaufgabe haben wir nicht zu Ende gedacht, das ist die Aufgabe der öffentlichen Verwaltung, solche Ergebnisse auszuwerten. So wie die Verwaltung auch Wahlstimmen auszählen muss.

Gab es Bedenken bei dem Projekt?
Ich erinnere mich an die Bundesausschusssitzung in Mainz, dort haben wir uns damit auseinandergesetzt und auch überlegt, ob wir das so fordern können – oder ob wir uns damit lächerlich machen. Aber wir waren uns dann doch sehr sicher in unserer Position.

Was habt ihr euch denn darauf geantwortet, dass ihr euch vielleicht lächerlich macht?
Also, Ergebnis dieser Überlegung war, ganz genau zu überlegen, wie der Anspruch umgesetzt werden könnte. Was kann man einem zweijährigen Kleinkind abverlangen? Das haben wir dann auch in unser Positionspapier eingebracht. Nach dem Motto: „Ja, ihr habt Recht, wenn ihr sagt, ein Baby kann noch nicht zur Wahlurne krabbeln und verantwortungsvoll eine Stimme einwerfen.“ Aber dennoch muss es Formen geben, wie Kleinkinder, Kinder, Jugendliche sich für ihr Umfeld einsetzen können. Es gibt ja auch Kommunen, die Kinderparlamente oder -gremien aufbauen, in denen sich Kinder und Jugendliche beteiligen können.

Worüber hast du dich bei dem Projekt geärgert?
Darüber, dass Leute unser Anliegen nicht verstanden haben, weil sie sich gar nicht erst damit beschäftigt haben.

Was wertest du als besonderen Erfolg dieses Projektes?
Dass da so viele an einem Strang gezogen haben, im Bundessachausschuss, in der Bundesleitung und auch einige Bundestagsabgeordnete, die das auch wichtig fanden. Der Kontakt mit der Kinderkommission des deutschen Bundestages. Das ist schön, wenn man erfährt, dass die die Arbeit wertschätzen, die in einem Kinder- und Jugendverband geleistet wird und das unterstützt. Außerdem findet man unsere Position immer noch auf der Homepage der KjG.

Im Beruf bist du nun Lehrer, stellvertretender Schulleiter eines Gymnasiums, da kommt man dann aber schon mal in Konflikt mit dem Anspruch der Selbstbestimmung der Kinder …
Ja, natürlich. Im Schulsystem geht vieles von oben herab. Noten geben und so weiter, das ist natürlich alles nicht so basisdemokratisch wie man das möchte. Meine Perspektive hat sich auch ein wenig verändert. Mir ist es wichtig, dass Kinder etwas lernen, das geht mit Sicherheit auch selbstbestimmt, aber manchmal fehlt auch die Motivation bei den Schüler*innen, da muss man sich als Lehrer schon auch etwas einfallen lassen, um entsprechend gut arbeiten zu können. Von meiner Haltung her arbeite ich schon so, dass die Jugendlichen aus eigener Motivation was machen, eigene Lösungen finden und das in Ruhe. So viel Zeit kann man als Lehrer allerdings nicht immer geben. Ich glaube aber, dass man sich als Lehrer schon mal zurückhalten sollte, um freien Raum zu bieten.

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG 2020)

Methodenmappe - Für ein Wahlrecht ohne Altersgrenze

Flyer Wahlrecht von Geburt an

Mit L.u.St.-gegen Geschlechterfrust

Männer- und Jungenarbeit in der KjG. Männerwochenenden gibt es in der KjG der 1990er. Nach dem Motto: Mit L.u.St.-gegen Geschlechterfrust. L.u.St.-steht dabei für das Projekt „Leiten und Streiten“. Das Ziel: Ehrenamtliche Leitungskräfte unter einem geschlechtsbezogenen Blickwinkel für ihre Arbeit qualifizieren. Georg Meurer ist heute unter anderem Supervisor und Trainer für Jungenarbeit und schließt in den 1990ern in der KjG als Referent für Jungen- und Männerarbeit im Team mit anderen geschlechtergetrennte Entwicklungsräume auf. Darin geht es dann auch schon mal um den Unterschied zwischen Schwulitäten und Homosexualität.

Männerthemen. Kamen die eigentlich durch den Frauendruck in die KjG? Damals waren die ja sehr aktiv in Sachen: „Frauen voll Macht“.
Ich glaube geschichtlich ist das immer so. Früher wurde immer salopp gesagt: „Wenn Frau sich bewegt, kommt Mann ins Rollen.“ Die Frauen haben sich eher organisiert, das ist geschichtlich gesellschaftlich auch so. Wir leben in einer hegemonialer Männlichkeitsstruktur. So war es auch in der KjG. Die Frauen haben sich zusammengefunden, haben ihre Ziele und Interessen formuliert. Und dann haben die den Ball den Männern zugeschmissen. - Was ist mit Euch? Seid ihr dabei? Seid ihr dabei, oder wo steht ihr? - Und dann musste Mann sich ja verhalten. Also, früher gab es so Stichwörter wie frauenidentifizierte Männerarbeit oder antisexistische Männerarbeit, so haben wir es genannt. Dann gab es die Möglichkeit zu sagen, ist alles Quatsch, interessiert uns nicht. Oder man geht in die Auseinandersetzung mit sich selbst und auch mit den Frauen, um eine eigene Position zu entwickeln.

Es gab teilweise den Eindruck von den Frauen, dass die Männer auch ein bisschen mit einem neidischen Auge rüber geguckt haben auf Frauenarbeit im Verband und gesagt haben: „So etwas wollen wir jetzt aber auch.“ Ist da etwas dran?
Naja, „Frauen voll Macht“ ist da schon ein passender Titel. Also, das war eine Form von Selbstermächtigung. Die haben viel bewegt. Da war Energie drin, da war Power drin. Natürlich ist das faszinierend. Die Männer konnten da erst mal nicht einfach mitmachen – für die ergab sich eher das Gefühl: „Oh, das hat ja was mit mir zu tun, wie - Macht abgeben muss ich? Wie Rednerlisten? Wie abwechselnd reden…?“ Also, das war ja ambivalent für die Männer von Anfang an. Aber natürlich glaube ich, dass die Energie und was da gleistet worden ist, auch etwas ausgestrahlt hat.

Aber Eifersucht war jetzt nicht dabei?
Eifersucht? Ja. Ich weiß nicht, ob Eifersucht die richtige Kategorie ist. Das ist so eine persönliche Kategorie. Ich fand diese Argumentation immer ein bisschen zu leicht. Die Frauen haben sich hingesetzt und sich auseinandergesetzt mit ihrer Situation in der Gesellschaft, in der Kirche, im Verband und haben daraus ihre Ziele entwickelt. Da kam auch einiges nach vorne. Und die Männer sagen: „Ja, aber was ist mit uns?“ Ja - Männer, wir müssen uns selber zusammensetzen, wir können nicht darauf warten, dass Mutti das regelt. Der erste Impuls war, was ist mit uns und man hat den Ball noch nicht so direkt gegriffen oder man brauchte noch etwas Zeit. So würde ich das formulieren.

Dann habt ihr euch direkt mit dem Thema „Leiten und Streiten“ im Zusammenhang mit Männerarbeit und Frauenarbeit beschäftigt. Wieso jetzt diese Themen?
Das ist ja auch ein zentraler Punkt. Wie sortiere ich mich in der Leitung? Es sind immer die gleichen Platzhirsche, die in Konferenzen und den Sitzungen reden. Warum ist das so? Und wie kann man das divers gestalten? Also, in Konferenzen und Leitungssituationen ist alles gemischtgeschlechtlich. Und darum finde ich, ist es ja ganz sinnvoll, geschlechtsgetrennten Räume für die Reflexion zu erschließen.

War die Männerarbeit also zum Teil auch ein Schutzraum, den man gebildet hat, um sich dann Neuerungen zu öffnen?
Ich will da mal weiter ausholen. Ich glaube, im geschlechtsgemischten Raum haben wir bestimmte Verhaltensweisen. Männer sind dazu verführt, ein wenig herum zu gockeln und es geht um Anerkennung und gegenseitige Anerkennung. Wenn ich einen neuen Erfahrungsraum aufmache, geschlechtsbezogen, kann ich manche Sachen einfacher, leichter noch einmal ansprechen. Ich kann mich selber noch einmal leichter angucken. Solidarität von Männern spüren, wo sonst vielleicht manchmal mehr Konkurrenz im Vordergrund steht. Das erleichtert es manchmal, Facetten in der eigenen Identitätsentwicklung zu nutzen oder zu entwickeln, die vielleicht sonst nicht entstanden wären. Ich denke, das ist ein Gewinn, für beide Geschlechter.

Aha. Ihr habt also im Einzelnen gearbeitet, um das Große besser wachsen lassen zu können. Es gab aber schon Widerstände der Männer gegen Männerarbeit…
Ja sicher. Das ist ja auch nicht verwunderlich. Das ist in der Gesellschaft auch so. Wenn ich letzten Endes sage „It’s a mens world“, mehr oder weniger, da habe ich etwas zu verlieren als Mann, an Einfluss, an Macht, an Selbstverständlichkeit, an Anerkennung von Frauen, an Energie, die mir zufließt. Wenn Frauen sich selber organisieren, die Energie untereinander nutzen, für sich, statt, da sage ich mal salopp, sie auf Männer zu richten, ist das auch ein Verlust in dem Moment. Deshalb war das auch immer wieder ambivalent und deswegen gab es auch immer wieder Widerstände. Ich habe immer die Meinung vertreten: Wir ziehen daraus einen Gewinn als Männer, in dem wir auch neue  Kompetenzen entwickeln.

Du hast einmal fünf Phasen der Entwicklung der geschlechtsspezifischen Arbeit aufgeführt:

1.     Die Alles-Quatsch-Phase.
2.    
Die Na-gut-Okay-machen-wir-das-halt-Phase.
3.    
Die Das-ist-total-wichtig-Phase.
4.    
Die Und-nun-was machen-wir-damit-Phase?
5.    
Die Jetzt- fangen-wir-wirklich-an-Phase.

Hast du diese Phasen in der KjG auch erlebt?
Klar! Die fünf Phasen hat man immer, wenn Menschen etwas zu verlieren haben oder wenn sie sich verändern müssen. Und die KjG ist ja ein Teil der Gesellschaft, da hat sich immer widergespiegelt, was auch drum herum passiert. Es gab immer wieder Rückmeldung: Was macht ihr denn da? Was soll der Quatsch? Solche Reaktionen gab es schon, ja natürlich. Ja okay, dann machen wir es halt, bedeutet in dem Falle: Wir sind ein Verband, da ist vieles möglich, da kann man vieles ausprobieren, dann macht ihr das halt. Und dieses „ja, es ist aber wichtig“, das ist so ein Stück Überhöhung. Dadurch schiebe ich es wieder von mir weg. Und dann endlich sackt es durch: Ups, das hat etwas mit mir zu tun. Und da sind ja für mich auch Chancen drin für mich. Da muss man hingucken.

Als ich mich in das Thema eingelesen habe, gab es noch in der Wortwahl so Szenen, in denen Männer in der Diskussion zu heiklen Situationen gesagt haben: „Ja, wir kommen ja jetzt hier in Schwulitäten.“ Ich glaube, wenn das heute einer sagen würde, gäbe es Empörung. Was mich daran aber interessiert, ist dieser Spannungsbogen zwischen „Ah ja komm, das hat so Schwulitätenanmutung, die mit ihren Männer-Wochenenden“ und auf der anderen Seite „Nee, nee. Moment. Mann-Sein bedeutet auch unter Umständen homosexuell-sein, schwul-sein, und wir möchten uns ernstgenommen fühlen. Hat Männerarbeit in der KjG auch das Thema Homosexualität sichtbarer gemacht?
Das glaube ich schon. Der Punkt ist ja aus dem Blick der traditionellen oder herrschenden Männlichkeitsbilder,  ist schwul eine Bezeichnung  für untergeordnete Männlichkeit. Das ist nicht richtig männlich. Jungen und Männer, das ist heutzutage noch genau so, die haben eine Hierarchie im Kopf. Oben sind die fitten und die coolen, die alles geregelt kriegen und die müssen das jeden Tag beweisen – ganz schön anstrengend. Und dann gibt es eine Hierarchie. Und unten sind die schwulen Jungs, die irgendwie anders sind. Das ist noch nicht einmal das sie wirklich homosexuell sind, sondern sie sind anderes und die sind in der Hierarchie eher unten. Dadurch, dass wir Geschlechtsnormen in Frage gestellt haben, als wir gesagt haben, wir nehmen aufeinander Bezug als Männer, wir gucken mal, wie wir uns entwickeln und was ist uns eigentlich wichtig als Männer, haben wir diese Hierarchie aufgeweicht und haben wir natürlich auch den Spielraum möglich gemacht zu sagen und ich bin homosexuell, ich bin schwul und ich fühle mich auch zu Männern hingezogen. Das auch mal zu verbalisieren und zu zeigen. Genau so war es auch.

1994, habe ich dann so nachgelesen, dass das Interesse an Männerarbeit wächst. 1994! Habt ihr dicke Bretter gebohrt! Ihr habt doch schon 1991 angefangen. Ist das eine neue Generation gewesen? Oder was war da los?
Ich denke, wir haben dicke Bretter gebohrt. Und ich glaube, die Auseinandersetzung bewirkt ja auch was. Es war ja auch nachher ein fester Bestandteil, geschlechtsbezogen zu gucken. Das ist eine Querschnittsaufgabe. Also: Wir müssen gucken, was heißt das für Jungen, was heißt das für Mädchen, was heißt das für Männer, was heißt das für Frauen. Das müssen wir einfach mitreflektieren. Das war so ein bisschen selbstverständlich geworden. Umso selbstverständlicher etwas ist destoweniger bedrohlich wirkt es

Was hat die KjG mit ihrer geschlechtsspezifischen Arbeit erreicht?
Ich fand, wir haben in der KjG eigentlich ganz gut den Reflexionsraum dafür aufgeschlossen und das verstätigt. Hier ist ein Spielraum, hier ist Entwicklungsraum, und den stellen wir gerade als KjG zur Verfügung. Das ist zum Beispiel ein Stück Selbstverständlichkeit geworden, dass wir mit * schreiben und dass wir jetzt * denken. Wir sind daran geblieben, an diesem Thema. Das ist ein Stück Geschichte.

Was hat denn den Männern und Jungen in der KjG den Mut gegeben und den Impuls, sich darauf einzulassen? Auf diese Öffnung?
Dass wir das Thema erst einmal sichtbar gemacht haben. Dass wir Konferenzen dazu gemacht haben, dass wir auf Bundeskonferenzen Männer- und Frauenkonferenzen gemacht haben. Dass wir einfach Räume aufgeschlossen haben, in denen man sich begegnen kann. Wir haben ein breites Spektrum, was Männlichkeit ausmacht. Wenn man neue, positive Erfahrungen dabei macht, dann kann man sagen: „Ja, das ist eine gute Sache, da bleiben wir dran!“

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

Richtig wichtig - Mädchen sehen das so …

Mädchen und Frauenarbeit mit Spaß Power im BDKJ Wenn Annette Rausch (Bundesleiterin 1995-2001) von „Richtig wichtig – Wir Mädchen se-hen das so“ spricht, kommt ein freudiger Klang in ihre Stimme. Es geht um die bun-desweite Kampagne in der Mädchen- und Frauen-arbeit, die die katholischen Jugend-verbände 1999/2000 gemeinsam im BDKJ durchführen. Spaß und Power aus der Aktion schwingen bis heute in Annette Rausch nach …

Weshalb hast du dieses Projekt so lebhaft und froh in Erinnerung?
Das war ein Projekt, bei dem wir auf der einen Seite aus dem Vollen schöpfen konnten, weil es einen guten Projektantrag und ordentlich Geld vom Bundesjugendministerium gab. Es war eine Aktion, die ungewöhnlich für den BDKJ, ein gemeinsames pädagogisches Projekt war, bei dem alle Verbände an einem Strick gezogen haben und gesagt haben: „Ja wir wollen da was machen, das ist bei uns im Verband schwierig alleine auf die Beine zu stellen. Das fällt oft hinten runter, und wenn wir das gemeinsam aufziehen, dann haben wir da eine gute Chance.“ Und wir konnten wirklich kreativ sein, haben mit einer Agentur zusammengearbeitet, so dass wir den Jugendverbandsbereich und unsere Erfahrungen einbringen konnten und auf der anderen Seite im Austausch mit PR-Profis waren, die gute Vorschläge gemacht haben und damit so ein Projekt auf die Beine gestellt wurde. Dabei ging es wirklich, im echten Sinne darum, Mädchen und junge Frauen  zwischen 7 und 25 zu Wort kommen zu lassen und die ihre Themen in ihren Formen darstellen zu lassen. Die Aufgabe war, sie sollten uns für die abschließende Ausstellung Objekte zur Verfügung stellen. Das hat auch super geklappt.

Wie würdest du denn das Projekt überschreiben: Mädchen-/Frauenarbeit? Oder was war das?
Es war schwerpunktmäßig ein Mädchenprojekt. Gleichzeitig war auch klar, dass es auf Diözesanebene in vielen Verbänden Frauengruppen, Frauenkreise, Klön-Klüngel-Gruppen oder so etwas gab, die wir auch ansprechen wollten. Die Motivation war, wir wollten zeigen, was Mädchen und junge Frauen wollen, für die wir uns in der Jugendverbandsarbeit einsetzen. Deswegen haben wir das für vier unterschiedliche Altersstufen gemacht.

Und ihr hattet ein Maskottchen ..
Wir hatten Rozalla, das war so eine kleine Figur, die man sich an den Rucksack hängen konnte, die wir speziell dafür entworfen haben, die sich durch die Materialien zog und ein Anreiz war, sich als Gruppe anzumelden. Es gab auch eine lebensgroße Figur, die für diese Sache Werbung gemacht hat.

Werbung habt ihr auch bei der Politik gemacht – mit beachtlichem Erfolg
Ja, wir haben uns eine Jury gesucht mit ziemlich prominenten Leuten. Da war z.B.  Kerstin Griese, SPD-Abgeordnete, die den Ausschuss für Frauen, Familie, Jugend und Senioren geleitet hat, die  in der Jury saß und die Sachen mitbekommen hat. Bei Die Ausstellung in Berlin im Rathaus Schöneberg hat die  damalige Bundesministerin Christine Bergmann eröffnet. Im Rückblick ist es  gelungen, deutlich zu machen, da passiert etwas im BDKJ und seinen Mitgliedsverbänden. Die Teilnehmerinnen  haben Wünsche und Botschaften sowohl im Hinblick auf Politikteilbereiche, zur Kirchenpolitik und was sie an Themen interessiert, formuliert.  Wir waren mit der KjG-Bundesfrauentagung vor Ort und haben in Berlin Mädchenarbeitsprojekte besucht.

Wie viele Mädchen und Frauen haben dann da mitgemacht?
1.400 waren das. Darunter 35 Gruppen aus der KjG mit über 300 KjGlerinnen. Da sind Themen bei gewesen, die ganz persönlich sind, von Freundschaft über Schönheitsideale, Magersucht, über kirchenpolitische Aktionen, bei denen sie sich ihre Frau Pastorin gebastelt haben oder die  Kölner KjG-Gruppe, die in der  Gruppe 19-25 gewonnen hat, haben das Frauenbild in der katholischen Kirche und das Thema Lesbisch-Sein thematisiert. Die Ausstellung  zeigte das gesamte Spektrum, was die Gruppen vor Ort interessiert hat.

War der Erfolg des Projektes die Ausstellung in Berlin?
Da war noch mehr: Das Ganze ist tatsächlich auch als Ausstellung durch die gesamte Bundesrepublik getourt. Wir hatten sie auf der Bundeskonferenz 2000 oder 2001 , so dass man sie sich angucken, mit Dingen spielen, die Filme anschauen konnte, die entstanden sind.. Die Ausstellung ist rundgereist. Und hat auch nach der Aktion weitergewirkt, indem andere dann gesehen und mitbekommen haben, da passiert etwas, das ist ja spannend und dann auch daran angeknüpft haben.

Du hast gesagt, die haben daran angeknüpft. D.h. also, da hat sich weitere Mädchen- und Frauenarbeit daraus entwickelt. Oder wie meinst du das?
Da hat sich dieses Bewusstsein „Das macht Spaß, da kann man was machen!“ daraus entwickelt. Und mit so einer guten Aktion im Hinterkopf konnte  Steffi, die nach mir Bundesleiterin war, das KjG-Mädchenprojekt „4 girls“ mit einer anderen Selbstverständlichkeit von der Bundesebene her anstoßen. Das hat funktioniert, das war ein Superbeispiel und wir probieren das jetzt noch einmal in der KjG.

Mädchen und Frauenarbeit ist richtig wichtig … weil?
Es Räume für solche Themen und Austauschmöglichkeiten braucht. Zum Beispiel Besuch beim Frauenarzt oder Freundschaft. Das braucht eine andere Gesprächsatmosphäre und ein anderes Setting als z.B. in einer gemischten Gruppe. Da kommen solche Themen eher nicht vor, oder gehen unter, oder können ins Lächerliche gezogen werden. Es sind Räume notwendig, in denen Frauen eine Möglichkeit haben, Mädchen die Möglichkeit haben, sich über solche Dinge auszutauschen, die sie vielleicht anders sehen oder betreffen als  Jungen.

Ich habe so eine Freude an der Kreativität der Möglichkeiten herausgehört, die Mädchen und Frauen gefunden haben, um sich auszudrücken. Welches Gefühl verbindest du denn mit dieser Aktion?
Das Gefühl war einfach Spaß daran zu haben, mitzukriegen, wie das aufgegriffen wurde, dass das, was wir uns ausgedacht haben, funktioniert hat, bei den Mädchen angekommen ist und so kreativ umgesetzt wurde, dass wir mit den Ergebnissen wirklich auch politisch wahrgenommen wurden und die Ministerin zur  Ausstellungseröffnung kam.

Was haben die Jungen und Männer im Verband zu eurem großen Projekt für die Mädchen- und Frauenarbeit gesagt?
Die Jungs und Männer in der KjG haben selbst angefangen Jungenarbeit zu machen und das ist schon teilweise auch mit diesem „Wir wollen auch bestimmte Sachen …“ entstanden. Es gab zu meiner Zeit kein explizites Jungenprojekt (1), wohl aber die Debatte, dass es so etwas eigentlich bräuchte und dass man sich selbst darum kümmern muss. Ein bisschen neidisch waren die glaube ich schon, dass da so etwas Großes passiert. Und eine Motivation, eine Idee sich auch dem Thema Jungenarbeit zu widmen.

(1)  Anmerkung der Redaktion: Von April 2003 bis Juni 2004 hat der KjG Bundesverband das Jungenprojekt „generation xy – keine musterknaben!“ durchgeführt.

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

Frauen voll Macht? Frauen voll Macht!? Frauen voll Macht! Frauen- und Mädchenarbeit in der KjG

Gewalt steht zu Beginn im Mittelpunkt der Frauenarbeit der KjG in den 1970ern. Es besteht „eine große Unzufriedenheit von Frauen über Diskriminierungen ihnen gegenüber“ berichtet die KjG-Chronik. Die KjG ruft zu Aktionen gegen Gewalt gegenüber Frauen auf. Geschlechtergerechtigkeit ist eines ihrer Kernthemen, dennoch gibt es anfangs auch verbandsintern Vorbehalte gegenüber der Frauenarbeit. - Die Frauen bleiben dran. Annette Rausch gehört zu ihnen. Ab 1984 übernimmt sie kontinuierlich Leitung, erst im Diözesanverband Limburg, später (1995-2001) in der Bundesleitung. Das „Frauenthema“ sorgt bis heute immer wieder für Reibung, Aufregung und Wachstumsbeschwerden …

Muss das Thema Frauen- und Mädchenarbeit in der KjG immer wieder aufpoppen, weil in der katholischen Sozialisation Mädchen und Frauen schon sehr lange eine Rolle zugeschrieben worden ist, aus der sie versuchen rauszukommen? Ist das der Stein des Anstoßes?
Also, sowohl innerhalb der Kirche ist das der Stein des Anstoßes, als auch gesellschaftlich war und ist das ein Stein des Anstoßes und: Ganz viele Dinge, die wir mal gefordert haben, sind auch heute noch nicht oder nur sehr bedingt umgesetzt. Wenn man von Gewalt gegen Frauen spricht, ist es wichtig dabei das Wort „strukturelle“ zu ergänzen, um deutlich zu machen, dass es Strukturen gibt, die Frauen daran hindern, Dinge zu tun. Das war denjenigen in der KjG, die das Papier zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ geschrieben haben, um das es 1987 einen riesigen Aufstand gab,  sehr wichtig.

Es gab ab 1983 einmal im Jahr Bundesfrauentagungen mit bis zu zwanzig Frauen. Auf denen wurden Schwerpunkte wie „Mädchenarbeit“ oder „Frauen und Spiritualität“ bearbeitet. 1986 kamen die Bundesfrauenkonferenzen hinzu, da ging es speziell um Vorberatungen vor der undeskonferenz. War das „zur Wehr setzen gegen strukturelle Gewalt“ Ziel der Einführung der Bundesfrauentagungen und -konferenzen?
Ja, auch. Schon bei der ersten bundesweiten Frauentagung 1979 ging es  um das Thema „Frauen in Leitungsämtern“. Es ging darum, wie frau andere Arbeitsformen auch im Verband umsetzen kann. Da fiel auch auf, dass der Verband thematisch männerdominiert war. Wir hatten zum Beispiel  ein großes Projekt zur Kriegsdienstverweigerung – dass das aber nur die eine Hälfte der KjG betrifft, war nicht bewusst. Dann kam 1986 die Frauenaktion „Militarisierung ohne uns“ dazu. In der wurde deutlich: „Ja, auch Frauen sind in solche Kriegsvorbereitung eingeplant und wir als katholische Kirche bzw. im BDKJ machen da mit, indem wir Schwesternhelferinnenausbildungen im FSJ anbieten.“ Die Frauen unterliegen dann Meldepflichten  und sind eingeplant in Kriegsfällen. Die hatten dann, anders als bei der Kriegsdienstverweigerung, keine Chance, sich dagegen zu wehren. Das waren also KjG-politische, wie auch gesellschaftspolitische oder kirchenpolitische Themen, um die in Bundesfrauentagungen und -konferenzen ging.

Was war denn der Unterschied zwischen Bundesfrauen- und Bundeskonferenz?
Es ging wirklich drum, sich zusammenzuschließen. Weil es oft nur ein oder zwei Frauen im einzelnen Diözesanverband gab, die an Frauenthemen Lust und Interesse hatten. Es ging auch darum, zu überlegen, wie man für eine gute Idee Partnerinnen findet, die da mitziehen, oder Ideen zu entwickeln, wie man das vor Ort auch alleine umsetzen kann. Das waren die zentralen Gründe und eben auch, Strukturen zu schaffen.
Wir haben da auch auf den Konflikt zu „Frauen voll Macht“ geschaut und die Diözesanvertreterinnen gefragt: „Wie nehmt ihr den Inhalt wahr? Findet ihr das richtig oder falsch? Was ist politisch zu tun?“ Danach haben wir gemeinsam den Vorschlag entwickelt, den dann die Bundeskonferenz beschlossen hat.

Waren denn so viel weniger Frauen in Leitungsämtern der KjG?
Naja, die KjG hatte eigentlich schon von Anfang an die Variante „Gleiche Anzahl Frauen – Gleiche Anzahl Männer“, dann kam dann noch der Priester dazu, der zu keinem Geschlecht gezählt wurde. So war das in der Gedankenwelt der Gründung. Faktisch war es aber oft so, dass die Frauenpositionen nicht besetzt waren. In meinem Diözesanverband hatten wir mal eine Leitung, in der fünf Männer saßen. Das war nicht konstruktiv und hilfreich. Das waren Erfahrungen, die viele gemacht haben, dass sie als Frauen in Leitung nicht wirklich vorkommen.

Die Beteiligung der KjGler*innen geschieht ja auch über die Versammlungen. War das denn messbar notwendig, Beteiligung auf allen Ebenen einzufordern?
Ja, das musste schon eingefordert werden. Es gab Zeiten, da haben wir wirklich erhoben: Da saßen dann Leute auf der Bundeskonferenz und haben genau beobachtet, wer sich meldet, wie lange reden die und zu welchen Themen reden die. Und da gab es schon riesengroße Unterschiede zwischen Frauen und Männern: Männer haben länger geredet, Frauen haben eine Meldung eher mal zurückgezogen, Männer dagegen das, was schon zwanzig Leute vor ihnen gesagt haben, doch noch mal gesagt. Bei den Themen gab es auch geschlechtsspezifische Unterschiede, zu Finanzen haben meistens Männer geredet … Diese Feststellungen haben dann auch dazu geführt, dass 1991  „Redefluss durch Reißverschluss“ eingeführt wurde. Das hat viel verändert und ist nicht nur den Frauen, sondern auch den Männern zugutegekommen.

Was ist eigentlich mit der Vertretung anderer Geschlechter, kam das in der Diskussion der 90er vor?
Nein, Inter- und Transsexualität war für uns damals kein Thema. Repräsentativ vertreten zu sein, bezog sich, da es ungefähr gleich viele Männer und Frauen in der KjG gibt auf diese Gruppen.  , Repräsentative Vertretung für Inter- und Transsexuelle wäre, weil so wenige, da deutlich schwieriger, wenn die Leitung des Gesamten aus nur drei oder vier Leuten besteht. Dennoch ist die Frage: „Braucht es Orte/Strukturen zum Treffen und Austausch – wie damals für Lesben und Schwule – auch in der KJG  und wie sehen die aus?“ eine Debatte, die aktuell geführt werden sollte.

Eine aufgeregte Diskussion gab es um das 1994 im KjG-Verlag erschienene Buch „Frauen voll Macht“. – Oder müsste es „Frauenvollmacht“ heißen?
Ich weiß gar nicht, ob hinter diesen beiden Betonungen generell zwei Standpunkte stehen müssen. Aber: auch im Buch wird genau das thematisiert. Darin geht es eben auch um Dinge, die mehrdeutig sind. Ausgangspunkt war die Bundeskonferenz 1990 und der Studienteil zum Thema „Feministische Theologie – Frauenkirche“. Mit Fragen wie: Was bedeutet sowas für den Verband? Welche Erwartungen stellt das an Frauen? Welche an Männer?

Eine Arbeitsgruppe hat dann das Buch entwickelt. Was war der Sinn des Buches?
Das Buch sollte als Auseinandersetzung zur Debatte und als Anregung für Dinge, die man dann selbst macht, dienen. Im Sinne von Kontroverse, diskutieren, debattieren. Das Buch richtete sich an 16+x-Jährige und hatte eine Auflage von 2.500 Stück. 1996 haben dann die Tagespost und andere konservative Blätter angefangen, das Buch sehr massiv zu kritisieren und sich bei den Bischöfen zu beschweren. Dann fingen die Auseinandersetzungen mit der Jugendkommission der Bischofskonferenz an.

Was hat denn den Sturm der Kritik an „Frauen voll Macht“ ausgelöst?
Ein Satz aus dem Klappentext – der im Verlag entstanden war, nicht von  den Autorinnen stammte – da stand, dass das Buch „vor allem auch für die konkrete Arbeit in Gruppen angelegt“ sei. Daran hängte sich die Kritik der Jugendkommission der Bischofskonferenz auf, gar nicht so sehr am Inhalt des Buches an sich. Ihr Standpunkt war, dass das im Buch Stehende nicht einfach so auf die Praxis übertragbar sei und dass das nicht dem katholischen Kirchenverständnis entspräche. Die Forderung der Jugendkommission der Bischofskonferenz war: „Zieht das Buch zurück und verkauft es nicht mehr!“

1997 hat die KjG den öffentlichen Verkauf von „Frauen voll Macht“ eingestellt, das Buch war nur noch KjG-intern zu erhalten und es war eine Kommentierung beigelegt  … ist die KjG da eingeknickt?
Das war das, was als Kompromiss möglich war. Das Buch wurde erhalten, , weil wir wichtig fanden, was darinstand. Die Kommentierung zeigte die Kritik, die Debatte mit der Bischofskonferenz und die Bewertung der KjG auf. Der Vorschlag, es zu überarbeiten, war nicht umsetzbar, weil das Geld dazu fehlte. Außerdem bestand es aus einzelnen Artikeln von Autorinnen – da konnte man nicht einfach in die Texte eingreifen. Die Bundesleitung ist mit dem von der Bundesfrauenkonferenz erarbeiteten und der BUKO beschlossenen Auftrag  an die Bischofskonferenz heranzutreten und hatte Erfolg …

Warum gerät die KjG denn so häufig in Konflikt mit der Bischofskonferenz?
Ich glaube, dass die KjG mit der Bischofskonferenz immer wieder in Konflikte geraten ist - und mehr als die anderen katholischen Jugendverbände - weil es immer wieder Themen gab, die wir politisch aufgegriffen haben und wir, stärker als die anderen Verbände im BDKJ, den Bezug zur Pfarrgemeinde haben. Außerdem haben wir ein demokratisches Leitungsmodell; ein Modell, in dem Frauen und Männer gemeinsam leiten, ein echtes Alternativkonzept zu dieser hierarchischen Kirche. Deswegen müssen von uns als KjG immer wieder Auseinandersetzungen geführt werden, wo andere eher unter dem Radar fliegen. Wir haben mit den Bischöfen in den 1990ern auch darüber diskutiert, ob auch Nichtchrist*innen Mitglieder in der KjG werden dürfen. Das ist an der KjG-Satzung aufgehängt worden … Dann stellte sich heraus, dass das bei fast allen anderen Verbänden entweder schon Praxis ist oder sogar in der Satzung steht … Manche Debatten haben sich an der KjG kristallisiert, weil sie ein Gegenmodell zur Verfasstheit der Kirche ist.

 

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

Aufbau Ost: Osten als strategisches Projekt - Religiös-politisches Coming out – Neue Blickwinkel

Wiedervereinigung ist DAS Thema der 1990er. Auch die KjG wendet sich den ostdeutschen Bundesländern zu. Das ging nicht immer ohne Holpern vonstatten, erinnert sich Manfred Leppers. Er war in den 1990ern Bundessekretär und beauftragt mit der Aufbauarbeit Ost.

Wie war denn die Stimmungslage in der KjG nach dem Mauerfall?
Das war so eine Mischung aus Aufgeregtheit und Skepsis. Mein Eindruck war, dass die Bundesleitung das damals strategisch gesehen hat. So ungefähr: „Wenn sich das Land flächenmäßig um 1/3 vergrößert, dann können wir nicht abseitsstehen, wenn andere Jugendverbände im Rahmen des BDKJ ihren Fuß dort hineinsetzen. Auch wenn der Osten säkularisiert und ansonsten eher protestantisch als katholisch ist.“ Also so ein kleines Bisschen wie die Expansion von Aldi, Lidl und Konsorten. Natürlich auf einer anderen sozialen Ebene, aber strategisch gedacht war das schon so. Es war dann auch sehr persönlich …

Wie persönlich? West - in Person von Manfred Leppers - trifft Ost?
Hmhm, ja, weil wir ja unsere Fühler ausgestreckt haben, Kooperationspartner gesucht haben und erste Treffen und Begegnungen stattfanden, zum Beispiel in einem Magdeburger Vorort, in einem Jugendheim – da saßen dann eine Jugendgruppe und Verantwortliche und wir haben uns vorgestellt …

Was waren deine ersten Eindrücke vom Osten?
Ja, das war alles nicht so mit Westkonsum versorgt … Also, die Bahnfahrt da hin war endlos und dann gab es keine Unterbringungsmöglichkeiten … es wurde dann privat übernachtet oder eine Luftmatratze ins Jugendheim gelegt. Es fehlte die ganze Infrastruktur. Kam uns schon vor wie Pionierarbeit.

Was ist dir an West-Ost-Unterschieden in Erinnerung?
Der Habitus der Sprache. Wir waren in unserer KjG-Verbandsstruktur konferenzgeübt. Wir kamen im Osten mit Menschen zusammen, die in Aufbruchstimmung waren, sich aber noch nicht so auszudrücken wussten. Die konnten das nicht so richtig in Worte fassen, was sie wollten. Für mich hat das zu einem kommunikativen Gefälle geführt. Wir wussten auch manchmal nicht so genau wie wir an das rankommen konnten, was unser Gegenüber bewegte. Das war schwer, meta zu kommunizieren.

Waren die nicht vielleicht einfach viel ehrlicher und direkter?
Ja, doch, auch. Die hatten auch nicht diesen „Konferenzsprech“ drauf, bei dem man seine Emotionalität signalisiert, aber weiterhin unter Kontrolle halten will. Die hatten allerdings etwas anderes drauf: Eine eher geübte Schweigsamkeit. Im Sinne einer Jahrzehnte lang unterdrückten Authentizität. Weil das in der DDR nicht gewünscht war. Jede*r, die*der katholisch war und engagiert, musste das verstecken, wenn man mal von den letzten Monaten der DDR absieht, in denen viele dann ihr religiöses und politisches Coming out hatten. Im Prinzip ist das vier Jahrzehnte unter dem Deckel gewesen.

Waren das nicht einfach unterschiedliche Passungen – nicht ein kommunikatives Gefälle, wie du eben gesagt hast?
Hm, ja, könnte man sagen … Es wird aber dann zum Gefälle in Situationen von Entscheidungen, allein wenn es da die Schnelleren und Langsameren gibt oder die Dominanteren beziehungsweise Zurückhaltenderen. Das ist nichts, was wir gewollt haben, aber im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass mit dem, was wir wollten, wir genauso strategisch, planerisch, zielbewusst waren wie eben auch Wirtschaftsunternehmen, die da auf der grünen Fläche neue Märkte aufgebaut haben …Nicht mit dieser Kaltschnäuzigkeit, aber mit der strategischen Planung, der jemand erst mal ausgeliefert ist, der dem nichts entgegenzusetzen hat …

Versteh ich das richtig, du glaubst, dass ihr die ostdeutschen Jugendlichen überrannt habt?
Ja, das haben wir teilweise. Es gab auch Widerstände: In Görlitz und Erfurt gab es zum Beispiel so verbandsähnliche Strukturen, es existierten Pfarrjugenden – so, als wenn es hier im Westen nur den BDKJ gegeben hätte, als Dach für eine direkte Mitgliedschaft. – Diese Verbände waren auf eine Fusion gar nicht so erpicht, wollten nur eine Zusammenarbeit. Gruppen in Magdeburg oder Ostberlin, die da an Pfarren angegliedert waren, die waren viel aufgeschlossener und hatten sogar große Lust, der KjG beizutreten und mit drei vier Ortgruppen erst mal einen Diözesanverband zu gründen, weil man als Pfarrgruppe ja nicht direkt dem Bundesverband beitreten konnte.

Es gab aber auch so etwas wie den Mauerfall in KjG-DVs …
Ja, das betraf die Bistümer Hamburg und Berlin, die waren grenzüberschreitend über die innerdeutsche Grenze hinaus. Mit der Wiedervereinigung waren dann plötzlich westdeutsche KjG-DVs für die erst mal fremden Gebiete in Ostdeutschland zuständig. Die haben wir dann in unsere Nord-Ost-Arbeitsgruppe geholt, das fand ich echt fruchtbar, weil darin zu gleichen Teilen ehrenamtliche Leute aus Ost und West zusammensaßen, für zwei drei Jahre. Das war ein guter Schmelztiegel, da haben dann auch mal die Ossis den Wessis die Leviten gelesen und auf eigene Widersprüche hingewiesen …

Welche Leviten wurden den Wessis gelesen?
Vor allem im Bereich „Männer – Frauen-Arbeit“, also Geschlechtergerechtigkeit. Das hat die Ossis befremdet, weil die sagten: „Aber, wir sind doch hier gleichberechtigt, bei uns manchen die Frauen doch alles.“ Das zweite war die Ökobewegung und Anti-Atomkraft oder auch Luftreinhaltung . Das war ihnen zuerst mal fremd, da gleichzeitig ist 50 % bis 70% der Industrie auf dem Gebiet der ehemaligen DDR stillgelegt wurde. Die hatten da Stillstand ohne Ausblick auf eine Wiederbelebung. Von daher empfanden die diesen Umweltgedanken nahezu als arrogant. Nach dem Motto: „Das können sich die erlauben, die wirtschaftlich auf einem hohen Ross sitzen“, zumal die Wessis ihnen gefühlt ihre Industrie zugemacht hatten. Für die Ossis war das Sozialromantik.

War denn aus den Ost-DVs so etwas wie Revolution zu spüren?
Das war durchmischt. Bei einigen war schon Revolution zu spüren, so nach dem Motto: „Wir sind jetzt hier ein System losgeworden, dem wir uns Jahre lang beugen mussten.“ Das waren dann auch die Verbandsskeptiker, die sagten: „Wir gehen jetzt nicht schon wieder in so Strukturen rein, die uns dominieren und in denen wir womöglich unsere Freiheit verlieren.“ Da musste man schon mal drüber nachdenken, zum einen sind wir demokratisch organisiert – zum anderen gibt es aber ja in einem Verband auch verknöcherte Strukturen und Machtverhältnisse, das haben die uns natürlich auch gespiegelt und gefragt: „Ist das wirklich jetzt das Neue?“ Damals war auch schon deutlich, dass Jugendliche sich nicht mehr so lange an eine Organisation binden.

Gemeinsam gerungen habt ihr mit den Bischöfen … Das Bistum Berlin zum Beispiel wollte die Jugendarbeit dem Bischof unterstellen …
Die Bischöfe hatten sich ja schon Jahrzehnte lang mit der KjG herumgeärgert, nicht alle, aber die damals machtvollsten. Die haben die Chance gewittert, da in den Ost-Bistümern von vorneherein neue Strukturen zu schaffen. Es gab Bemühungen, einen Riegel vorzuschieben, darauf sind auch einige konservativere Pfarrverbände eingegangen – die haben sich dann nicht Richtung Westverbände orientiert. Es gab aber auch etliche, die gemerkt haben, dass sie nicht unter dieses autoritäre Joch ihrer Hirten wollten. Ich kann mich erinnern, dass wir die KjGler*innen in Berlin auch als Bundesebene sehr unterstützt haben, weil die ständig zum Bischof zitiert wurden. Uns ging es da gar nicht um Mitgliederzahlen, wir waren damals im Westen 100.000. KjGler*innen und im Osten waren es wohl so 1.000 bis 2.000 …

Das waren ja zwei sehr ungleiche Flügel – Ost und West – wie hat sich das denn entwickelt?
Ich kann mich gut erinnern, dass bei den letzten Bundeskonferenzen, an denen ich teilgenommen habe, das war dann 1994/95, dass da dann einige Delegationen aus den Ost-Diözesen saßen, die dann bei ihrer Vorstellung auch noch besonders beklatscht wurden. Die dann aber auch ihren festen Platz hatten und sich zu Wort meldeten – die waren dann im Verband angekommen. Eine erste Stufe der Normalisierung war dann erreicht.

Das Interview führte Babette Braun.

Mit Spuckis zeigen Kinder der Welt, wo es ihnen gefällt

Wo gibt´s denn sowas? Im Projekt „Wir mischen mit!“ der KjG in den 1990ern. Zuständige Referentin ist Maria Höring und die hat wegen des Projektes sogar eine schlaflose Nacht, in der sie Blut und Wasser schwitzt …

Du hast dich als Referentin besonders für die Rechte der Kinder eingesetzt. Selbst bist du als 11-Jährige in die KjG eingetreten und du sagst, in der KjG hat sich im Laufe der Zeit der Blick auf die Kinder ziemlich verändert. Wie meinst du das?
Tja, das sieht man schon ganz gut an meinen KjG-Mitgliedsausweisen: Mein erster KjG-Ausweis ist von 1973; da steht „Jungschar-Frohschar“ drauf. Und dann habe ich den Ausweis von 1977 gefunden - als ich schon in der Jugendstufe war – und da steht drauf: „Nicht schweigen, handeln“. Das ist für mich so die spannende Entwicklung bei der KjG. Das war zunehmend nicht mehr ein „wir treffen uns nur als Pfarreigruppe und verbringen eine nette Zeit“, sondern diese Themen „Was passiert eigentlich um uns herum? Wie sieht die Welt aus? Was hat das mit uns zu tun?“, die wurden immer wichtiger. Bei mir gipfelte das dann darin, dass ich als Referentin für Kinderpolitik zuständig war, über Jahre mit dem Titel „Wir mischen mit!“

Eine Spannende Entwicklung des Verbandes, die du da nachzeichnest …
Ja, auf jeden Fall. Natürlich mit allen Schwierigkeiten. Also, auf den Bundeskonferenzen gab es zum Teil heftige Diskussionen mit den Diözesanverbänden, die gesagt haben „Ja, wo bleibt denn das ‚K‘? Sind wir überhaupt noch ein katholischer Verband? Oder sind wir jetzt nur noch ein gesellschaftlich engagierter Kinder- und Jugendverband und haben mit katholisch sein eigentlich gar nichts mehr zu tun?“

Wie war denn in den 1990ern das allgemeine Lebens- und Zeitgefühl?
Damals war das so ein ganz spannender Spagat von dem Gefühl „Es wird auf der Welt immer enger“ – also grade so Umweltthemen. Man hatte das Gefühl, die Welt verschlechtert sich immer mehr, es wird immer mehr zugebaut … In Bezug auf die Zukunftsperspektive für Kinder und Jugendliche hatte man immer mehr das Gefühl „Es wird immer unsicherer.“ Gleichzeitig gab es dieses ganz große Thema „Emanzipation“ – und zwar nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch auf ganz unterschiedlichen Ebenen, zum Beispiel der entwicklungspolitischen Arbeit. Eben von diesem Wunsch von „Erste Welt - Dritte Welt“ wegzukommen, zu „Eine Welt“.

War das in den 1990ern also eine Emanzipation der Kinder in der KjG?
Ja, die Entwicklung von Kinderstufen-Arbeit hin zur kinderpolitischen Arbeit. Also, nicht Aktionen für Kinder machen, sondern Aktionen mit Kindern machen. Das zielte auf Mitbestimmung innerhalb des Verbandes ab, aber auch auf Mitbestimmung in die Gesellschaft hinein. Ein großes Thema war ja damals auch die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland. Da gab es dann auch ein Bündnis der Großen, wie Unicef, Kinderhilfswerk und Terre des Hommes und die KjG war eben mit dabei. Eine bunte Mischung quer durch gesellschaftliche Organisationen. Die KjG hat sich für die kinderpolitische Arbeit dann noch das Oberthema „Wir mischen mit!“ gesetzt, dazu gab es dann jedes Jahr Unterthemen …

Das erste Thema war 1993 …
„Kinder mischen mit“. Das war eher allgemein gehalten, es ging darum, dass Kinder ihre Umwelt, in der sie leben, bewerten … Da gab es so „Spuckis“, Aufkleber, die man, wie eine Briefmarke früher, anschlecken musste, damit die klebten. Es gab gelbe für „kinderfreundlich“ und rote für „kinderfeindlich“, das stand dann da auch drauf. Die konnten die Kinder dann anpappen, vor Ort in ihrer Gemeinde. Die Kinder konnten wirklich einfach für sich gucken: „An welche Orte wollen wir gehen? Welche Orte wollen wir bewerten? Welche Situationen fallen uns besonders auf?“ Es ging darum, darüber ins Gespräch zu kommen zu: „Wie sehen Kinder ihre Umwelt?“

Wie kann ich mir das denn vorstellen, was haben die Kinder gemacht?
Also, man kann zum Beispiel hingehen und sagen: „Boah, unser Spielplatz sieht klasse aus! Der bekommt ein „kinderfreundlich“. Dann gab es so einen Spucke-Aufkleber auf ein Spielgerät und dann steht da „kinderfreundlich“ drauf. Und wenn ich an einer stark befahrenen Straße stehe, an der die Ampelschaltung für Fußgänger und also auch Kinder schäbig ist, weil man da nicht in der grünen Phase über die Straße kommt, kann ich einen Aufkleber anschlecken und auf den Ampelmast kleben, und da steht dann „kinderfeindlich“. Das können dann alle, die vorbeilaufen, lesen.

Das wirkt dann ja sichtbar auch in die Lebenswelt der Erwachsenen hinein …
Ja, „Kindermitbestimmung“ war damals großes Thema. Das ist ja auch typisch für die KjG, dass sie Themen aus der Gesellschaft aufgreift. Das hat auch gut geklappt. Die Aktion und das Projekt „Wir mischen mit!“ insgesamt wurde auch gut von den Kindern und Pfarreien angenommen.

Welche Aktionen gab es noch?
Eine weitere Aktion 96-97 waren 4 Themenhefte für Gruppenstunden zu den Themen Umwelt, Konsum, Mädchen-Junge und Ausländische Kinder. Da konnte dann jeder Diözesanverband oder jede Ortsgruppe auch noch mal eigene Schwerpunkte setzten.

Warum betonst du, dass die Ortsgruppen Schwerpunkte setzen konnten?
Das war ja immer die Herausforderung, Aktionsformen zu finden, die uns alle als Bundesverband verknüpfen, die aber flexibel genug sind, dass die Diözesanverbände das auf ihre Bedürfnisse und Strukturen anwenden können. Das dritte Projekt hat mir dann eine schlaflose Nacht beschert …

Was hat dich nicht schlafen lassen?
Da hatten wir vor einer Wahl so Meinungskarten verschickt, so Leporello mäßig. Zu Themen Umwelt, Kindersituation … Da konnten Kinder und Jugendliche quasi Wahlzettel ankreuzen und eigene Zettel schreiben. Die sollten sie dann an die Bundesstelle zurücksenden und wir wollten das dann an die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth übergeben. Wir hatten das alles geplant und jetzt gingen die Dinger in die Druckerei … Plötzlich bekam ich nachts einen Rappel und dachte: „Boah, ist das überhaupt eine Form, die kindgerecht ist? Funktioniert das überhaupt? Oder hast du jetzt mit dieser Idee die ganzen Gelder des Bundesjugendministeriums in den Teich gesetzt?“ Aber, die Aktion hat toll funktioniert, wir haben sehr viel Rücklauf gekriegt. Die Kinder haben auch ganz viele freigestaltete Karten ausgefüllt zu dem Schwerpunkt Tierschutz.

Also, alles gut gegangen?
Leider nein, zur großen Übergabe mit Gruppen vor Ort ist es nicht gekommen, da uns der Termin kurzfristig abgesagt worden ist. Die wurden schon übergeben, aber dann eben ohne unsere Kindergruppen. Das war natürlich frustrierend und zeigt, dass die große Politik Kinderthemen nicht so ernst nimmt, anderen Themen wird dann der Vorrang gegeben.

Was hat „Wir mischen mit!“ bewirkt?
Naja, in Sachen Kinderrechte sieht es immer noch schlecht aus. Dennoch glaube ich, dass durch diese ganzen kinderpolitischen Aktionen Kinder gemerkt haben: Letztendlich zählen wir in der Gesellschaft doch mehr. Ich glaube, dass Kinder und Jugendliche da inzwischen auch selbstbewusster sind – siehe „Fridays For Future“. Dazu haben wir als KjG einen Teil beigetragen.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Das die KjG ihren langen Atem beibehält, was Kinderrechte angeht und die KjG dazu auch immer wieder übergreifende Bündnisse eingeht, um an der Stärkung der Kinderrechte mitzuwirken, wie sie das ja auch schon tut. Und die de Freude dabei nicht vergessen, es soll ja den Kindern Spaß machen – eigentlich allen Beteiligten!

 

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

Pari-Pari? Na klar!

Innovation paritätische Besetzung der Bundesleitung

Nachdem im Jahr zuvor bereits das wichtige Tool des „Redefluss im Reißverschluss“ eingeführt wurde, erweist sich die KjG im Jahr 1992 als große Vorreiterin in der geschlechtergerechten Jugendverbandsarbeit. Die paritätische Besetzung der Bundesleitung wird auf der Bundeskonferenz beschlossen.

Erstmals werden die Ämter gerecht nach Geschlechtern aufgeteilt. Bei z.B. 4 Bundesleitern bedeutet dies, dass die Ämter von 2 Männern und 2 Frauen besetzt werden.

Somit legt die KjG mit ihrem Bundesverband als erste Jugendgruppierung einen Meilenstein in der geschlechtergerechten Arbeit. Bis zum Jahr 1994 wird die Parität zudem in allen weiteren Gremien – bis auf Pfarreiebene – eingeführt. Die KjG ist somit in dieser Thematik den anderen Jugendverbänden, aber auch der Gesellschaft weit voraus.

Die paritätische Besetzung von Ämtern ist ein wichtiger Baustein in der Strategie Gender Mainstreaming. Unter der Strategie Gender Mainstreaming versteht man eine politische Strategie um Geschlechtergerechtigkeit in der Gesellschaft zu erreichen. Erst im Jahr 1997 wird diese Strategie, in das Primärrecht der Europäischen Union aufgenommen.

Dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Parität ein sehr wichtiger Bestandteil der KjG ist und bleibt, zeigt sich auch darin, dass wir als Verband bis heute immer wieder das Thema diskutieren und weiterentwickeln und den aktuellen Bedürfnissen nach Diversität anpassen wollen. Auch hier sind wir weiterhin eine Vorreiter*in in der Jugendverbandsarbeit.

Auch ist das Thema Geschlechterdemokratie zu einem unserer Kernthemen in der KjG geworden. Wer mehr über diese Themen erfahren möchte oder gespannt ist, was die KjG in den letzten Jahrzehnten hier noch entwickelt hat, findet dies auf unserer Homepage unter: https://kjg.de/fileadmin/user_upload/kjgfolder/Gender_Historie_final_RZ.pdf

Lisa Kriesinger

Redefluss im was?

Das Thema Geschlechtergerechtigkeit ist schon sehr lange eines der zentralen Themen im Grundverständnis der KjG. Im Jahr 1991 wird auf der Bundeskonferenz ein wichtiges Tool eingeführt, das uns auch heute noch in allen unseren Gremien begleitet:

Der Redefluss im Reißverschluss!

Aber was bedeutet dieser Redefluss im Reißverschluss eigentlich? Unter der Strategie Redefluss im Reißverschluss versteht man, dass zwei getrennte Redelisten nach Männern und Frauen geführt werden und immer abwechselnd eine Frau und ein Mann aufgerufen wird, unabhängig vom Zeitpunkt der Meldung.

Praktisch bedeutet dies: Es melden sich bei einer Diskussion Marie und Anne. Die Moderation führt geschlechtergetrennte Redelisten und notiert Marie und Anne auf der weiblichen Seite und Marie wird als erste aufgerufen. Während des Redebeitrages von Marie meldet sich zudem noch Tobias zu Wort. Er wird auf der männlichen Seite eingetragen. Durch die Methode Redefluss im Reißverschluss wird nun als nächstes Tobias aufgerufen und Anne muss noch einen Moment mit ihrem Redebeitrag warten.

Und was genau bringt uns dieser Redefluss im Reißverschluss?

Ziel solcher Listen ist es, dass unterschiedliche Gruppen ausgewogen und zu gleichen Teilen einbezogen und gehört werden. Dadurch soll gewährleistet werden, dass die verschiedenen, geschlechtsspezifischen Bedürfnisse und Meinungen von allen Gruppierungen berücksichtigt werden.

Der Redefluss im Reißverschluss ist somit ein wichtiges Instrument, um einen guten Nährboden für geschlechtergerechte Jugendverbandsarbeit zu bieten

Auf dem Weg zum heutigen geschlechtergerechten Verständnis und Profil der KjG war dies ein erster sehr wichtiger Schritt und stellte Weichen, die in den nächsten Jahren fortgeführt werden sollten.

Lisa Kriesinger

Signale 90

„Der ‚Offene Brief der Bundesleitung zum 8. Mai 1985‘ schlägt Wellen“ - So steht es in den KjG Chroniken. Der Brief am Gedenktag des Kriegsendes 1945 und der Befreiung Europas vom Naziterror beschäftigt sich mit Forderungen der KjG in Sachen Friedensarbeit, aber auch mit den Bereichen Ökologie, Frauen und Eine Welt. Ein bundesverbandlicher Prozess schließt sich an.

„Aus dem politischen Engagement der 80er Jahre erwuchs schnell die Idee einer Großveranstaltung SIGNALE ´90. Neue Themen standen im Vordergrund: Frauen, Frieden, Umwelt und Eine Welt. In den Themenfeldern hatte die KjG Profil und diesen vier Themenfeldern sollte die Veranstaltung neuen Schub bringen für die 90er Jahre,“ erinnert sich Martin Fuchs, er war Referent für SIGNALE ´90.

1.500 KjGler*innen kommen nach Neuss zu SIGNALE ´90, dem Bundesdelegiertentreffen. Das Treffen ist Feier zum 20. Geburtstag der KjG und zugleich Impulspunkt für Themen wie: „Das Kreuz mit dem Frieden – KjGlerInnen widerstehen Krieg- und Kriegsvorbereitung“, „Genug für uns alle! KjGlerInnen ergreifen Partei für eine gerechte Welt“, „Mit uns muss man rechnen – KjGlerInnen bestimmen ihre Zukunft selbst“.

„Ich glaube, rückblickend hat die Veranstaltung SIGNALE ´90 nicht das bewirkt, was die damalige Bundesleitung sich davon versprochen hat. Aber, ich glaube, sie hat das Profil des Verbandes noch einmal innerverbandlich geschärft, also die Diskussion: ‚Sind wir ein politischer Verband oder ein Freizeitverband?’ Diese Diskussion hat in den 90er Jahren sicherlich noch einmal an Format gewonnen. Ich finde, das kann man heute noch spüren oder merken,” fasst Martin Fuchs zusammen.

Das Interview führte Babette Braun.

Energisch wenden!

Leute, die gelbe Fässer wälzen, in Schutzanzügen, Passanten gehen vorbei, lächeln oder gucken verdutzt – „Energisch wenden“ heißt die Aktion, die 1988/89 diese Fotos liefert. Hinten auf den Fotos ein Name: Thomas Ehses. Er ist 1987-1991 in der Diözesanleitung von Köln – umweltbewegt (bis heute noch als Klimaschutzmanager des Bistum Aachen). „Atomkraft? Nein danke!“ heißt es in ganz Deutschland und die KjG macht mobil gegen „Verstrahlte Wege“ durch Atomtransporte …

Welche Ängste hatten die Leute, wenn es um Atomkraft ging …
Es gab Angst vor Atomunfällen, 1986 war ja der Reaktorunfall in Tschernobyl, es gab vorher auch schon Bedenken, aber der Unfall hat es dann besonders bedrohlich gemacht. In der Zeit hat der Verband das dann auch aufgegriffen. Wir haben uns nach Tschernobyl direkt ja auch alle gefragt: „Können wir jetzt noch rausgehen? Müssen wir alle Konserven kaufen, weil frisches Gemüse und Obst jetzt verseucht sind …“, also, müssen wir Lebensmittel horten? Das Angstgefühl war daher präsent.

Was sollte das denn heißen, das Motto „energisch wenden“?
Es ging halt um die Energiewende. Die Idee, die aufkam, dass wir eine Energieversorgung brauchen ohne Atomkraft. Das Klima wurde dann auch so langsam Thema. Der Fokus war aber auf „raus aus der Atomkraft.“ Eben langfristig auf erneuerbare Energie umsteigen. Die Energiewende ist nicht von Frau Merkel erfunden worden, sondern kommt aus der Umweltbewegung. Es sollte ein Impuls sein, sich energisch für die Energiewende einzusetzen – also die Politik und auch wir Bürger*innen.

„Energisch wenden“ war eine Aktion vom Bundesverband, daran haben sich die Diözesanverbände beteiligt, unter anderem durch einen symbolischen Atommülltransport, wie sah das denn aus?
Wir hatten gelb angemalte Fässer mit dem Atomzeichen drauf. Die wurden von einem Diözesanverband zum nächsten weitergegeben, so als Kette, die durch Deutschland lief. Wenn wir Aktionen gemacht haben, dann haben wir oft auch weiße Maleranzüge getragen. Wir haben dann diese Fässer an verschiedenen Stationen durch die Gegend gerollt. Und dann haben wir auch so Die-In-Aktionen gemacht, also einen Atomunfall simuliert und uns auf den Boden geworfen, als seien wir tot oder verletzt. Infotische gab es auch. Wir in Köln hatten zudem noch so kleine Atomfässchen, also, wir haben Diafilmdöschen genommen, die gelb beklebt und das Atomzeichen aufgebracht. Da rein haben wir dann Zettel mit Infos über die Gefahren der Atomtransporte und der Atomkraft getan und die dann an die Leute verteilt … So mit der Idee: „Das ist dein Anteil am Atommüll, guck mal, wie du den entsorgst“…

Haben die Leute euch für verrückt gehalten?
Ja, es gab sowohl Zuspruch als auch Leute, die gesagt haben: „Ihr spinnt“ oder kopfschüttelnd vorbeigelaufen sind. Es gab da auch noch nicht so viele, die gegen Atomkraft waren. Wir wollten das daher auch drastisch darstellen, was passieren kann.

Und wie war das in der KjG?
Hier in Köln hatten wir den Beschluss zum Thema „Bewahrung der Mitwelt“. Mitwelt, weil wir ja Teil des Ganzen sind. Da gehörte auch die Stellungnahme gegen Atomkraft zu und viele Aktionen zu Energie und Bewahrung der Schöpfung. Energisch wenden war aber die Aktion der Bundesebene, da gab es dann auch einen Aktionstag in Wackersdorf, 14.-15. Oktober 1989 …
Auf Bundesebene waren sich schon alle sehr einig, hier war das Ganze auch mit den Themen Sozialverträglichkeit und Demokratieverträglichkeit verbunden. Aber in den unteren Ebenen und Ortsgruppen gab es schon auch Widerspruch. Da gab es in der Gesellschaft schon so zwei Lager.

Und – was wolltet ihr erreichen? Was habt ihr erreicht?
Ja – den Atomausstieg haben wir nicht erreicht (lacht), der kam dann später und ist ja immer noch im Gange. Letztlich waren wir als KjG ein kleines Rädchen. Aber, die Anti-Atomkraftbewegung hat schon was erreicht, was den Stimmungsumschwung in Sachen Atomenergie angeht, davon waren wir ein Teil. Es ist schon einiges passiert – da kann man schon stolz sein. Und wenn ich sehe, wie viele Jugendliche sich heute mit Fridays for future wieder für ein nachhaltiges Handeln einsetzen – das macht auch Hoffnung.

Das Interview führte Babette Braun.


Keine Krise der Humanität!

„Kleinmut und Ängstlichkeit hindern einen Menschen oft, das Gute zu tun, zu dem er fähig wäre, wenn er im Vertrauen auf Gottes Hilfe Mut fassen würde.“ (Thomas Morus) Stellungnahme der KjG-Bundesleitung

In diesen aufreibenden und unplanbaren Zeiten der Corona-Pandemie stellen wir fest, dass wir gemeinsam als Gesellschaft Verantwortung füreinander übernehmen. Einzelne bleiben seit Tagen/Wochen zu Hause, um diejenigen zu schützen, die es gesundheitlich in dieser Situation am schwersten treffen könnte.

Gleichwohl stellen wir fest, dass ein Rückbezug auf sich selbst stattfindet. Inner-europäische Grenzen werden abgeschottet, Hilfen für Menschen auf der Flucht werden eingestellt, die besondere räumliche Isolation bringt unter Umständen insbesondere für Kinder, Jugendliche und Frauen* außergewöhnliche Gewaltverhältnisse. Wir beobachten solche Entwicklungen mit Sorge. Wir sind und bleiben wachsam, sodass keine*r zurückgelassen wird.

Das Zusammenleben der Menschen braucht unauflösliche Grundsätze, die ein gleiches und gerechtes Miteinander ermöglichen. Gerade in Krisenzeiten dürfen wir die besonders hilfebedürftigen Menschen nicht vergessen. In Bezug auf die Gesundheit nehmen wir gerade eine große Sensibilität füreinander wahr. Das ist wichtig und gut!

Unsere erste Aufmerksamkeit richtet sich derzeit verständlicher Weise erst einmal unseren Lieben. Aus gelebter Nächstenliebe dürfen wir aber nicht die Menschen vergessen, die uns persönlich nicht direkt nahestehen. Die aktuelle Situation ist insbesondere für Menschen marginalisierter Gruppen eine große Herausforderung. Wir sind verpflichtet, für alle Menschen Sorge zu tragen!

Sorge um die Werte in Europa und in der Welt

Als Gemeinschaft sind wir nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und weltweit verpflichtet füreinander zu sorgen. Wir verurteilen, dass bspw. in Ungarn die derzeitige Gesundheitskrise als Deckmantel für die Strategie von Despot*innen ausgenutzt wird, um demokratische Prinzipien auszuhebeln und diktatorische Strukturen zu ermöglichen.

Wir fordern eine verlässliche, nach demokratischen Prinzipien organisierte Politik, die allen Menschen gleiche Mitspracherechte ermöglicht und deren Antrieb ein kulturelles und soziales Zusammenwachsen ist und bleibt, selbst wenn physisch derzeit Sozialkontakte aus Rücksicht auf Risikogruppen und Gesundheitssysteme eingeschränkt werden müssen. Politiker*innen und Parteien sind dazu aufgerufen, wachsam zu sein und dafür zu sorgen, die Idee Europa und ihre Werte uneingeschränkt wieder einzusetzen, sobald die derzeitigen Einschränkungen medizinisch nicht mehr geboten sind.

Wir fordern die Stärkung parlamentarischer Strukturen, die Orientierung an Menschen-, Kinder- und Arbeitsrechten sowie eine Kontrolle der globalisierten Wirtschaft. Dazu gehören auch Veränderungen in der Struktur der Entscheidungswege innerhalb der Europäischen Union, das EU-Parlament muss weitreichendere Entscheidungskompetenzen erhalten. Europa- und Weltpolitik müssen dazu beitragen, dass mehr Freiheiten und Sicherheiten für alle Menschen entstehen.

Sorge um die Einhaltung von Asylrechten

Für Entwicklungszusammenarbeit und -politik bedeutet dies, dass die Zusammenarbeit zwischen den Ländern vom klaren Gedanken der Partnerschaft und der Gleichberechtigung getragen sein muss. Sie muss sich an den Bedürfnissen und Ansprüchen vor Ort orientieren. Im Zweifel müssen deutsche und europäische Politik ihre eigenen Interessen und Ziele der Entwicklungspolitik unterordnen. Auf dieser Grundlage kritisieren wir die Aussetzung humanitärer Hilfen aufs Schärfste.

Menschen auf der Flucht und Schutzsuchende in unmenschlichen Umständen der Situation schutzlos auszuliefern entspricht weder unseren Gesetzen noch unseren menschlichen und ethischen Pflichten. Für uns ist die gottgeschenkte Würde jedes Menschen maßgebend. Die Sorge und Verantwortung für Menschen als Mitglieder unserer Weltgemeinschaft darf nicht an Ländergrenzen enden. Sie ist kein Privileg einer bestimmten Staatsangehörigkeit.

Sorge um die Einhaltung von Kinder- und Menschenrechten

Die besondere räumliche Isolation sorgt nicht unbedingt dafür, dass wir mehr Zeit miteinander und zu Hause verbringen und ein romantisches Bild von Gemeinschaft erleben können. Die Maßnahmen sind nicht in Frage zu stellen, allerdings bedeuten sie Einschränkungen, die unterschiedlich stark wirken: Derzeit fallen umfangreiche Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten für Menschen in jeglichen Lebenssituationen weg. Damit schränken sich für einige Personengruppen und insbesondere für Kinder und Jugendliche auch Teilhabemöglichkeiten massiv ein.

Wir befürchten einen Anstieg häuslicher Gewalt – vor allem gegen Frauen*, Kinder und Jugendliche. Kinder und Jugendliche sind nicht mit Erwachsenen gleichzusetzen. Aufgrund ihrer Lebenssituation und eigener spezifischer Bedürfnisse brauchen Kinder ihre eigenen Rechte auf Schutz, Entwicklung, Entfaltung, Bildung und Beteiligung. Diese Rechte müssen auch in der besonderen Situation, in der wir uns derzeit befinden, gewahrt und umgesetzt werden. Auch in dieser Zeit müssen auf angezeigte Kindeswohlgefährdungen angemessen reagiert und entsprechende Interventionsmaßnahmen ergriffen werden.

Wir erleben Eltern, die vor der Herausforderung der gleichzeitigen Kinderbetreuung und der Bewältigung existenzieller Ängste oder der Koordination der Heim- sowie Erwerbsarbeit stehen. Wir erleben Menschen, die sich in systemrelevanten Berufen bis zum Äußersten verausgaben und weiterhin um angemessene Bezahlung kämpfen. Wir fordern unsere Gesellschaft dazu auf, die Politik in die Pflicht zu nehmen, für eine angemessene Bezahlung und umfassende Grundversorgungsleistungen zu sorgen.

Sorge tragen für die Zukunft

Auch nach der Pandemie werden die Folgen der starken wirtschaftlichen Einbrüche bei vielen wirtschaftliche Ängste zurücklassen. Dies als Chance zu verstehen und unser Wirtschaftssystem schon jetzt neu zu überdenken, könnte vielen Menschen Hoffnung schenken. Alles Wirtschaften muss sich an den Menschen ausrichten und ihnen soziale, ökonomische und persönliche Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Das umfasst eine faire Bezahlung sowie angemessene Arbeitsumstände. Die Einführung eines bedingungsglosen Grundeinkommens würde Sicherheit und Schutz vor Armut geben. Wir fordern von politischen Entscheidungsträger*innen weitsichtige Entscheidungen, die die Wahrung von Kinder- und Menschenrechten als höchstes Ziel ansehen.

Sorge tragen im Hier und Jetzt

Die aktuell eingesetzten Maßnahmen bewerten wir als notwendig, um zum Wohle der Gemeinschaft beizutragen. Darüber hinaus sind wir alle aufgerufen, unsere persönliche Verantwortung wahrzunehmen. Zahlreiche Verbände, Initiativen und insbesondere Gruppierungen der KjG nehmen ihre Verantwortung bereits wahr. Sie starten ganz besonders dieser Tage solidarische Aktionen, um ein zugewandtes Miteinander aufrecht zu erhalten. Das ist eine großartige Entwicklung und zeigt uns einmal mehr, wie viel Verantwortung für das Gemeinwohl gerade unsere Gruppen in ihrer alltäglichen Arbeit, aber eben auch in besonders herausfordernden Zeiten übernehmen. So schwierig es aktuell auch ist: es ist keine Krise der Humanität!

Wir als KjG setzen uns ein für ein vielfältiges und menschenwürdiges Miteinander – in und nach Krisenzeiten.

 

Wir beziehen uns in unseren Forderungen größtenteils auf die im Kinder- und Jugendpolitischen Grundlagenpapier von 2013 beschlossenen Haltungen.


Andachten am Bauzaun – Happening oder was?

Ja, das gibt es 1986 -88: Andachten am Bauzaun, aber nicht, um mit dem Ort junge Leute für Gottesdienste zu begeistern. – Der Bauzaun gehört zur Wiederaufbereitungsanlage für Atombrennstäbe(WAA), die in Wackersdorf entstehen soll. „WAAhnsinn“ ist der Standpunkt der KjG in Sachen Wackersdorf. 1986 beschließt die Bundeskonferenz die „Wackersdorfer Zusage“: Alle Diözesanverbände verbringen im Laufe des nächsten Jahres ein Wochenende in Wackersdorf, gestalten Andachten am Franziskus-Marterl und protestieren gegen die WAA. Hans Gartenmaier ist zu der Zeit Geistlicher Leiter der KjG, erst im Diözesanverband Passau (1983-87) und dann auf Bundesebene (1987-91).

Im Dezember 1981 begannen die Protestdemonstrationen gegen Wackersdorf. Es bildete sich die Wackersdorfer-Koalition aus der Mitte der Gesellschaft, dabei waren Mitglieder bürgerlicher Parteien, Pfarrer … ab 1986 gab es dann ‚Protestpflicht‘ für KjGler*innen vor Wackersdorf – könnte man mal flapsig in den Raum werfen. Warum die Aufregung?
Die WAA Wackersdorf sollte in die Pampa bei Regensburg gebaut werden. Die CSU hat das in Bayern durchgesetzt. Aber in der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die Atomenergie. Niemand wollte die Wiederaufbereitungsanlage in der Nähe haben. Wackersdorf liegt so ziemlich in der Pampa, die konnten die Arbeitsplätze gut gebrauchen und man hat wohl auch gedacht, wenn wirklich was passiert, da ist man schön weit weg von allem, da kann man das ruhig machen – so ungefähr: „Ach! Die paar Leute“.

Was hatte denn der Jugendverband KjG damit zu tun?
Es waren damals die Jugendverbände allgemein deutlich politischer als heute. Wackersdorf war zudem ein „Lernfall“, wie politische Prozesse bei uns ablaufen. Außerdem genau wie heute „Fridays for Future“ sagt: „das ist doch unsere Zukunft!“, so war das hier auch. Damals war es nicht so, dass die Wirtschaft offensichtlich so bestimmend war wie heute. Man war damals der Meinung, dass die Politik das Sagen hat – aber Wackersdorf hat ziemlich deutlich gezeigt, dass die Wirtschaft das Sagen hat. Dagegen hat die KjG sich stark gemacht.

Es gab dann aber im April 1986 den Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl …
Ja, die atomare Wolke war in Süddeutschland ziemlich heftig, die radioaktive Verseuchung von Pilzen etc.. Es gab zudem auch die Diskussion um die atomare Nachrüstung.

Wie hat die KjG dann agiert?
Da waren eher die bayrischen Diözesanverbände aktiv, München, Regensburg, Passau. Die haben Demos gemacht, das Thema Atomenergie inhaltlich aufbereitet. Veranstaltungen mit allen Parteien aus den Diözesen organisiert. Bei der Bundeskonferenz 1986 sind wir dann mit zwei Bussen nach Wackersdorf gefahren. Da haben wir dann eine Demo gemacht. Bei der Demo haben sie auch einen oder zwei von uns verhaftet …

Wart ihr auf so etwas vorbereitet?
Nein, das war damals noch nicht so wie heute. Aber, die Polizei hat da allgemein ziemlich radikale Methoden angewendet. Wackersdorf war, könnte man sagen, nahezu ein Kriegsgebiet. Es ist genau so hermetisch abgeriegelt worden, die Polizei ist Streife gefahren, Einheimische, die nachts aus dem Wirtshaus heimfuhren, sind aufgehalten worden, aber nicht zur Alkoholkontrollen, sondern … - damit die ja nix anstellen. Wenn man die Autos da irgendwo geparkt hat, dann sind die Nummernschilder aufgeschrieben und gemeldet worden. Wasserwerfer, Reizgas, das war alles da … Das kam für alle ziemlich überraschend.

Und wie war das dann mit den Gebeten am Bauzaun?
Im Wald in Wackersdorf außerhalb des Rodungsbereiches gab es ein riesig großes Kreuz, Marterl heißt so ein Wegkreuz im Bayrischen, das war vier Meter hoch und da stand eine Franziskusstatue, der schon immer der große ökologische Heilige war. An diesem Franziskus-Martel, da waren jeden Sonntag um 14:00 Uhr Andachten, hauptsächlich haben das die Regensburger vorbereitet. Dazu sind Leute von weit hergekommen. Ich habe die Andacht 5-6-mal gehalten. Die Texte waren natürlich alle politisch und nach der Andacht ist man dann gemeinsam zum Bauzaun gegangen. Die Polizei hat den Bereich eingekreist und über der Andacht ist oft ein Hubschraubergekreist …

Üblicherweise schalten sich dann irgendwann die Bischöfe ein …
Ja, das war auch so. Aber da ging es um einen Politiker aus der CSU, der kam ziemlich schlecht vorbereitet zu einer Diskussion und ist dann sehr schlecht dabei weggekommen. Der hat sich dann beim Bischof beschwert. Der Bischof war der Eder. Die Diözesanleitung musste dann beim Bischof antanzen. Der war aber sehr vernünftig. Der hat uns zehn Minuten lang richtig runtergemacht und dann hat er gesagt: „So, jetzt habe ich meine Aufgabe erledigt. Und jetzt kann ich euch sagen ‚Macht’s weiter‘, ich stehe voll hinter euch.“

Erstaunlich …
Ja, die Bischofsversammlung war eigentlich immer der Meinung: Politisch agieren steht einem Jugendverband nicht zu, wenn sich einer politisch äußert, dann ist das die Bischofskonferenz. Der KjG wurde ständig gedroht, das „K“ für katholisch zu entziehen und die Gelder zu streichen.

Du hast gesagt, Wackersdorf ist ein Lernfall für die Verquickung von Politik und Wirtschaft?
Ja! Der Franz-Josef Strauß, der Bayrische Ministerpräsident, der hat sogar einen Brief an die Bischöfe und die evangelischen Dekane geschrieben. Darin hat er die Bischöfe aufgefordert, sie sollten gefälligst ihre Jugendverbände auf Linie bringen. Das waren fünf bis sechs Punkte, die ja so gar nicht gingen, seiner Meinung nach. Widerstand aus den Kirchen war man nicht gewohnt.

Es gab auch juristische Proteste aus der Bevölkerung gegen die Wiederaufbereitungsanlag. Die Forderung der KjG war, dass die WAA Wackersdorf nicht gebaut wird – und diese Forderung wurde dann ja auch durchgesetzt: am 31. Mai wurden die Bauarbeiten eingestellt …
(lacht) Ja, scho, aber die KjG hat jetzt Wackersdorf nicht verhindert. Meine Überzeugung ist, die ganzen Demonstrationen, die haben der Wirtschaft geschadet vom Imageverlust her, so dass die irgendwann gesagt haben: „Wir brauchen das Wackersdorf eigentlich nicht“, dann hat der Veba-Manager von Benningesen-Foerder das abgeblasen. Die Politiker haben dann natürlich etwas blöd dagestanden.

 

Danke für das Interview
(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

Wir waren unserer Zeit voraus - Arche Noah – Umweltaktion von Kindern

„Uns war klar, dass es nichts nutzt, sich in Pfarrheimen zu verschanzen“, sagt Arno Stuppy, er war als Referent für das Projekt „Arche Noah – Umweltaktion von Kindern“ (1986-1988) zuständig. Angestoßen wurde es durch den Offenen Brief der Bundesleitung „zum 8. Mai 1985“. Darin stellt die KjG auch Forderungen im Bereich Ökologie auf.

Arche Noah, die KjG und die Kinder – kam mit der Arche das KINDER im Kinder- und Jugendverband so richtig zur Geltung?

Na ja, alleine durch die Mitgliederzahlen standen die Kinder in der KjG im Vordergrund, sie waren zahlenmäßig mehr als die jungen Erwachsenen und Jugendlichen im Verband. Was bis dahin gefehlt hat, war der Mut, Kinder zu Veränderungen, zum politischen Handeln zu führen. Also, sie zu ermutigen, dass sie sich vor Ort einmischen und aufspüren, wo ihre Lebens- und Zukunftsperspektiven gefährdet werden, um dann etwas daran zu machen. Von 22 Diözesanverbänden  haben übrigens 14 mitgemacht.

 

Was waren denn damals die Aufregerthemen?

Also, was heute Klimakrise ist, war damals die Umweltverschmutzung. Heute macht man Aktionen gegen den Klimawandel, das hieß dann damals „Natur- und Umweltschutz“. Das waren dieselben Themenfelder: Luftverschmutzung, Umweltgifte, Gewässerverschmutzung und Flächenversiegelung, Waldsterben. Die Flächenversiegelung war damals eigentlich noch schlimmer und man hat schon gemerkt, dass es weniger Lebensräume für Pflanzen und Tiere gab.

 

Warum Arche Noah und Sintflut als Symbole?
Ich würde sagen, eine Vorlage aus der Bibel für einen christlichen Verband ist doch begrüßenswert. Sie hat auch Akzeptanz innerhalb der Kirche und den Diözesanverbänden geschaffen. Die Geschichte der Arche Noah bietet außerdem eine Menge von Symbolen, die man lebendig machen konnte: Die Arche selbst als Rettungsschiff. Der Regenbogen als ein „Gott ist mit uns“, also Mut gebend. Die Taube mit dem Ölzweig als Zeichen des Lebens, mit dem Gedanken „Es macht Sinn aufzubrechen – wir können  mit Gottes Hilfe Veränderungen schaffen“.

 

Umweltzerstörung war in den 1980ern ein belastendes existentielles Thema – geeignet für ein Kinderprojekt?
Ja, da gab es schlaue und vorausschauende „Köpfe“ in der KjG, die wussten: „Wir können das von den Kindern nicht mehr fernhalten.“ Die Bundeskonferenz 1985 hatte mit ihrem Beschluss verstanden, dass die KJG informieren und mit Bildungsarbeit eine Bewusstseinsveränderung herbeiführen muss. Es ging darum, Kinder ernst zu nehmen, sie kompetent zu machen und ihnen zuzutrauen, dass sie etwas verändern können.

 

Eine Bewusstseinsveränderung?

Ja, ich denke das hing auch an den Zielen der KjG, die sich als Verband gesehen hat, der sich politisch einbringen muss. Uns war klar, dass es nichts nutzt, sich in Pfarrheimen zu verschanzen, sondern, dass wir rausgehen und unsere Stimme erheben müssen. Mit der Arche Noah kam diese Zielsetzung in die Kinderstufenarbeit.

 

Was haben die Kindergruppen denn damals gemacht?
Es gab einen „Aktionsfaden“, der das inhaltlich aufbereitet hat. Darin standen inhaltliche und praktische Anregungen. Es ist auch sehr viel von den einzelnen Gruppen dazugekommen. Also, ich habe am Ende über 70 Seiten Praxisbeispiele gesammelt. Ich erinnere mich an Flussfahrten von den Diözesen Limburg und Freiburg auf Rhein und Main, dabei wurden die Ufer mit ihren Industrieanlagen und Abwassereinleitungen genau betrachtet und Expert*innen haben das Wasser untersucht. Es gab Exkursionen, Tatortbesichtigungen genannt, zu Orten der Umweltzerstörung. Schon damals wurden Nistkästen aufgestellt, Hecken und Bäume gepflanzt und Flora und Fauna bestimmt. Andere haben Detektivspiele entwickelt oder Kinder durch ein Malbuch an das Thema herangeführt. Viele Ferienfreizeiten und diözesane Kinderwochenenden griffen das Thema auf.

 

Das Spannungsfeld der Gesamtaktion lag auf der Erwachsenen-Seite zwischen Gottvertrauen und Handlungswillen zur Umkehr - oder?

Ich denke schon. Vertrauen auf Gott, in dem Sinne: „Wir vertrauen auf ihn, der uns stärkt in diesen Zeiten etwas zu verändern.“ Den Handlungswillen habe ich in der KjG in vielen Phasen erlebt: Das Schlagwort wie „Schöpfung bewahren“ ist von KjGler*innen mitgeprägt worden. Das bedeutet, einen Handlungswillen zu zeigen, der nicht nur auf Expert*innenwissen beruht, sondern auch auf unserem Gottvertrauen.

 

Was ist eigentlich bei „Arche Noah – Umweltaktion von Kindern“ rausgekommen?

Ich denke, dass auf jeden Fall dabei rausgekommen ist, dass weite Kreise des Verbandes sich mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Unsere Gruppenarbeit für Kinder war dann nicht mehr nur Freizeitgestaltung, sondern auch ein Hingucken „Wo hakt es auf der Welt und im Leben“. Es ging darum, dass Kinder etwas verändern können in ihrem Nahbereich. Mit dieser politischen Arbeit für Kinder und mit Kindern waren wir unserer Zeit voraus. Und: Die Kinder, die damals 10 waren, sind heute 45 und ich denke und spüre, dass diese Zeit sie geprägt hat und hängengeblieben ist, nach dem Motto: „Wir müssen handeln, wir müssen selbst was tun.“

 

Danke für das Interview

 

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

Aufstehen für Abrüstung!

Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen – Wundervoll? Mutig? Oder einfach unwahrscheinlich? Unwahrscheinliches passiert! Die KjG hat das in Sachen Friedensarbeit in den 1980ern bewiesen, sogar Sozialisten hat sie an ihrer Seite wirken lassen, erinnert sich Hans Gerd Schwandt, er war 1982 zuständig für das Projekt und Buch „Aufstehen für Abrüstung“ …

Du bist über einen Freund bei Pax Christi mit der KjG in Kontakt gekommen, warst erst Zivildienstleistender dort und dann Referent für „Aufstehen für Abrüstung“. Du sagst „Die KjG hat sich an das Thema rangearbeitet“. Wie meinst du das?

Abrüstung und Friedensarbeit war ja ein politisches Thema, ein hochpolitisches Thema und auch sehr kontrovers. Das war die Zeit der Diskussionen um den Nato-Doppelbeschluss, es gab riesige Demos, z.B. in Bonn im Hofgarten. Und da sagte auf einmal ein katholischer Jugendverband offiziell: „Wir reihen uns jetzt ein in die Gruppe derer, die dagegen vorgehen.“ Ungewöhnlich. Kirche war sonst, wenn es um eindeutige Stellungnahme ging, immer so ein bisschen vorsichtig …

Friedensthema und -arbeit kam 1979 in der KjG auf, es gab zum Beispiel die Resolution zum Antikriegstag. Drei Jahre später dann „Aufstehen für Abrüstung“ Wie war das Echo in der KjG?
Es war nicht ohne, politisch so Stellung zu beziehen. Das hat innerhalb des Verbandes Diskussionen gebracht, es gabt DVs, die da nicht so ganz begeistert waren. Das war eine mutige politische Entscheidung, für die die BL damals gradestehen musste. Die KjG hatte schon eine besondere Position und Rolle.

Spannung durch Friedensarbeit - die Diskussion in der KjG ging so weit, dass man der Bundesleitung Manipulation unterstellt hat, weil sie auch eine Öffnung zum Osten einforderte …
Ja! Berlin war das damals, Berlin habe ich im Kopf, weil ich mich gewundert habe, dass grade so ein Großstadtverband so konservativ war. Das waren nicht die einzigen, es gab aber noch andere.

Die Bundesleitung hat sich mit einem offenen Brief zur Wehr gesetzt und später dann das Buch „Aufstehen für Abrüstung“ bei dir in Auftrag gegeben hat. Was wollte man denn damit erreichen?
Es ging darum, das Thema im Verband zu platzieren, sich damit auseinanderzusetzen, so dass wenn KjGler*innen von Pfarrern oder Eltern oder diesen erwachsenen Besserwissern gefragt wurden: „Was wollt ihr denn? Was meint ihr denn?“, diese fähig waren zu argumentieren und die richtigen Worte hatten, auch die Bundesleitung auf gremienebenen. Die Idee war: „Wir müssten etwas machen, womit man arbeiten kann, was man in der Hand hat.“

Was hatte es denn auf sich mit der vorgeworfenen „Ostsympathie“?
Das sieht man auch in unserem Buch „Aufstehen für Abrüstung“, das thematisieren wir in einem Artikel, diese Vorstellung: Die stehen zähnefletschend an der innerdeutschen Grenze und wollen über uns herfallen, der Warschauer Pakt als der Aggressor. Wir als KjG haben gegen die Logik der Abschreckung argumentiert, also gesagt, dass man mit diesem Feindbild nicht weiterkommt und Abschreckung nicht funktioniert. Also militärisch so stark sein, dass jeder weiß: Wenn er uns was tut, dann reißt ihn das selber ins Verderben, das funktioniert nicht.

1982 gab es einen Aktionstag und eine Aktionswoche zu „Aufstehen für Abrüstung“ unter dem Vorzeichen des gewaltfreien Widerstandes …
Ja, das war der Grundgedanke und die christliche Begründung. Wir haben biblisch argumentiert. Die Sache mit „halt die andere Wange hin“ ist nicht naiv, sondern ein politisches Programm. Das kann man nicht wörtlich übertragen, aber es gab die Idee der einseitigen Abrüstung, von Politikern entwickelt, aber wir haben das begründet. Die Botschaft Jesu ist eine der Gewaltfreiheit: „Wer das Schwert nimmt wird durch das Schwert umkommen“. Da trifft sich eine linke politische Idee mit der Bergpredigt. Im Handbuch übrigens auch …

Christlich katholische Ideen und linkspolitische in einem Buch?
In dem Buch sind eine Reihe von Zitaten aus Artikeln von Leuten vom „Sozialistischen Büro“, das war eine undogmatische linke Organisation. Die haben wir integriert. Das zähle ich auch unter „Mut der KjG“.

Was haben die Bischöfe dazu gesagt?
Die wussten das glaube ich nicht. Aber, ich hatte auch immer das Gefühl: Bei Pax-Christi stand immer der Bischof vor uns. Das ist bei der KjG ja nicht so, da war der Bischof, der für die Jugendverbände verantwortlich, der war eigentlich immer mehr so der Aufpasser, der das Schlimmste verhindert, meinem Empfinden nach. Da hat die KjG wirklich Mut bewiesen

Geendet hat dann diese sehr aktive Friedensarbeit mit den Umwälzungen im Osten und dem Mauerfall?
Naja, der Kalte Krieg war vorbei, die Block-Konfrontation war vorbei. Der Osten hat uns sein System nicht übergestülpt, im Gegenteil, es ist genau anders rum gekommen … Da hat das Thema an Präsenz verloren. Die Friedensproblematik ist eigentlich jetzt viel komplizierter und ein Kernthema der KjG ist sie ja geblieben.

 

Danke für das Interview

 

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

 

Mit der Aktion „Aufstehen für Abrüstung“ fordert die KjG Friedenssicherung durch Abrüstung und wendet sich gegen die atomare Abschreckung und insbesondere gegen die im NATO-Doppelbeschluss festgelegte Stationierung von Mittelstreckenraketen. Anliegen dieser Aktion war es auch Unfriedenssituationen im Alltag aufzuzeigen und anzugehen.

Der Name KjG - Ein lächerliches Problem?

„Wir finden es geradezu lächerlich“, empört sich eine KFG Führerinnenrunde im Mai 1970. „Die Abkürzung KFG war deutlich genug“ und eine Diözesanstelle KFG/KJG schreibt: „Warum wollt ihr überhaupt den Namen ändern? […] KJG/KFG hat sich eingebürgert …“ diese beiden Zitate spiegeln ganz gut die Kritik wider, welche aufbrandet, als die Katholische Frauenjugendgemeinde (KFG) und die Katholische Jungmännergemeinschaft (KJG) sich 1969/70 unter einen gemeinsamen Namen stellen wollen.

Nein, ein Zufallstreffer wie der Seelenbohrer ist der Name KjG nicht. Dahinter steckt ein Jahr Arbeit und Diskussion. Die mühsame Namenssuche zeigt, dass Zusammenwachsen Zeit braucht und die Zeit das Ergebnis prägt.

So war die Lage: Nach dem ersten Deutschlandtreffen der KFG und der KJG in Münster 1968 ist es eindeutig: die KFGlerinnen und die KJGler wollen ein Verband sein. Juni 1970 wird zur Verbandsgründung ins Auge gefasst. Dazu soll aber ein Name her …
1969 werden drei Werbeagenturen mit der Namenssuche beauftragt – deren Vorschläge lauten unter anderem:
„Centrum Junge Kirche“, „Gemeinde unter20“, „Junge Mission“, „Forum Quo Vadis“ …

Die Antwort: Eine Welle der Unzufriedenheit in KFG und KJG …
… und ein Rundschreiben der Leitungen an die Diözesen: Bitte fragt in euren Pfarreien nach Vorschlägen.

Die Diözesanleitungen fragen nach.

Die Antwort: Eine Welle der Unzufriedenheit in KFG und KJG (s.o.)
… soll doch alles so bleiben wie es ist.

Dann trudeln aber doch einige Vorschläge aus den Pfarreien ein:

„Aktion Junge Kirche“, „Jesus Rocker“, „Die jungen Betnix“, „Katholische Jugend Gemeinschaft“ …

Dann ist sie da, die Bundeskonferenz (BuKo) vom 12. - 17.06.1970 in Altenberg. KFG und KJG gründen einen gemeinsamen Verband und taufen ihn am 15.Juni auf den Naaaamen (Trommelwirbel): KJG „Katholische Junge Gemeinde“  – Kommt einem irgendwie bekannt vor …

Männerpower?

Nun fragt man aus heutiger Sicht misstrauisch: Haben sich da die Männer durchgesetzt? Nein, es ist viel, wie soll man sagen, menschlicher …: „Einer der Gründe für dies Wahl war, dass man bei einer doch recht bekannten Abkürzung für unseren Verband bleiben konnte und man sich so erspart hat, für etwas Neues zu werben“, erklärt es die damalige Bundesleiterin Annemarie Brodesser im Juli 1970.
Dass dafür die Frauen der KFG im Kürzel der Katholischen Jungmännergemeinschaft – KJG – aufgehen - sieht damals anscheinend allerhöchstens eine Minderheit als problematisch an. Denn: Der Name wurde per demokratischer Abstimmung auf der BuKo 1970 gefunden.

Der Gleichberechtigungsfrage bewusst, sind sich die KFGlerinnen und KJGler aber durchaus. Das wird klar, wenn man weiß, dass im Protokoll der BuKo 1969 in den Überlegungen zum gemeinsamen Verband steht: „…man lässt Frauen immer noch ungern im öffentlichen Leben aufkommen“ und „Wir müssen es ermöglichen, dass unsere Jungen und Mädchen eine echte Partnerschaft erlernen!“ und „Hinführung zur Partnerschaft muss also eine unserer ersten Aufgaben in der Bildungsarbeit sein.“
Gleichberechtigte Frauenpower soll also in jeder Hinsicht Bestandteil des gemeinsamen Verbandes sein: Mädchen und Jungen, Männern und Frauen besetzen paritätisch die Organe des gemeinsamen Verbandes auf allen Ebenen. Durchaus nicht üblich in Verbänden damals – und auch heute.

KJG - der größtmöglichen Freiheit zu Liebe

Um so erstaunlicher erscheint dann das Ergebnis vom 16. Juni 1970: „Mit 57 Ja- und 12 Gegenstimmen und 10 Enthaltungen spricht sich die Bundeskonferenz für die alte Abkürzung KJG mit einer noch zu suchenden Interpretation aus.“
Die Interpretation konnte dann sein: A) Katholische Jugend-Gemeinschaft oder B) Katholische Junge Gemeinde. Version B wird es, mit 56 Stimmen.

Gründe dafür:

- Wir sind katholisch und nicht nur christlich.

- Das Wort Gemeinde gibt den Schwerpunkt unserer Arbeit an.

- Die Kombination „Junge Gemeinde“ zeigt an, dass wir uns nicht gleichschalten lassen werden, sondern kritisierend und gestaltend mitwirken.

- Im Sinne des Aktionsprogramms ist der Name auch offen gehalten für alle Gruppierungen und Gesellschaftsformen innerhalb einer Gemeinde: Jugendliche, junge Erwachsen, junge Familien, Hobby-Kreise …

So bleibt es dann auch bis 2010, da wird dann beschlossen, dass KJG nun KjG geschrieben wird.

KjG-Logo „Seelenbohrer“ - fast hätte es internationale Karriere gemacht…

Bei der Henne und dem Ei ist es ja nicht klar, was zuerst da war. Beim Seelenbohrer und der KjG schon – es war der Seelenbohrer, obwohl - das stimmt auch nicht ganz, sagt Alfred Klever …
Alfred Klever erfand den heutigen Seelenbohrer als Münster-Logo
Das Originalprogramm
Schwarz und rot – Gottesdienst unter dem Münster-Logo
Überall das neue Logo – auch beim Beat-Festival des KFG und KjG-Treffens 1968

Du hast dem KjG-Logo seine Form gegeben, 1967- und wie hast du es dann genannt?

Das hieß dann einfach „das Logo für Münster“.

Das Logo entstand, genau wie die KjG in Altenberg – allerdings 3 Jahre früher …
Ja, das Logo entstand bei einer Schulung für Plakat-Siebdruck 1967. Ich war da 19 Jahre alt und in den 1960ern Pfarrjugendführer in St. Lucia, Bensberg-Immekeppel. Darum habe ich an dem Kurs teilgenommen. Bei dem Kurs war auch die Suche nach einem Logo für das erste Deutschlandtreffen von KFG und KJG das Thema. Das sollte Pfingsten 1968 in Münster sein. Das hat dann ja auch stattgefunden. Das Motto des Treffens war: „Zur Antwort bereit“. Ich war ziemlich überrascht, dass mein Entwurf genommen wurde.

Wie wurde denn damals ein Logo auf die Bahn gebracht, so ganz ohne Computer?
Das war alles zeichnerisch. Nach dem Kursus habe ich das Logo zu Hause noch etwas für den Druck optimiert. Dann ging das an die Öffentlichkeitsarbeit der KjG und wurde in Druck gegeben. Es erschien dann im Programmheft und so weiter – außerdem gab es auch schon „give aways“, zum Beispiel Schlüsselanhänger, da kam das drauf und wurde in die Welt getragen.

Auf dem Programmheft von 1968 ist es rein schwarz, war der erste Entwurf nicht ein grüner Pfeil und ein roter Punkt?
Nein! Das ist eine Fehlinformation, die sich irgendwann eingeschlichen hat. Das Ursprungs-Logo war ein schwarzer Pfeil mit einem roten Punkt. Der rote Punkt ist ja eben auch der Kern der ganzen Sache. Auf dem Programm war es aber aus Kostengründen ganz schwarz gedruckt.

Es gibt auch viele Deutungen des Seelenbohrers…
Das Logo ist eigentlich einfach erklärt, es bezog sich ja auf das Motto von Münster „Zur Antwort bereit“. Es hat den Inhalt, dass man angesprochen wird, auch von oben, und wenn man das erkennt, lässt man seine Gedanken kreisen, bringt es für sich auf den Punkt und ist dann bereit zur Antwort. Darum beginnt der Pfeil oben, kreist und endet dann auch oben. Der rote Punkt ist der Kern der Sache. Den Italienern hat das Bild übrigens so gut gefallen, die wollten das Logo wohl gleich mitnehmen …

… das Logo einkassieren? Welche Italiener wollten das?
So genau weiß ich das nicht. Irgendwelche Jugendverbände, hat man mir gesagt. Also: Die waren in Münster Pfingsten 1968, auf dem Treffen zu Gast. Daraufhin kam die Erzdiözese Köln auf mich zu und meinte, es sei sicherer, wenn sie die Rechte an dem Logo übernähme, falls es rechtliche Diskrepanzen gäbe. Für 500 DM hat die Erzdiözese die Rechte dann übernommen. Nutzungsrechte und Urheberrechte wurden damals noch in einen Topf geworfen…

Findest du das schade, dass dein Logo keine internationale Karriere gemacht hat?
Nö, das hatte ich ja für einen Zweck gestaltet.

Hast du eigentlich sofort mitbekommen, dass du das bundesweite Logo der KjG erschaffen hast?
Nein. Für Münster 1968 habe ich ja noch das Programmheft gemacht und dann vor Ort Fotos. Bei der Gründung der KjG 1970 war ich selbst dann aber gar nicht mehr dabei. Da war ich schon raus, im Beruf. Im hektischen Alltag der Werbeagentur ist mir die Zeit ausgegangen. Ich bin dann 2011 von der KjG angerufen worden und zu dem Logo befragt worden. Da habe ich das erst mitbekommen, dass es das noch gibt.

Was hast du gefühlt, als du gemerkt hast, welche Karriere das Logo als Seelenbohrer gemacht hat?
Eigentlich habe ich mich sehr gewundert. Aber im Grunde ist es doch so: Es muss ein gutes Logo sein, wenn es so lebendig ist. Wenn es sogar einen Spitznamen bekommt und so viele Arten der Interpretation. Dann hat das Logo seinen Nutzen als Symbol erreicht. Ich komme ja beruflich aus der Werbung und da sagt man: „Logos, die einen Spitznamen bekommen,
 die leben ewig“.

Und wie ist das mit der Verbindung von der KjG und dir?
Von der KjG habe ich sehr viel mit in mein Leben genommen. Die hat mir sehr viele Grundwerte mitgegeben, die mir dann auch im Berufsleben ungemein geholfen haben. Also: Teamfähigkeit, Offenheit, Führungsqualitäten und Rücksichtnahme, besonders für Minderheiten. Dafür bin ich heute noch dankbar.

Danke für das Interview 

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

 

 

Ein Seelenbohrer – zahlreiche Interpretationen

Der Seelenbohrer wird 1968 beim Deutschlandtreffen der beiden Verbände so erklärt:
Der Punkt in der Mitte bedeutet: Christus, die Frohe Botschaft, das Leben.
Der Balken, der sich um den Punkt bewegt, symbolisiert die Menschen, die aus ihrem Glauben heraus versuchen, sich den Problemen zu stellen und Antwort zu geben.
Der Pfeil deutet Dynamik an. Sich auf den Boden der Botschaft Christi zu stellen, heißt zugleich, vorwärts gehen und Ziele verfolgen.

Gedanken zum Seelenbohrer von KjGler*innen:

"Die KjG ist wie ihr Seelenbohrer, von außen kantig und eckig, um Gesellschaft und Kirche anzustoßen; nach innen rund in ihrem Glauben an Gott, mit ihren Vorstellungen von einer gerechten Welt und mit ihrem Ziel, diese Vorstellungen zu verwirklichen."

"Ein Pfeil von außen kommend kreist um ein Zentrum und stößt dann weiter nach außen. Das bedeutet: Ein Mensch nimmt Impulse von außen auf, er be- und verarbeitet sie und sendet sie dann wieder nach außen, z.B. indem er darauf reagiert."

Manchmal, so behaupten jedenfalls böse Zungen, soll allerdings auch die scherzhafte Auslegung des Emblems zutreffen: Immer um den heißen Brei herumreden und wenn es dann darauf ankommt, haarscharf an der Sache vorbeizielen.

Neues Design für den Seelenbohrer

Im Jahr 2012 wurde der Seelenbohrer im Rahmen des Corporate Design-Prozesses der Bundesebene einer Verjüngungskur unterzogen. Für das neue CD wurde seine Form vereinfacht und dynamisiert. Er wurde aus seinem Rahmen befreit und kann nun auch allein an prominenter Stelle stehen.
Inwiefern sich der Seelenbohrer im Laufe der Zeit gewandelt hat, könnt ihr gut an den untenstehenden historischen Abbildungen erkennen.

KjG: Einer der größten Jugendverbände Deutschlands boykottiert Nestlé

Unter dem Motto „Nestlé Ade“ hatte der Jugendverband der Katholischen jungen Gemeinde (KjG) bereits letztes Jahr im Juni einen Boykott von Nestlé-Produkten beschlossen. Die Aktion zeigt jetzt Wirkung: Nestlé hat reagiert – und den Verband zum Gespräch eingeladen.

Dem Lebensmittelkonzern Nestlé wird immer wieder vorgeworfen, Arbeitnehmer*innenrechte zu ignorieren, Kinderarbeit zu akzeptieren oder riesige Flächen bedrohten Regenwalds für Palmöl zu roden. Unter dem Motto „Nestlé Adé“ hatte der Bundesverband der Katholischen jungen Gemeinde (KjG) im Juni 2019 den Boykott von Nestlé-Produkten beschlossen. Er ruft seine Gruppen und Vereine bundesweit dazu auf, mitzumachen. So will die KjG auf das Fehlverhalten von großen Konzernen aufmerksam machen und sie zum Umdenken bringen.

Nestlé-Boykott hat Signalwirkung

Konkret soll künftig in den Bildungsstätten und Häusern, die sich in Trägerschaft des Jugendverbands befinden, auf alle Produkte von Nestlé und seinen Tochterfirmen verzichtet werden. Aber auch auf Veranstaltungen, in den einzelnen Jugendgruppen und Vereinen.

Die KjG ist nach eigenen Angaben einer der größten Kinder- und Jugendverbände in Deutschland. Er zählt mehr als 80.000 Mitglieder. Insofern hat der Nestlé-Boykott eine große Signalwirkung.

KjG stellt Infomaterial bereit

Damit der Boykott deutschlandweit in den einzelnen Vereinen und Gruppen umgesetzt werden kann, hat die KjG eine Info-Broschüre herausgegeben. Dort findet man unter anderem Informationen zur Kritik am Konzern und alle zu Nestlé gehörenden Unternehmen.

Das Ziel sei jetzt, alle 24 Diözesanverbände, also die kleineren Verwaltungseinheiten der KjG, mit an Bord zu holen. Sie sollen soweit informiert werden, dass sie den Boykott in ihren Vereinen, Jugendgruppen und auf Veranstaltungen umsetzen können, erklärt Marc Eickelkamp, Bundesleiter der KjG. „Das Problem ist ja, dass viele gar nicht wissen, welche Marken alle zu Nestlé gehören.“

Der Verband versucht, das Thema auch an anderen Orten anzusprechen. „Zum Beispiel in Jugendherbergen. Unsere Intention ist dabei, die Problematik nach außen zu tragen und Aufklärung zu betreiben,“ sagt Eickelkamp.

Verzicht ist gar nicht so einfach

Herausforderungen sieht er besonders bei der Umsetzung vor Ort oder bei Veranstaltungen. Etwa Ersatz für Snacks aufzutreiben, die man auf Konferenzen so esse, wie Kitkat oder Smarties. Auch bei sich selbst hat Eickelkamp festgestellt, dass der Verzicht gar nicht so einfach ist. „Mir ist es zum Beispiel schwergefallen, auf die Schoko-Karamell-Riegel Rolo zu verzichten. Die habe ich seit meiner Kindheit gegessen – das geht jetzt eben nicht mehr.“

Snacks von Nestlé kommen für die KjG nicht mehr infrage. (Foto: Sven Christian Schulz / Utopia)

Dabei zweifelt er nicht am Erfolg des Boykotts und ist zuversichtlich, dass deutschlandweit alle Verwaltungseinheiten der KjG mitmachen, „wir boykottieren jetzt auch schon seit fast zehn Jahren Coca-Cola und das klappt gut.“

„Wir sind nicht irgendeine Vereinsgruppe“

Angesichts der Größe des Verbands ist es nicht verwunderlich, dass Nestlé auf den Boykott reagiert und sich mit der KjG in Verbindung gesetzt hat. Ende Januar kam es zu einem Treffen, bei dem Nestlé seine Nachhaltigkeitsbemühungen dargelegt hat.

Die KjG war davon nicht überzeugt. Eickelkamp sagt Utopia gegenüber: „Wir haben uns in unserem Verband sehr intensiv mit Nestlé sowie unserer Vorstellung von fairem Handel bzw. kritischen Konsum auseinandergesetzt. Vor dem Hintergrund dieser Expertise sind wir mit einer kleinen Delegation ins Gespräch gegangen. Uns war wichtig zu zeigen, dass wir nicht irgendeine Vereinsgruppe sind“, sagt Eickelkamp. Er betont, dass der Verband auch nach dem Gespräch weiter an einem kritischen Konsum festhalten will – und auch in Zukunft auf Nestlé-Produkte verzichten wird.

Weiterlesen auf Utopia.de:

Katholischer Jugendverband ruft zu Boykott gegen Nestlé auf! - Interview im Domradio

Im Juni 2019 beschloss die KjG auf der Bundeskonferenz: "Nestlé Adé!" - in Zukunft boykottiert die KjG den Nestlé-Konzern. Das zeigt Wirkung: am Montag, den 27. Januar traf die KjG auf Einladung Nestlé zum Gespräch. Am Treffen nahmen von der KjG teil: die Bundesleitung, Mitglieder des internationalen Ausschusses sowie der Diözesanverbände Münster und Essen. Hier erfahrt ihr, was dabei passiert ist:

Die Katholische junge Gemeinde ruft dazu auf, die Firma Nestlé zu boykottieren. Unter dem Motto "Nestlé Adé!" kritisieren sie die Arbeits- und Umweltbedingungen des Konzerns. Nun kam es zu einem ersten Gespräch der ungleichen Kontrahenten.

DOMRADIO.DE: Was ist bei diesem Gespräch herausgekommen?

Marc Eickelkamp (Bundesleiter der Katholischen jungen Gemeinde / KjG): Grundsätzlich haben wir versucht, erst einmal zu klären, was unsere Kritikpunkte sind. Nestlé hat ausführlich dargelegt, was sie schon tun, um diesen Kritikpunkten entgegenzuwirken und welche Projekte bereits laufen. Wir haben uns erst einmal ausgetauscht und hoffen, dass wir da weiter im Diskurs bleiben können.

DOMRADIO.DE: Was sind Ihre Kritikpunkte an Nestlé?

Eickelkamp: Wir als katholischer Jugendverband arbeiten ja vor allem auf Grundlage der christlichen Werte, des christlichen Menschenbildes und versuchen auch die Schöpfung zu wahren. Das macht uns vielleicht ein bisschen besonders im Vergleich zu anderen Organisationen, die auch Nestlé kritisieren. Wir haben vor allem aus unserer Perspektive die Lebens-, Arbeits- und Umweltbedingungen in den Blick genommen, für die Nestlé Verantwortung trägt.

Das heißt konkret: Wenn Nestlé bei verschiedenen Anbietern wie Kleinbauern oder Gemeinschaften vor Ort - zum Beispiel in Afrika - Kakao einkauft, dann müssen sie auch die Verantwortung dafür übernehmen, was dort passiert. Das ist eine Sache, die aus unserer Sicht bisher nicht konsequent passiert. Im Bereich der Wasserrechte und Wassernutzung gibt es immer noch Standorte, wo Nestlé versucht, die Situation zu verbessern, sie aber immer noch nicht gut ist.

DOMRADIO.DE: Was sagt Nestlé dazu? Was wird sich ändern oder verbessern?

Eickelkamp: Es gibt verschiedene Programme, die aber auch schon in der Vergangenheit in ähnlichem Umfang durchgeführt worden sind. Bildungsprogramme vor Ort, die Kindern die Möglichkeit eröffnen sollen, in den Genuss von Schulbildung zu kommen, damit sie beispielsweise nicht auf Plantagen arbeiten müssen. Wir haben auch angemahnt, dass Kinderarbeit immer noch in afrikanischen und südamerikanischen Staaten übllich ist und Kinderrechte nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern konsequent umgesetzt werden müssen. Ich würde sagen, das ist einer der Punkte, wo es noch nicht gut funktioniert.

In puncto Wasser gibt es neue Standards, die Nestlé umsetzen möchte, bei denen sie auch mit anderen Kooperationspartnern zusammenarbeiten, um zu überlegen, was verbessert werden kann. Es gibt Standards, die schon angewendet werden. Aus unserer Sicht kann man da aber noch eine Schippe drauflegen. Wir würden immer sagen, wir müssen den höchsten Ansatz wählen, um das Bestmögliche für uns herauszuholen. Nestlé versucht dabei erst mal, Transparenz zu schaffen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, nach den Gesprächen wird der Kontakt jetzt von Ihrer Seite sicherlich nicht abbrechen. Sie werden da weiter dran bleiben und auch ein bisschen überprüfen, ob sich denn etwas verändert, oder?

Eickelkamp: Wir haben über die verschiedenen Möglichkeiten gesprochen. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich immer noch skeptisch bin. Wir haben aber auch nicht erwartet, dass sich nach einem Gespräch irgendwas verändert. Es war aber gut, mal zu hören, was die Gegenseite schon tut. Wir sind aber nicht ganz zufrieden, weil wir mit unserem Boykott eine Veränderung erhoffen. Vielleicht ist die Veränderung aber weniger konkret bei Nestlé zu verorten, sondern bei jedem und jeder selbst. Wir haben es als Verbraucher und Nutzer von Produkten ein bisschen selber in der Hand, wie wir damit nachhaltig und zukünftig umgehen wollen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, auch ein Aufruf an uns alle, das genau zu überprüfen, was Nestlé so tut oder eben auch nicht tut?

Eickelkamp: Ich würde es sogar noch erweitern: Wir haben uns Nestlé als Konzern ausgesucht, mit dem wir ins Gespräch kommen wollen und den wir exemplarisch boykottieren, weil es der weltgrößte Konzern ist, der Nahrungsmittel vertreibt und von dem wir auch wissen, dass es da schon Problemlagen gab. Das heißt nicht, dass es bei anderen Großkonzernen wie Pepsi oder Coca Cola besser läuft, die wir als Dachverband BDKJ seit 2007 boykottieren. 

Ich würde mal pauschal behaupten, wir müssten tatsächlich als Verbraucher und Nutzerinnen überlegen, wo die Lebensmittel dieser Konzerne herkommen, und uns fragen, warum wir diese nicht regional, lokal oder saisonal bei einem regionalen Anbieter oder bei einem Bauern in der Umgebung kaufen, um diese Strukturen zu nutzen und zu stärken.

Das Interview führte Carsten Döpp.

Zeitreise durch die Geschichte der KjG

Auf ins KjGeniale Jubiläumsjahr!

2020 feiern wir 50 Jahre KjG. Wir wollen mit euch auf eine Zeitreise gehen, in den nächsten Wochen die vergangenen KjG-Jahrzehnte Revue passieren lassen und auf unsere Verbandsentwicklung zurückblicken. Zu einigen unserer Rückblicke werdet ihr auch auf unserer Homepage spannende Artikel finden!

#KjG #50Jahre #RäumefürUtopien #Zeitreise #Verbandsentwicklung #Rückblick #throwbackthursday

Doppelt gut macht KjG

Die Vorgänger*innen der heutigen KjG und ihre Geschichte...

Unbestreitbar, die Männer waren zuerst da – die katholischen Jungmänner und sie trugen einen Verband: den „Katholischen Jungmännerverband“, der gründete sich 1896 in Düsseldorf. Sozusagen ein Vorläufer der „Katholischen Jungmännergemeinschaft“, diese Jungmännergemeinschaft kam bildlich gesprochen 51 Jahre später „nachgelaufen“. Im Klartext: Die „Katholische Jungmännergemeinschaft“ wurde 1947 gegründet. In der Zeitspanne zwischen der Gründung der beiden Zusammenschlüsse lag viel Sturm, das Verbot nichtstaatlicher Jugendverbände, Krieg, Tote, grausames Erwachen und ein Neuanfang für Deutschland in Europa. Ein Freizeitverband war es, was die „Katholische Jungmännergemeinschaft“ 1947 ihrem Selbstverständnis nach sein wollte. Paul Robert B.: “Politisches stand für uns gar nicht im Sinn – das hätten wir auch nicht gewollt.“

Zugegeben, groß war der Vorsprung der „Katholischen Jungmännergemeinschaft“ nicht: 1910 machten die Frauen im Bistum Paderborn den ersten Schritt und schlossen sich zum Diözesanverband der Jungfrauenvereine zusammen. Im Dezember 1915 folgte dann in Köln die Gründung des Zentralverbandes der Jungfrauenvereine Deutschlands.

1954, nach Ende des Verbotes durch die Nationalsozialisten und den Kriegswirren, meldete sich die weibliche Jugend erneut laut zu Wort. Mädchen und junge Frauen wollten aktiv mitgestalten und gründeten die „Katholische Frauenjugendgemeinde“ (KFG) in Hardehausen bei Paderborn. Die KfG-Frauen und -Mädchen machten es sich zur Aufgabe, „das Leben der Jugend in der Gemeinde zu aktivieren und soziale Aufgaben zu übernehmen.“ (S.21 forum KFG 6/1969 2. Jahrgang). Die Freizeitgestaltung stand im Mittelpunkt.

Marianne K. war dabei, als 9Jährige: „In meiner Gruppe haben wir viel gelesen, Bücher von Pearl S. Buck, der Nobelpreisträgerin für Literatur. Ein kleines bisschen Aufklärung gab es auch, aber nur ganz vorsichtig. Wir haben auch sehr viel gesungen: ‚Wenn die bunten Fahnen wehen ...‘, und so – das waren noch die alten Lieder, aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Oft gesprochen haben wir über Religion, dazu kam auch der Kaplan. Ich war sehr fromm, Gebet hat mir viel bedeutet.“

1958, mit 16, war Marianne dann selbst Pfarr-Gruppenleiterin: „Wir sind in Jugendherbergen gefahren, gewandert. Am tollsten war das große Treffen zum 1. Mai in Altenberg, das war schon international. Wir haben die Freizeit gestaltet. -Es gab ja auch nichts anderes, an Sportvereine kann ich mich nicht erinnern …“

Den Jungs aus der „Katholischen Jungmännergemeinschaft“ sind die Mädchen im Frühgottesdienst begegnet oder beim Bannerhalten zum Hochamt, auf Prozessionen ...

„Wir haben auch zusammen Theater gespielt oder Karneval gefeiert, waren beim Katholikentag“, so Marianne K..

Die jungen Frauen für die KFG sollten aus der der „Frohschar“ der Pfarrgemeinden gewonnen werden und – bitte – auch die „klare Absprache mit anderen Gliedgemeinschaften, vor allem mit der KJG!“ war gewünscht.

Ernstgenommen haben das die jungen Frauen und Männer der beiden katholischen Jugendgemeinschaften – 1966 kam es dann zum ersten Mal zu einer Zusammenarbeit bei der Aktion Mosaik.

 „Revoluzzer und Protestler“ hieß es dann Pfingsten 1968 – der erste Skandal, den man gemeinsam (nicht beabsichtigt) angezettelt hat. „Katholische Frauenjugendgemeinde“ und „Katholische Jungmännergemeinschaft“ fordern „eine Demokratisierung von Kirche und Gesellschaft, die sie aktiv mitgestalten wollen, indem sie sich sozial engagieren, die Interessen von Jugendlichen vertreten und den Abbau von autoritären Strukturen proklamieren. Damit nehmen die Verbände von ihrer bis dahin kirchenunkritischen Haltung Abschied.“ (Becher, S. 31) Die Öffentlichkeit ist hin und hergerissen zwischen: „Na endlich!“ und „Unerhört!“. „Katholische Frauenjugendgemeinde“ und „Katholische Jungmännergemeinschaft“, sind sich um so einiger. Sie machen ihre Einigkeit auch deutlich. Eines der vielen Zeichen: forum - Die Werkblätter für die Jugendarbeit in der Gemeinde, erscheint ab der Ausgabe August./September 1968 als gemeinsame Ausgabe, nicht mehr nach Geschlechtsverbund getrennt. Weiteres folgt …

Der Friede als Weg der Hoffnung

Dialog, Versöhnung und ökologische Umkehr

Mit dem Motto des diesjährigen Weltfriedenstags: „Der Friede als Weg der Hoffnung: Dialog, Versöhnung und ökologische Umkehr“ wird der Friede als Weg der Hoffnung gewürdigt. Papst Franziskus macht den Menschen Mut, sich auf diesen Weg einzulassen und alle Bemühungen und Schritte hin zu mehr Frieden wertzuschätzen. Die entscheidenden Schritte auf diesem Weg sind Dialog, Versöhnung und ökologische Umkehr.

Material gibt es unter: https://www.bdkj.de/aktionen/weltfriedensgebetstag/