KjG Zeitreise - Wir nehmen euch mit auf eine Reise durch 50 Jahre KjG Geschichte

 

 

Ein Sternchen für die Vielfallt … 2014 Geschlechtervielfalt in Rede, Schrift und Bild

Am Ende stand ein Stern, der für Raum sorgt, in dem alle Geschlechter Platz finden. Der Weg dahin startete in der KjG schon mit ihrer Gründung durch den Zusammenschluss der Katholischen Frauengemeinde und der Katholischen Jungmännergemeinde. Die gleichberechtigte Berücksichtigung von Jungen und Mädchen, Frauen und Männern und anderer Geschlechter bildet eine der Grundlagen des Handelns in der KjG. Hier werden gewählte Ämter auf allen Ebenen selbstverständlich paritätisch besetzt. Trotzdem muss auch die KjG sich immer wieder neu überdenken, in Bezug auf das Thema Geschlechtergerechtigkeit. Lena Bloemacher beginnt als hauptamtliche Diözesanleiterin bei der KjG im Diözesanverband Köln 2014 gemeinsam mit dem Genderstern. Den Verband und den Weg des Sterns hat sie aber schon davor begleitet, als Gruppenkind und auch als ehrenamtliche Diözesanleiterin von 2006 bis 2010.

Lass uns mal einen Schritt zurück gehen: Wie war das denn für die kleine Lena? Als Mädchen? Waren dir solche Themen wie Geschlechtergerechtigkeit wichtig?
Ich habe in der KjG immer starke Frauen erlebt, auch als ich Gruppenkind war, und erlebt, dass Frauen und Männer in der KjG gleichberechtigt sind. Ich habe aber auch bemerkt, dass das für Frauen immer sehr viel Arbeit ist und dass Frauen oft nochmal extra viel Verantwortung übernehmen. Sie wollen Sachen extra gut machen, um die gleiche Anerkennung zu bekommen. Die jugendliche Lena hat sich dann auch am Anfang schwer damit getan, die Sprache so zu verändern. Ich lese viel und mir war es schon immer irgendwie total wichtig, dass man richtig schreibt und richtig spricht. Daher konnte ich anfangs die Bedenken nachvollziehen, dass wir die deutsche Sprache „verschandeln“ mit solchen Sachen, die es eigentlich gar nicht gibt. Ich glaube, am Anfang habe ich da auch gezuckt, aber sehr schnell begriffen, dass das Politische wichtiger ist als die Befindlichkeiten der deutschen Sprache. Es kommt darauf an, Sprache zu verändern,weil Sprache eben Realität schafft und sie die Vorreiterin sein muss.

2008 gab es bei der KjG den Beschluss zur geschlechtergerechten Verwendung in Rede, Schrift und Bild, also das Binnen-I. Ist das dir da sofort begegnet?
Ich glaube schon, es ist so lange her, da kann ich mich natürlich auch nicht mehr genau erinnern. Aber ich weiß, dass wir das in Köln sehr schnell komplett übernommen haben und dass das auch relativ wenig Diskussion war. Wobei ich mich gut daran erinnere, dass wir am Anfang gesagt haben, wir wollen eher den Paar-Begriff verwenden als das Binnen-I beim Plural, so dass wir immer lieber sagen wollen KjGlerinnen und KjGler. Beim Paarbegriff  habe ich auch den Eindruck, dass der gesellschaftlich relativ gut angekommen und angenommen worden ist, sowohl gesamtgesellschaftlich als auch in der KjG - sodass man öfter zum Beispiel von „Politikerinnen und Politikern“ spricht und so. Das Binnen-I hatte es wesentlich schwerer bei Leuten, die nicht bereit waren, sich auf solche Veränderungen einzulassen. Es hat sich aber trotzdem ganz gut durchgesetzt. Zumindest innerhalb unserer Jugendverbände. Außerhalb erlebe ich keine riesige Akzeptanz. Ich bin privat noch in einem anderen Verein tätig, und da habe ich so das Gefühl, die lassen mich mit meinem Spleen so sein. Aber, wenn ich da gegendert spreche, dann bewerten die anderen das eher so: „Ja, die Lena macht das, und das ist auch ok, dass irgendwer das macht. Aber ich selber werd‘ es nie machen.“ Und ich glaube, es gibt immer noch sehr viele, die es einfach ablehnen. Es gibt auch sehr viele Menschen, die immer noch der Meinung sind, es reicht die männliche Form zu nennen.

Du nimmst die Bürde für die anderen auf dich …?
Ich würde sagen, es ist keine Bürde für mich, weil ich ja davon überzeugt bin, dass es gut ist, das zu machen, und ich für mich entschieden habe, dass ich Menschen mit nennen will, alle Menschen. Ich kann auch nicht für mich behaupten, dass ich das immer schaffe. Manchmal, wenn ich schnell rede oder wenn ich auch irgendwie in anderen Gedanken bin, dann rutscht mir durchaus auch mal die männliche Form raus.
Wir hatten mal eine Frau, bei der wir oft unser Mittagessen gekauft haben, die hatte so einen kleinen Sandwich-Laden in Köln, und ich habe irgendwann gesagt: „Das ist ein Ein-Mann-Betrieb“. Und dann haben mich meine Kolleg*innen ganz böse angeguckt, weil es natürlich kein Ein-Mann-Betrieb ist, sondern ein Eine-Frau-Betrieb. Aber das ist dann eben so eine Floskel. Aber das erlebe ich schon auch: Wer sich sehr für sowas einsetzt, wird auch stark kritisiert, sobald er oder sie einen Fehler macht. Das ärgert mich bei vielem. Das ist so dieser Absolutismus. Auch bei Umweltschutz oder so. Man kann nicht ein bisschen was machen, wenn man sich für etwas einsetzt, dann muss man alles richtig machen und sonst darf man nicht ernst genommen werden. Das ärgert mich sehr.  

Davon würdest du Leute gerne entlasten? Nach dem Motto: Versucht es mal, wenn ihr dann scheitert, ist es auch nicht so schlimm. Ihr habt es wenigstens versucht.
Genau! Und eben auch Engagement nicht aberkennen, nur weil jemand das nicht immer und überall zu hundert Prozent macht. Also ich würde sagen, auch wenn man die Hälfte der Zeit aufs Auto verzichtet, ist das lobenswert. Und genauso ist es lobenswert, wenn man die Hälfte der Zeit gendern würde. Das Ziel ist es natürlich, das hundertprozentig zu machen.

Aber wenn man manchmal zurück guckt, wundert man sich ja, dass man bemerkt: „Mensch, da habe ich überhaupt nicht dran gedacht!“ Inklusion der queeren Identitäten, das war ja gar nicht so im Blick bei der KjG …
Nein, ich würde auch sagen, das war aber auch tatsächlich gesamtgesellschaftlich nicht so richtig im Blick. Das ist jetzt nicht unbedingt eine Entschuldigung. Aber ich glaube, dass auch ich erst später gelernt habe, was eigentlich eine Transperson genau ist. Und dass sich Leute andere Pronomen geben. All das ist mir auch erst nach 2008 begegnet. Ich musste auch erstmal Erfahrungen machen und Menschen kennenlernen und mich fortbilden. Ich erinnere mich sehr genau daran, als zum ersten Mal jemand vor mir einen Gendergap gesprochen hat, und ich habe es überhaupt nicht verstanden. Ich habe dann gedacht: „Warum macht der jetzt immer eine Pause?“ Dann habe ich den Kollegen in einem Seminar darauf angesprochen. Er hat gesagt, er hat das aus der Uni und hat mir das dann erklärt. Und ich habe gesagt: “Ja, verrückt. Ich habe das irgendwie so unangenehm als Frau empfunden. Ich habe halt gedacht, der sagte immer Teilnehmer…Innen und macht so eine affektierte Pause dazwischen, um uns zu sagen, wie doof er das findet, dass er „Innen“ sagen muss.“ Ich hatte diesen Gap zuerst überhaupt nicht als das verstanden, was er ist. Dann hab‘ ich es verstanden und gedacht: „Ach, wie cool, das ist etwas, was wir machen müssen!“ Es ist aber nicht so, als hätte ich das in die KjG gebracht, sondern es hat parallel einen Weg in die KjG gefunden.

Ein Sternchen für die Vielfallt …
Ja, ich empfinde tatsächlich das Sternchen als die schönere Lösung als den Gap. Gesprochen ist es natürlich der Gap, aber es ist gut, dass man im Schriftbild eben auch dieses Sternchen hat. Das finde ich einfach hübsch. Ich mag schöne Sachen und ich finde, dass Sternchen macht einen Text einfach auch schöner. Ich finde aber, dass wir mit dem Gendergap und dem Sternchen auf keinen Fall die Diskussion um Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen quasi vergessen dürfen. Wir leben immer noch nicht in einer Post-Gender-Welt, in der es keine Rolle mehr spielt, welches Geschlecht man hat, auch wenn es viele verschiedene Geschlechter gibt. Es gibt immer noch eine Benachteiligung zwischen Männern auf der einen Seite und allen anderen Geschlechtern auf der anderen Seite. Das kann man nicht außer Acht lassen.

Gibt es eigentlich sowas wie eine unverschuldete Blindheit? Darauf bezogen, worüber wir gerade gesprochen haben?
Ja, ich glaube, die gibt es in vielen Bereichen im Leben. Man kann immer nur das Beste tun mit dem Wissen, was man zu einem jeweiligen Zeitpunkt hat. Man muss sich aber bemühen, offen durch die Welt zu gehen und Dinge und Befindlichkeiten - nicht im negativen Sinne gemeint - wahrzunehmen. Das ist glaube ich, jede*r KjGler*in, der*die seine*ihre Arbeit auch in der KjG ernst nimmt, der Gruppe und der Umgebung schuldig: mit offenen Augen rumzulaufen, Missstände zu sehen, zu lernen und sie dann zu ändern. Aber, dass man gegenüber manchen Themen blind ist, ist irgendwie normal. Also ja, ich würde sagen es gibt eine unverschuldete Blindheit.

Du hast ja eben sehr schön erzählt, wo du das erste Mal jemanden getroffen hast, der beim Reden gegaped hat. Wo hast du dann das erste Mal Menschen getroffen, die dir klargemacht haben „Ach darüber sprechen wir“? Mit Queeren Identitäten zum Beispiel. Bei der KjG in Köln kam 2013 aus einer Region eine Frage an uns als Diözesanleitung von einem Priester in einer Regionalleitung, der eher konservativ ist. Er hat im Namen der KjG Sachen gepostet zu Familie und hat dabei ein sehr konservatives Familienbild propagiert. Und dann hat der Rest der Regionalleitung gesagt: „Das gefällt uns nicht. Familie gibt es auch in anderen Konstellationen“ und hat dann uns als Diözesanleitung angefragt und gesagt: „Was haltet ihr von sowas? Was sagt eigentlich die KjG zu sexueller Vielfalt, zu Leuten, die sich nicht einordnen wollen oder können?“ Und dann ist uns aufgefallen, da haben wir gar nichts zu verfasst.

Wie ging es dann weiter?
Dann hatten wir eine Arbeitsgruppe auf diözesaner Ebene und haben uns dann relativ schnell Hilfe suchend an die Bundesebene gewandt. So ist dann der Prozess parallel auf Bundesebene und bei uns im DV erst mal zum Thema sexuelle Vielfalt angelaufen. Wir hatten dann super Kontakte zur Initiative „Schlau“, die machen schwul-lesbische Aufklärung in Schulen. Wir konnten sie dann aber auch für den Jugendverband gewinnen und sie haben mehrere Seminare bei uns gegeben und auch einen Studienteil auf der Diko gemacht, wo einfach tolle Menschen waren. Super interessante junge Leute, bei denen man direkt irgendwie einen Anschluss gefunden hat. Die eben von sich gesagt haben: „Ich bin queer oder ich sortiere mich eben nicht in das binäre System ein.“ Das war einfach eine tolle Erfahrung. Und ja, ich habe dann auch bei weiteren Fortbildungen Trans-Personen kennengelernt und dann auch in der KjG selbst Trans-Personen kennenlernen dürfen. Das hat meinen Horizont unglaublich erweitert.

Hast du es dann sofort geschafft, die Leute so anzusprechen, wie sie das wollten? Oder gab es auch erstmal Irritationen bei dir selbst?
Ich glaube, es gab schon mal Irritationen in Gedanken, in der Aussprache habe ich es, glaube ich, immer geschafft, die Person so anzusprechen, wie sie das möchte. Aber, dass mir manchmal schon so Sachen passiert sind, dass ich dachte, wir seien nicht paritätisch besetzt und dann gemerkt habe, doch sind wir, weil ich dann doch irgendwie Personen in meinem Kopf falsch einsortiert habe, ohne das zu wollen. Genau, also davon kann ich mich nicht freisprechen.

2014 war es dann soweit. Nach Beschluss des Antrags zur „Geschlechtervielfalt in Rede, Schrift und Bild“ gab es ein Gender Sternchen und jetzt?
… ist unsere Aufgabe, das weiter durchzuziehen, aber auch genauso wie es vom Binnen-I zum Gender-Sternchen ging, immer zu hinterfragen: Ist das noch Up-to-date? Ist es so noch das Richtige? Genau wie bei vielen anderen Dingen ist es dafür, wichtig, dass man mit Menschen darüber spricht, die betroffen sind. „Wie wollt ihr genannt werden und wie wollt ihr vorkommen?“ Da würde ich der KjG wünschen, dass sie weiter mit offenen Augen herumgeht und sich aber weiter stark dafür einsetzt, solange das Beschlusslage ist, das Sternchen auch konsequent zu benutzen und dafür zu werben und damit zu irritieren - ich glaube, das tun wir an vielen Stellen ja noch, wenn wir es konsequent benutzen. Und das ist auch gut so.

Im öffentlich-rechtlicher Rundfunk, da gibt es einige Moderator*innen, die den Gendergap sprechen. Wird das Sternchen das Binnen-I überholen?
Also, in meiner Wahrnehmung hat es das schon. Ich höre die Paar-Begriffe noch, aber in Schriftsprache erlebe ich es eher so, dass es dann, wenn etwas in Sprache oder in Wörter eingefügt ist, dann eher ein Unterstrich oder ein Sternchen, also eben der Gap, ist und nicht mehr das große I.

Seit der Bundeskonferenz 2018 ist es in der KjG beschlossen, dass im Verband schriftlich vorrangig geschlechterneutrale Formulierungen oder der Gender Gap * benutzt werden soll. Meinst du, das Sternchen hat generell einen nicht so steinigen Weg vor sich wie das Binnen-I?
Das glaube ich nicht. Ich glaube, der Weg ist genauso steinig. Es gibt vielleicht mehr Leute, die ihn mitgehen. Auch dadurch, dass es so Meilensteine wie das Urteil des Bundesverfassungsgerichts mit der Anerkennung der Nicht-Binarität gibt. Jetzt kann man sich nicht mehr darauf zurückziehen, dass man sagt, das ist alles Unsinn mit den ganzen Geschlechtern. Da können wir einfach sagen, das ist jetzt geltendes Recht und wir halten uns daran. Ich finde, das stärkt auch unsere Position den Bischöfen gegenüber total, dass man sagen kann: Die katholische Kirche kann ja jetzt erst mal glauben, was sie will. Aber wir richten uns ja auch in Richtung Welt. In unserer Gesellschaft ist jetzt eben entschieden, es gibt mehrere Geschlechter und die wollen wir ansprechen. Punkt. Das finde ich, stärkt unsere Position und es gibt einfach mehr Wissen in der Gesellschaft und mehr Leute, die bereit sind, sich darauf einzulassen.

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG 2020)

Link zu Geschlechterdemokratie und Geschlechtervielfalt

Fairhandeln – Macht mit bei unserer KjG Challenge

Nachdem sich bereits bei unserer Aktion #faireferien viele von Euch mit tollen Ideen rund um das Thema Nachhaltigkeit beteiligt haben, gehen wir mit unserer KjG Challenge #Fairhandeln in die nächste Runde unseres Nestlé-Boykotts.
 

Wir unterstützen die Faire Woche und starten pünktlich zu deren Auftakt am 11. September mit unserer Challenge. Hierfür sind Eure kreativen Ideen zum Thema NestléAdé und nachhaltiger Konsum gefragt. Zeigt uns, wie ihr den Boykott und/ oder das Thema Nachhaltigkeit gemeinsam mit Eurer KjG-Gruppe umsetzt und fordert andere KjG-Gruppen zur #Fairhandeln Challenge heraus.

Und so geht’s – #Fairhandeln in 5 Schritten:

 

  1. Gemeinsam mit Eurer KjG-Gruppe plant ihr eine Aktion zu den Themen Nestlé Adé und/oder Nachhaltigkeit
  2. Während der Aktion macht Ihr 3 Fotos oder ein kurzes Video
  3. Aktion auf Instagram posten (hier gerne unsere Sharpics verwenden). Den Post mit einem kurzen Text, dem #Fairhandeln und @kjg_bundesebene versehen. Weitere # wie #nestléadé sind natürlich erwünscht.
  4. Nominierung: In eurem Post nominiert ihr mindestens eine weitere KjG-Gruppe
  5. Liken und Teilen: Die Aktionen mit den meisten Likes kommen in die Endrunde, daher teilt Euren Beitrag mit so vielen Leuten wie möglich

Mitmachen könnt ihr vom 11. September bis 16. Oktober. Die Gewinner der Challenge werden auf dem Bundesrat der KjG am 23. Oktober in Fulda ausgewählt.


Die Plätze 1.-3. erhalten Gutscheine im Wert von 200€, 150€ und 100€ für einen fairen Einkauf bei GEPA.

Ihr braucht noch Ideen für Eure Aktion oder wollt mehr über das Thema Nestlé ade und Nachhaltigkeit in der KjG erfahren?
Dann schaut doch mal hier vorbei:
https://kjg.de/themen/nachhaltigkeit/

Ihr wollt euch über die Faire Woche informieren oder ein paar Aktionsideen haben?
Die gibt’s hier: https://www.faire-woche.de/

Die Sharepics für die Aktion findet ihr anbei.

POLITIX 2013 - Bundestagswahl als Projektbestandteil

Mitmischen statt moppern. Lieber mitmischen und verändern als zu Hause bleiben und moppern – so die Idee vom KjG Projekt POLITIX 2013. „Die da in Berlin machen doch eh was sie wollen?! – Nicht, wenn wir das verhindern können!“, ist die erhoffte Haltung der KjG-Bundesebene. Nils Rusche hat die Projektleitung. Politische Arbeit kennt er unter anderem aus seiner Arbeit in der Diözesanleitung Würzburg (2006-2008), dem Bundeswahlausschuss und „gefühlt 1.000 Bukos“. Im Bundestagswahljahr 2013 also das Projekt POLITIX – „die Bundestagswahlen im September 2013 waren irgendwie auch Projektbestandteil – gefühlt“, grinst Nils Rusche …

Eine Bundestagswahl als Projektbestandteil klingt lässig. Aufbau des Projektes war: Phase I.: Februar – Auftakt mit Seminarwoche in Berlin und Kontakt zu Bundestagsabgeordneten. Phase II.: 7 Projekte in KjG-Gruppen vor Ort zur Bundestagswahl im September. Phase III.: Dezember - Wiedersehen auf Bundesebene in Mannheim - lässt vermuten, dass ihr mit Freiräumen arbeiten wolltet…
Genau, wir wollten einen Impuls setzen, der dann aufgegriffen werden konnte, vor Ort, ganz unterschiedlich, damit die Leute sich das eben passend für sich gestalten konnten. Von Bundesebene gab es ein bisschen Geld und eine inhaltliche Unterstützung bei der Ausarbeitung, bei der Reflexion, bei der Methodenauswahl, wenn sie denn dann gewünscht war. Wir haben auch Layouts zur Verfügung gestellt, damit Leute eben Plakate und anderes Material erstellen und vor Ort auch nutzen konnten.

In eurer Vorbereitungsphase habt ihr thematisch die politischen Akzente auf Umweltthemen oder Friedensthemen gesetzt. Das sind dann aber nicht die Themen gewesen, die die KjGler*innen aufgegriffen haben, da ging es dann unter anderem um Mitbestimmung in der Schule, ist da etwas nicht nach Plan gelaufen? …
Es ist nicht der KjG-Weg etwas von oben vorzugeben, thematisch, oder „so muss es gemacht werden“, wir hatten eine relativ große Offenheit. Trotzdem hat man auch gemerkt, dass die Themen, die der Wertehaltung der KjG naheliegen, diskutiert wurden: Themen von Gerechtigkeit, dass jeder und jede gehört wird, dass Geschlechterfragen wichtig sind. Das hat sich auch in den Projekten durchgezogen, dass das in den Blick genommen wurde. In Mülheim an der Ruhr zum Beispiel ging es im Projekt um Rassismus. Die fünf vom Projekt, die das organisiert haben, hatten vermutlich alle keine Rassismus-Erfahrung, denen war aber wichtig, dass auch andere Menschen keine Rassismus-Erfahrungen machen. Das war also sehr solidarisch in die Gemeinschaft hinausgedacht.

Lass uns nochmal zurückgehen auf den politischen Impuls auf der Bundesebene. Heißumstrittenes Thema beim Auftaktseminar der Bundesebene war „Wahlalter Null“.
Die KjG hatte sich schon positioniert zu dem Zeitpunkt, wo sie steht, politisch und allgemein. Wir haben uns dazu in Berlin, als wir einen Tag im Bundestag waren, in einem Seminar sehr intensiv noch mal als Gruppe ausgetauscht. Da ging wirklich das Meinungsspektrum von „Wahlalter 0 muss sein“, bis „18 ist schon ganz okay“. Was ich bis heute wirklich faszinierend finde, war, da waren Jugendliche, die mit 14 Jahren schon ein politisches Reflexionsniveau hatten, das viele Erwachsene gar nicht erreichen. Aber, diese 14jährigen topfitten Jugendlichen haben dann ihren Leuten in der gleichen Altersschicht nicht zugetraut, eine politische Entscheidung treffen zu können, obwohl sie selbst verkörpert haben, dass es durchaus möglich war.

Junge KjGler*innen trauen Kindern nicht zu, zu wählen - Woran lag das?
Die haben einen ganz hohen Anspruch an Menschen gehabt, die eine Wahlentscheidung treffen dürfen und glaubten, dass alle Menschen es sich mit einer Wahlentscheidung ganz, ganz schwer machen. Wir wissen ja aus der Praxis, das kann man sich schon schwer machen, mit einer Wahlentscheidung. Aber, sehr viele Wähler*innen wählen einfach immer das, was sie schon immer gewählt haben oder wo sie sich vom Bauchgefühl her am wohlsten fühlen, unabhängig von dem, was gerade genau im Programm steht. Wir wissen aus der Forschung, dass es eine relativ hohe Kontinuität bei Wahlentscheidung gibt und es nicht immer das Ergebnis von langwierigen Abwägungsprozessen ist. Man wählt eben die Person, die von einer bestimmten Partei aufgestellt worden ist, weil man es immer schon so gemacht hat oder man findet die irgendwie sympathisch, wie die auf den Plakaten hängen oder wie die im Fernsehen rüberkommen, oder weil die Partei das schon gut machen wird. Viel tiefer geht´s nicht. Wenn Erwachsene so Entscheidungen treffen können, können das meiner Meinung nach auch andere Menschen, unabhängig vom Alter. Ich bin tief im „Wahlalter 0“-Lager. Für mich ist es der richtige Ansatz, zu sagen: Wenn man glaubt, man könnte mitentscheiden, dann soll man das dürfen, mit acht, neun Jahren genauso wie es auch schon 18-Jährige können.

Hat sich durch POLITIX bei den Teilnehmer*innen die politische Haltung, der Blick auf eigene politische Einflussmöglichkeit geändert?

Ja, definitiv! Diejenigen, die den Kontakt aufgenommen haben zu Parteien, Politiker*innen, haben gemerkt: „Die sind gar nicht so weit weg, wie wir dachten.“ Politik scheint so abgehoben und die Bundespolitik findet weit weg in Berlin statt. Für viele war es daher ganz spannend zu sehen: Die Politiker sind bei uns vor Ort, in ihren Wahlkreisbüros ansprechbar und wollen auch den Kontakt. Das war schon interessant zu lesen in den Projektberichten, was für hochrangige Menschen dann zum Teil zu einer Podiumsveranstaltung kamen, die sich dann den Abend noch Zeit genommen haben, zwei, drei Stunden, um mit anderen Kandidat*innen auf dem Sofa zu sitzen und Fragen zu beantworten und sich einer U18-Wahl „auszusetzen“.

Welche Erlebnisse haben neue Zugänge zum politischen Geschehen gebracht?
Da waren viele positive Erfahrungen von „das sind nur Menschen“, die sind nahbar, die kann ich ansprechen, ich kann gehört werden. Das war für viele, glaube ich, ein wertvoller Baustein für den Blick auf das politische System, dass die Komplexitäten von politischen Entscheidungen durchaus erklärbar sind und man bekommt nur das Ergebnis präsentiert. Die Erkenntnis: Da ist schon viel passiert, viel geredet und viel abgewogen worden, um zu einer Entscheidung zu kommen. Ich muss die Entscheidung nicht mögen, aber trotzdem kann man anerkennen, okay, da ist ein Abwägungsprozess, ein Reflexionsprozess, der sich, wenn man im Alltag informiert wird, eben nicht erschließt, der nicht medial aufbereitet wird, weil es eben nicht in der Öffentlichkeit stattfindet, sondern die Abgeordneten viele Sachen nicht öffentlich machen und auch nicht machen müssen. Da ist ein Verständnis gewachsen. Gut war auch, einfach die Erfahrung zu machen, dass Politiker einer Jugendlichen zustimmen und sagen, „das ist ein guter Punkt, danke für die Anregung“. Man merkt, da hat jemand in dem Gespräch mit mir über seine politische Haltung nachgedacht. Das ist für die KjGler*innen ganz wertvoll gewesen.

Ihr habt den Teilnehmer*innen auch viel für die Praxis an die Hand gegeben: Hilfen zur Kontaktaufnahme mit Bundestagsabgeordneten und Methoden, wie man zu bestimmten Themen passende Aktionen findet – für die Phase IV.? – selber machen…
Es war schon so gedacht, dass die KjG-Gruppen und einzelne Personen, die das machen, heute würde man sagen „empowered“ werden, künftig auch ohne Bundesebene ähnliche Sachen zu organisieren. Es ging auch darum, die Hürden möglichst niedrig zu machen, damit möglichst viele Menschen in der KjG künftig vor Ort weiter politisch aktiv sein können. Dazu wollten wir einen Anstoß geben. Es war klar, dass es ein einmaliges für ein Jahr befristetes Projekt war. Deshalb war der Plan, möglichst viel zu generieren, was dann auch vor Ort weiter genutzt werden konnte und auch Impulse zu setzen, für eine weitere Befassung.

Sind wir jetzt beim Thema Handlungsfreiheit und Verantwortung von der Bundesebene an die KjGler*innen weitergeben?
Ja, total, auf der Ortsebene und den unteren Ebenen, da lebt die KjG ja, und die Bundesebene ist dann am besten, wenn sie der Ortsebene ermöglicht, ihr Ding zu machen, und sie da unterstützt, aber auch die Freiräume lässt, wie es da halt passt. Wir sind im Verband sehr unterschiedlich und jede Ebene, jeder Bezirk hat seine eigenen Traditionen und die eigene Art und Weise, wie Dinge gemacht werden und das ist ja auch gut so. Es wäre ja schlimm, wenn wir alles gleich machen würden und deswegen ist es gut zu sagen: „Wir geben methodisch was vor, wir geben strukturell den Rahmen, Möglichkeiten, Unterstützung und wie ihr das vor Ort umsetzt, das muss für euch passen.“ Das sieht man natürlich auch einem Projekt an, ob das gut gepasst hat und die Kontakte, die da entstanden sind, dann auch nach der Projektzeit weitergeführt wurden als guter Gesprächsfaden, den man dann am Laufen halten möchte, wie wir das angekündigt haben, ist das ja ganz gut. Dann haben wir alles erreicht, was wir erreichen wollten.

Das kann man auch an der Vielfalt und der Fantasie der Einzelprojekte von POLITIX sehen. Die waren ja sehr erstaunlich …
Was ich schon toll fand, war zu sehen, mit wie viel Leidenschaft zum Beispiel die Leute in Trier ihre Veranstaltung vorbereitet haben. Die haben eine Podiumsrunde gemacht, in Saarbrücken, im kirchlichen Jugendzentrum und haben davor Straßeninterviews geführt und einen kleinen Film produziert, um Themen einzusammeln, und das dann reingeholt in diesem Raum, wo nicht nur Jugendliche waren, sondern von Jugend im jungem Alter bis zu 50 Jahren waren manche Zuschauer*innen. Das war auch durchaus nach außen wirksam. In München wurden unfassbar viele Stimmen eingesammelt auch für eine Podiumsdiskussion, da wurden Plakate verteilt an alle möglichen Einrichtungen, auch im Kindesalter bis hoch zur Universität, also die ganze Altersspanne der KjG einmal abgedeckt, um da junge Themen einzusammeln. Diese Ernsthaftigkeit und der Wille, möglichst für viele zu sprechen, nicht nur für das eigene Anliegen, das hat mich nicht überrascht, so kenne ich die KjG ja auch, aber schon gefreut. Wir wollen für junge Menschen in ihrer Allgemeinheit etwas bewegen. Egal ob KjG-Mitglied oder nicht, das war schön zu beobachten und so stimmig für mich, wie ich die KjG eben kenne.

Auch klasse finde ich diese Aktion in Bamberg, da haben KjGler*innen eine Couchtour gemacht. Die sind wirklich mit einer Couch durch die Städte gezogen und da haben sich die Leute draufgesetzt und über Politik diskutiert. Die Fragen, die KjGler*innen dabei eingesammelt haben, haben sie dann zur Diskussion in die Kommunalwahl mit rüber genommen. Also, im Prinzip ihre POLITIX Aktivität von der Bundestagswahl auf die Kommunalwahl ausgeweitet. Die haben den Politiker*innen außerdem kreative Aufgaben gestellt
Die hatten sich zum Beispiel dem Klischee gestellt, dass Politiker*innen ja gerne sehr ausschweifend und lange antworten, also haben sie dann ein Streichholz angezündet, und solange das Streichholz brannte, durften die Menschen reden. Das hat die Menschen natürlich zur Kürze gezwungen und das ist eine Methode der Zeitbeschränkung, die man auch für die KjG in anderen Gremien überlegen könnte, vielleicht auch in Bundeskonferenzdiskussionen …. Es ist eine lustige Sache, aber andererseits geht auch viel verloren, wenn man nur 30 Sekunden hat für eine Antwort, dann wird es halt auch schnell platt, es sorgt für Klarheit, aber es geht auch Tiefe verloren. Für eine Aktion war es eine gelungene Idee…mal was Anderes, mal was Frisches…

Ebenso, wie die Antworten durch Sound darzustellen, den man abspielen konnte. Das war auch eine weitere Methode, die die an die Hand bekommen haben. Finde ich amüsant, weil politische Veranstaltungen oftmals als einschläfernd gelten und das ist natürlich ein Durchbrechen von Erwartetem. Mitmischen und Verändern war der Untertitel von POLITIX. Ist das eigentlich sogar der Untertitel für die KjG an sich, wie würdest du dassehen?
So habe ich die Zeit in der KjG damals zumindest erlebt. In der Zeit damals, jetzt wird´s historisch, ich komme ja aus einer Zeit, in der in allen KjG-Häusern die Sticker aus den Achtzigern mit dem Spruch: „Komm in die KjG und wehre dich täglich“, waren. Die KjG war da noch ganz stark in der Anti-Atom-Bewegung, da war dieses politisch Aktive der KjG noch deutlich näher an großen Bewegungen dran. Das war so eine sehr umweltbewegte Zeit, in der man sich der Anti-Atomkraftbewegung sehr nah gefühlt hat - als Verband in der 80er Jahren. Die KjG hat immer viel mitgegeben an guten Impulsen. Sie hat immer eine Offenheit gehabt in die Gesellschaft hinein, auch mit Bereitschaft, mit ganz vielen verschiedenen Gruppen zusammenzuarbeiten. Das macht auch die KjG für mich aus: diese politische, selbstbewusste Haltung, aber auch eine Offenheit und Kontaktfreudigkeit. Die KjG als Verband ist ein Verband, der sich immer auf jeder Ebene aktiv gezeigt hat, also in den BDKJ Gremien, wo ja auch oft die KjG bzw. KjGler*innen für die politische Schiene zuständig ist, aber auch vor Ort in der Gestaltung des Gemeindealltags. Die KjG ist egal, wo man hinsieht, immer aktiv gewesen, immer mit einer großen Gestaltungsfreude, Veränderungswillen. „Mitmischen und verändern“ ist ein KjG Herzensthema, das glaube ich schon. KjG ist nicht zufrieden damit, nur im eigenen Saft zu schmoren, sie will auch eine Wirkung entfalten in das nähere Umfeld hinein und das zum Vorteil des Umfelds.

Die KjG besteht aus 60.000 KjGler*innen. Was ist das Schwierige für den Einzelnen oder die Einzelne in der KjG? Wo liegt da die Chance für den Einzelnen und die Einzelne?
Es gibt ja ein ganz großes Gefühl von Gemeinsamkeit, wenn man in der KjG engagiert ist, und man hat eine geteilte Grundlage, die das einfach mit sich bringt. Auf dieser Grundlage kann man dann eben auch die Differenzen ganz gut diskutieren und besprechen und auch aushalten. Politisch haben wir gemerkt, wir hatten von Leuten, die der Linkspartei nahestanden und welche, die der Union nahestanden, eigentlich immer alle demokratischen politischen Stimmungen im Diskurs gehabt, und es war aber immer ein Diskurs. Man war im Gespräch miteinander, was jetzt passt, was zu tun ist. Es war nie in Fronten verhärtet. Und das ist ein ganz großes Geschenk. Auch wenn man die Gesellschaft als Ganzes anschaut, wo ganz oft Sprachlosigkeit herrscht. In der KjG gab´s das nicht, man war immer in Kontakt, in Gesprächen, hat immer wieder zueinander gefunden. Das lernt man auch in der KjG, finde ich. Plakativ spricht man von den Jugendverbänden als Werkstatt der Demokratie. Aber genau das ist es halt. Man wird in der KjG in ganz großem Maße zur Teilhabe an der politischen Gesellschaft befähigt, weil man lernt, zuzuhören, sich auszutauschen, dem anderen wohlwollend gegenüberzustehen und gemeinsam nach Lösungen zu gucken. Ein ganz, ganz großes Geschenk, das der Verband den einzelnen Leuten im Verband macht, das man in einer demokratischen Kultur groß wird, und in einem sehr geschützten und guten Raum lernt, als Gruppe, als Kollektiv zu handeln.

Nützt das politische KjG-Rüstzeug wie von POLITIX denn später im Berufsleben?
Ich arbeite jetzt auch im politischen Berlin und da laufen mir immer KjGler*innen über den Weg. Das ist großartig. Man weiß genau, die sind extrem fit, in dem was sie tun, und das haben die alles in der KjG gelernt. Zu 95 Prozent, wenn ich in Sitzungen komme und wieder ein schlimmes Protokoll geschrieben wurde, dann weiß ich, nee, du warst kein*e KjGler*in, weil ein*e KjGler*in Protokolle schreiben kann und lernt, Beschlüsse festzuhalten. Man lernt auch dieses Handwerkszeug des politischen Alltags, deswegen ist die KjG da ein ganz, ganz toller Vorbereitungsort für die Gesellschaft. Und auch bei den POLITIX-Seminaren, da weiß ich von einigen Leuten, die damals im Seminar waren, die damals 16, 17, 18 Jahre alt waren, die jetzt in Stadträten sind, in politischen Parteien Karriere machen. Und das freut mich total, das zu verfolgen, dass da manche, die Teilnehmer*innen waren, jetzt politische Karrieren anstreben und das doch durchaus leben und das mit dem Handwerkszeug aus der KjG.

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG 2020)

Mission Statement - Die Haltung hinter der Mission

Eigentlich ist ja klar, wofür die KjG steht und wenn nicht, erklärt man es eben – oder? Nein! sagen die KjGler*innen und beschließen 2012 auf der Bundeskonferenz das Mission Statement … Anne Schirmer begleitet den Verbandsentwicklungsprozess als Bundesleiterin von 2010 bis 2016. Auch die Entstehung des Mission Statements.

Das Mission Statement ist aus dem Teilprozess 2 „Besser darstellen“ erwachsen. Worum ging es bei diesem Teilprozess?
Da ging es letztendlich um Markenbildung. Wie tritt die KjG nach außen? Wie sieht sie aus? Gibt es einheitliche Konzepte zur Marke KjG. Es wurde dann auch wieder ein Arbeitskreis ins Leben gerufen, der sich dann diesem zweiten Teilprozess angenommen hat. In dem Arbeitskreis kam dann die Idee auf, ein Mission Statement zu schreiben oder entwickeln zu lassen.

Wahrscheinlich habt ihr gar nicht sofort dieses Wort „Mission Statement“ benutzt. Wenn du das jetzt mal entfalten würdest, in deutschen Wörtern, wie würdest du das beschreiben?
Das ist schwierig. Letztendlich gibt es ja schon die Grundlagen und Ziele. Die ja doch schon in einem längeren Text, aber recht knackig, auf schriftlicher Ebene darstellen, was die KjG sein soll. Und letztendlich war der Wunsch: Das quasi noch einmal in kurz zusammen zu fassen. Sodass man noch einmal knackiger eine Antwort finden kann, wenn man befragt wird: „Was ist eigentlich die KjG? Was bedeutet das für dich in der KjG zu sein?“ Wenn man eben in anderen Kontexten erzählt, dass man sich dort engagiert. Diesen Wunsch, eine Antwort auf diese Frage zu finden, haben wir auf verschiedene Diözesankonferenzen oder in den Pfarreien immer mal wieder gehört. Gleichzeitig wussten wir auch, dass die Antwort auf die Frage natürlich auch immer total individuell ist. Dass jede*r für sich selbst auch noch einmal die Antwort anpassen muss oder seine eigene Formulierung finden muss.

Ihr habt dazu vier Entwürfe gemacht und auf Pinnwände alles Aspekte drumherum gesammelt. Am Ende war das Mission Statement eigentlich für die Hosentasche gedacht, also zum Mitnehmen, oder?
Es war schon die Idee, es in die Öffentlichkeit zu tragen. Eine Idee war, dass dieser Text genutzt werden kann, wenn man Beschlüsse fasst oder auch neue Projekte initiiert. Die Vorstellung war, dass man das Mission Statement danebenlegt und fragt: „Passt das so zusammen?“ Wie eine Blaupause oder ein Abgleich: „Haben wir die Aspekte, wie sie im Mission Statement sind, berücksichtigt? Haben wir das auch in unsere Praxis?“

Es scheint die Wandlung genommen zu haben, dass es nach außen sichtbarer ist als nach innen, man findet es am Ende offizieller Schreiben der Bundesebene, weniger in der Hosentasche der KjGler*innen …
Das ist ja in vielen Projekten und Prozessen und bei weitem nicht nur in der KjG so, dass natürlich manche Dinge entwickelt werden, die dann am Schluss in der Hosentasche landen, aber so gar nicht gedacht waren. Oder aber auch auf einmal einen total großen Effekt hat, mit dem man gar nicht gerechnet hat. Das Mission Statement ist irgendetwas dazwischen. Und das war von Anfang an so gedacht, dass es nach außen und nach innen wirken sollte.

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG 2020)

2011 Verbandsentwicklung – mit Freiheit und Mut

Bura&Co - neue Wege für den Bundesverband

Ende der 2000er passt alles nicht mehr so – die KjGler*innen sind unzufrieden mit der Verbandsstruktur. Ein Verbandsentwicklungsprozess bahnt sich an. Eigentlich sind es sechs Teilprozesse:

1. Teilprozess: Besser aufstellen – Strukturen und Organisation
2. Teilprozess: Besser darstellen
3. Teilprozess: Neue Ressourcen erschließen
4. Teilprozess: Besser vernetzen und informieren
5. Teilprozess: Offener und intensiver kooperieren
6. Teilprozess: Neue Dienstleistungen, Produkte und Aktivitäten

Anne Schirmer begleitet den Gesamtprozess als Bundesleiterin von 2010 bis 2016. Die Diskussionen um und Wünsche an den Verband kennt sie aus ihrem Verbandsleben von der Grummenleiterin bis zur Bundesleitung.

Wir springen in das Jahr 2009 zurück. Da bist du ja noch nicht Bundesleitung. Aber der Verband ist in Bewegung. Es gibt einen Anstoß auf der Buko 2009– die Weiterentwicklung des Bundesverbandes, wie sie durch die Bundeskonferenz angestoßen wurde, da steht, dass es um eine Anpassung geht. Was hat da nicht mehr gepasst?
Auf der Buko selbst war ich nicht dabei. Aber, was halt nicht gepasst hat, war vordergründig erst mal die Frage, braucht der Bundesverband eine Mitgliedsbeitragserhöhung oder nicht? Muss die KjG anders finanziell aufgestellt werden? Gleichzeitig hat man dann aber gemerkt, da hängen Fragen dran: Wie arbeitet der Bundesverband überhaupt? Was ist das Selbstverständnis des Bundesverbandes, was das Selbstverständnis der Diözesanverbände und der Pfarreien? Wie wollen wir überhaupt zusammenarbeiten? Anstoß war vielleicht die finanzielle Frage, aber hinten dran haben sich dann ganz viele strukturelle und auch inhaltliche Fragen ergeben. Und so kam es zum Prozessanschub auf der Buko 2009.

Was ich total spannend finde ist, dass man explizit auf Weiterentwicklung gedrungen hat, aber eigentlich ist der Verband doch ständig in Weiterentwicklung gewesen…
Genau. Ich kann mich da auch noch erinnern, dass ich in irgendeinem Kennenlerngespräch oder Vorgespräch zu meiner Kandidatur als Bundesleitung gefragt wurde, was ich denn von der Idee der Verbandsentwicklung halte. Und ich weiß noch, dass ich da geantwortet habe: „Ich finde es gut, aber ich finde, dass der Verband sich, so nach meinem Erlebnis oder meinem Gefühl, sowieso ständig weiterentwickelt.“ Alleine durch die verschiedenen Gremien … und mindestens die ganze Bundeskonferenz ist eigentlich ein großer Weiterentwicklungsprozess. Wenn man sich da trifft und gemeinsam Beschlüsse fasst, da diskutiert man ja über die Arbeit und die Zukunft des Verbandes. Ich glaube, es war noch einmal der Wunsch, eine Zusammenfassung zu machen oder eine Übersicht von Prozessen, die nicht so schnell weitergingen, wie wir uns das wünschten. So dass wir uns alles bewusst anschauen konnten, um dann einen richtig großen Schritt zu gehen.

Den Schritt ist man von der Bundesleitung her gegangen, und zwar gab es einen Antrag von ihr zum Verbandsstrukturprozess, mit dem Ansatz „mit Freiheit und Mut zu entscheiden“. Freiheit und Mut, inwiefern?
Wir haben 2011 gesagt, wir haben so das Gefühl, es würde Sinn machen, dass man eine Veränderung einmal ausprobiert und bereit ist für eine Veränderung, auch wenn man Angst hat, dass vielleicht der ein oder andere Grundsatz der KjG dadurch hinten runterfallen könnte. Es gab viele Themen, bei denen wir schon wussten, die werden in den Diözesanverbänden sehr unterschiedlich gesehen. Da werden dann viele Aspekte gegeneinander aufgewogen oder man muss gucken, was einem dann wichtiger ist. Es gab viele Dinge, die gegeneinanderstanden, viele Themen und auch wichtige Grundsätze der KjG. Eines der Themen war dann z.B. die Einrichtung des Bundesrates und die damit verbundene Frage nach paritätischer Besetzung.

Um den Bundesrat ging es im Rahmen des ersten Teilprozesses: Besser aufstellen – Strukturen und Organisation. Welche widerstrebenden Argumenten gab es denn gegen die Einrichtung eines Bundesrates?
Bisher hatte der Bundesverband so gearbeitet, dass es den Bundesausschuss gab. Das war noch einmal ein kleines Gremium, von der Bundeskonferenz gewählt. Jedes Jahr von ein paar Ehrenamtlichen aus den Diözesanverbänden, die dann sehr oft zusammenkamen und die Bundesleitung beraten haben, aber auch Beschlüsse gefasst haben. Damit eben nicht nur einmal im Jahr auf der Bundeskonferenz was beschlossen werden konnte. Die Personen und die Diözesanverbände, die in diesem Bundesauschuss vertreten waren, die waren immer sehr gut informiert. Aber wenn man nicht dort drin vertreten war, dann waren Information und Wissen dann doch begrenzt oder schwieriger dran zu kommen. Man hatte sich nicht so beteiligt oder involviert gefühlt.

Der Bundesrat sollte den Zugang zu Information im Verband und die Beteiligung der Diözesanverbände gerechter machen?
Ja. Dann war da aber eben die Frage: Können wir ein Gremium schaffen, in dem jeder Diözesanverband vertreten ist und indem dann wirklich auch gute Beschlüsse gefasst werden können unterm Jahr? Beschlüsse, die dann Bestand haben und für die man nicht erst auf eine Bundeskonferenz warten muss. In diesem Zuge kam dann die Diskussion auf, wie dieser Bundesrat z.B. zusammengesetzt werden kann. Da spielte z.B. der eine Grundsatz der KjG rein, dass wir ja immer sagen, wir möchten Gremien paritätisch besetzt haben. Jetzt war dann die Konsequenz, dass aus jedem Diözesanverband ein Mann und eine Frau teilnehmen sollten und viele Diözesanverbände haben gesagt, dass übersteigt unsere Kapazität. Wir können nicht mehrere Male im Jahr ein ganzes Wochenende ein Mann und eine Frau aus unserem Diözesanverband auf Bundesebene schicken. Die Zeit haben wir einfach nicht. Wir sind alle Ehrenamtliche. Wir brauchen auch Zeit für unseren Diözesanverband. Und dann ging eben eine große Paritätsdiskussion los. Als Zweites stellte sich auch die Frage, ist das überhaupt noch zeitgemäß, brauchen wir das noch, Parität? Und manche, die haben eben gesagt, klar ist das ein Kurs der KjG, da kann man nicht daran rütteln. Andere wollten dann doch daran rütteln, sahen das pragmatisch, wir haben nicht so viel Zeit, wir sind auch überlastet. Solche Fragen kamen dann auf.

Sehr spannend. Solche Diskussionen kennt man heute noch.
Die Fragen rund um Geschlechtergerechtigkeit oder dann natürlich jetzt noch viel mehr auch mit sexueller Vielfalt, ist immer noch ein ganz wichtiges Thema. Ich finde es gut, dass der Verband sich noch damit beschäftigt. Und die KjGler*innen letztendlich gegenseitig nicht lockerlassen, auf diese Weise eine eigene Haltung dazu finden. Man wird durch die Diskussion auch immer aufgefordert für sich selbst zu gucken, welche Themen sind mir wichtig oder was ist da meine Meinung zu der ganzen Sache.

Was glaubst du, hat am Ende dazu geführt, dass die Einrichtung des Bundesrates angenommen wurde?
Grundsätzlich würde ich sagen, dass die Idee, dass alle Diözesanverbände mehr einbezogen werden, relativ schnell sehr guten Anklang gefunden hat. Ich glaube schon, dass dieser Wunsch, eben mehr, besser informiert zu sein, mehr beteiligt zu sein und bei Schritten unter dem Jahr mitentscheiden zu können, dann doch quasi viele dazu bewegt hat zu sagen, komm, wir probieren es aus, und wir probieren es auch mit einer paritätischen Besetzung aus, auch wenn das für uns mehr Arbeit für uns bedeutet. Es war aber kein einstimmiger Beschluss und es gab auch definitiv welche, die gesagt haben, wir müssen gucken, dass unser Diözesanverband oder unsere Diözesangremium, die Diözesanleitung das überhaupt verkraftet. Wir wollen auf jeden Fall nach ein, zwei Jahren noch einmal anschauen, ob wir den Bundesrat nicht z.B. doch wieder kleiner machen müssen.

Das ist ja dann nicht erfolgt.
Nee, es ist schon dabei geblieben. In der Praxis war es ein positives Fazit. Beim Bundesrat wurde nicht nachjustiert.

2011 im Herbst war dann der erste Bundesrat. Was war das für ein Gefühl, der erste BuRa?
Also, wie bei allen neuen Gremien musste man sich erst einmal reinfinden. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass man irgendwie in der praktischen Umsetzung besonders gehakt hat oder dann noch einmal inhaltlich Kritik gab. Es war insgesamt ein schönes Gremium. Eine schöne Begegnung. Jedes Mal war der Bundesrat eine besondere Art und Weise zu beraten und sich noch einmal zu treffen. Es hatte auch vielmehr den Fokus darauf, dass man sich vernetzt, dass Diözesanverbände voneinander etwas mitbekommen. Das hatte der Bundesausschuss, das Gremium davor, einfach nicht. Der war ein kleineres, erlauchteres Gremium und der Bundesrat hatte einfach den Fokus auf andere Aspekte gelenkt. Das war sehr schön zu erleben, dass es tatsächlich auch so funktioniert, also, dass man das umsetzen kann, was man sich erhofft hat davon.

Das war ein leichteres Netzwerken, wenn ich das richtig verstehe?
Genau. Ja. Natürlich haben wir als Bundesleitung gesehen, dass Vernetzung auch immer informell passiert, in den Pausen und abends. Aber es sollte doch  auch speziell immer Tagesordnungspunkte dazu geben.

Im Vorwort zu dem Antrag der Bundesleitung 2011 stand die Fragestellung: „… sehen wir unseren politischen Auftrag eher darin, junge Menschen zu Demokratie und gesellschaftlicher Teilhabe zu befähigen und für wichtige Themen zu sensibilisieren, als darin konkrete Positionen auf allen Ebenen der Verbandsstruktur abzustimmen. Um die nach außen vertreten zu können.“ Wo lag der in diesem Sinn der Auftrag des BuRas?
Ich hatte schon das Gefühl, dass es eher politisch und gesellschaftliche Teilhabe ist. Die DVs waren noch mal ernster genommen, indem gesagt wurde, es sollen alle beteiligt sein … Aber es ist schon auch der Effekt oder der Wunsch, dass man breit abstimmt, damit man eben als Bundesleitung gut nach außen vertreten kann. Es hat schon beide Aspekte.

Ist doch wundervoll. Dann hat doch der BuRa aus einem „oder“ ein „und“ gemacht?
Das könnte man vielleicht so sagen.

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG 2020)

2005 Weltjugendtag Köln, feel the spirit

800.000 junge Leute aus 193 Ländern wollen sich 2005 gemeinsam in Köln begeistern lassen. Für die KjG stellt sich die Frage: Was macht uns im Schwarm der Gleichgesinnten besonders? Und sie findet Antworten. Begleitet wird der Prozess von Matthias Koffler. Heute ist er Leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit Karlsruhe Südwest. In der KjG war er seit seiner Kaplanzeit zunächst auf Diözesanebene im DV Freiburg bis 2002 tätig. Danach war er bis 2008 geistlicher Leiter bei der KjG im Bundesverband.

 In den Veröffentlichungen der Medien hat man in der Zeit um 2005 gelesen, die Jugendpastorale sei im Umbruch. Das bezog sich unter anderem auf schrumpfende Mitgliederzahlen der Jugendverbände. Hattest du damals selbst das Gefühl, dass ihr so im Umbruch seid?

Ich weiß gar nicht, ob man das immer an Mitgliederzahlen festmachen kann. Natürlich ist das auch ein Thema der Gesamtkirche. Aber generell denke ich: Wenn Kirche nicht mehr im Umbruch ist, dann ist das nicht mehr Kirche. Speziell haben wir das natürlich als Verband so auch erlebt, klar. Zudem gab es um den Zeitraum Ende 90er – 2001 auch Finanzprobleme usw., die wir dann versucht haben, miteinander zu klären.

 

Wie hast du denn die KjG in der Gesamtkirche erlebt, von der Gründungszeit bis zu deiner Tätigkeit als geistlicher Leiter?
Die KjG wurde immer von der Amtskirche beäugt, weil wir ständig in Bewegung und Entwicklung waren. Es war ständig die Frage im Raum „Ist das, was die KjG so macht, überhaupt etwas Kirchliches oder sind die nicht viel zu sehr politisch? Glauben die noch richtig?“ Da bin ich natürlich in meiner Rolle als geistlicher Leiter, der dann auch noch von der Kirche bezahlt wird (dafür wurde ich vom Bischof freigestellt), auch öfter in Frage gestellt worden, ob das, was wir da machen, so richtig ist … „oder machen die nur Protest, Politik? Was genau machen die eigentlich? Beten die auch mal?“ Als KjG haben wir gerade auf Bundesebene versucht, nach außen hin zu demonstrieren, was unsere Spiritualität ist und wofür wir stehen, was uns von irgendeiner weltlichen Jugendarbeit unterscheidet. Auch im Kontext von der Gesamtkirche.

 

Was war für dich in der Zeit um den WJT 2005 für die kirchliche Jugendarbeit prägend?

In dieser Zeit sind auch gerade im Jugendbereich geistliche Bewegungen immer stärker geworden. Ich kann mich erinnern, es gab mal zum Weltjugendtag ein Gremium in Köln, in dem alle Jugendverbände, geistlichen Bewegungen und Interessierte zusammenkamen, um gemeinsam zu brainstormen und Ideen auszuformulieren. Das war so in den letzten beiden Jahren der Vorbereitung. Da wurden Unterschiede zwischen verbandlicher und nicht verbandlicher Jugendarbeit natürlich schon sehr deutlich. Es gab einen Vorschlag von einer Jugendvertreterin, die so ähnlich wie ich auch eher Berufsjugendliche war, aber auch aus der geistlichen Bewegung kam. Die schlug vor, man könne in verschiedenen Farben Zitate vom Papst sammeln und auf große Banner schreiben. Das ist jetzt nicht das, was wir KjGler*innen unter dem verstanden haben, wofür der Weltjugendtag stehen kann und wofür wir als KjG oder als verbandliche Jugendarbeit stehen.

Die Gegensätze haben sich weiter zugespitzt, denn im Jahre des Weltjugendtages ist auch Papst Johannes Paul II. gestorben. Der Weltjugendtag war ja ursprünglich mit ihm geplant worden, nun kam es aber anders. Im April ist er gestorben. Da haben wir schon gemerkt, wie viele junge Leute nach Rom geströmt sind. Es gab eine ganz starke Tendenz von Jugendbewegung im weitesten Sinne, die papsttreu war, also den Papst schon fast wie einen Popstar verehrt hat. Das ist etwas, was sich die KjG nie auf die Fahne geschrieben hat. Diese Verehrung, diesen Personenkult, der manchmal auch sehr irrational war, das hat die KjG so nicht mitgetragen. Aber es war natürlich auch klar, wenn das in Köln stattfindet, in NRW, wo wir ja auch sehr präsent sind als KjG durch den großen DV und die Bundesstelle, dann gibt es eigentlich zwei Möglichkeiten – entweder, sich da auszuklinken oder eben versuchen und mitzugestalten.

 

Das war die Gratwanderung des Weltjugendtages. Ihr habt dann die Entscheidung getroffen, wir machen mit. Was war das Ausschlaggebende?

Vielleicht auf der einen Seite ganz pragmatisch ein „Eigentlich können wir uns gar nicht ausklinken, wenn das ja in Köln stattfindet. Das würden auch unsere Mitglieder so nicht verstehen. Wir sind auch Teil der kirchlichen Jugendarbeit und wir wollen auch vorkommen und wir tun dann alles dafür, dass wir so vorkommen, dass wir auch einen Platz kriegen.“ Wir haben dann auch gekämpft, dass wir wirklich die Chance haben, richtig präsent zu sein, mit dem, was wir machen und dem Ganzen auch unser Gesicht zu geben. Das ist uns weitestgehend, denke ich, auch gelungen.

Wo das am allerwenigsten gelungen ist und das sehe ich auch selbstkritisch, das war beim Abschlussgottesdienst auf den Marienfeld. Ich war auch in der Vorbereitungsgruppe für den mit rund 1 Mio. Teilnehmer*innen geplanten Gottesdienst. Da ist tatsächlich fast nichts übriggeblieben von dem, was wir versucht haben einzubringen. Das ging sogar so weit, dass ich gar nicht mehr aktiv teilgenommen habe, weil man gar nicht mehr richtig bis dorthin kam und ankam, rein von der Zeit her. Das war gar nicht mehr das, was wir wollten. Das fing bei der Musik schon an und ging bis zur Gestaltung. In der Vorbereitungsgruppe waren wir uns einig, dass wir auch versuchen, Liturgie so zu gestalten, dass sie zu den jungen Teilnehmer*innen passt, aber da ist nicht viel passiert. Im Abschlussgottesdienst war ja dieser Hügel, es war klar, dass der Einzug der Zelebranten usw. auch wichtig ist, wie in jeder Liturgie. Es sollte eben nicht nur darum gehen, in kürzester Zeit mit möglichst wenig Handlung rational irgendwelche Dinge zu vollziehen. Liturgie lebt auch davon, dass Zeit da ist, um wichtige Dinge zum Ausdruck zu bringen. Wir haben daher sehr lange über den Einzug diskutiert. Aber schlussendlich ist über das Fernsehen nur rübergekommen, dass sich alte Männer den Berg hochschleppen! Das war natürlich nicht das, was wir wollten. Es ist nicht gelungen, auch durch die Entscheidungsträger schlussendlich, das jugendnah zu gestalten. Die Musik war nicht jugendgemäß, sondern tatsächliche Kirchenmusik.

 

Ihr hattet euch als KjG das Motto oder das Ziel gesetzt „Feel the Spirit“. Welchen Spirit wolltet ihr fühlen lassen? An welcher Stelle ist es euch gelungen?

Wir hatten ja unter der Mülheimer Brücke ein großes Veranstaltungsgelände, das wir dreigeteilt hatten. Da gab es einmal „Spirit of communication“, eines mit „Spirit of body and soul“ und noch ein drittes „Spirit of celebration“. Wir haben also versucht, das ein wenig passend zu machen. Uns ging es darum, dass das, was unseren Spirit im Verband ausmacht, wenn man Spirit jetzt auch als Geist und Heiligen Geist versteht, deutlich wird.

Es war uns auch wichtig, dass verstanden wird, dass man bei uns das Spirituelle vom Rest nicht abspalten kann. Also auch wenn wir politisch aktiv werden oder einfach nur einen tollen Abend gestalten, das hat bei uns eben immer auch etwas mit dem Spirituellen zu tun. Allein schon deshalb, weil es von uns als Kirche und auch in der Jugendarbeit die Aufgabe ist, den Menschen, den Jugendlichen zu ermöglichen, dass sie den Geist bei sich auch entdecken und dann behalten.

 

Und habt ihr den Spirit dann auch erlebt?

Also, da war uns eben wichtig, auf diesem Gelände, dass wir da diese drei Bereiche hatten. Der eine Bereich Body and Soul war sehr spirituell, da ging es eben auch darum, in diesem riesigen Trubel von Weltjugendtag, vielen Aktivitäten etc., bei uns einen Ort zu schaffen, wo man auch mal abschalten und einfach mal bei sich ankommen kann. Dazu sollte die Gestaltung des Bereichs beitragen. Body and Soul bedeutet ja auch, dass es um Ganzheitlichkeit geht zwischen Körper und Geist, Leib und Seele. Wir hatten da also Ecken, wo man die Füße ins Wasser strecken konnte oder wo man eine Massage bekommen hat. Das war wirklich ein Ruhebereich, der eben auch eine ganz eigene Atmosphäre hatte. Gleichzeitig konnte man sich dort aber auch mit Texten auseinandersetzen.

Im Zentrum hatten wir das Café der Begegnung. Das war ein Ort, an dem man einfach ankommen, etwas trinken und zusammen sein konnte. Gleichzeitig konnte man im Celebration natürlich auch feiern. Also Gottesdienste wurden dort gefeiert, aber eben auch jugendgemäß mit Konzerten, Party, Musik und so. Das lässt sich eben nicht trennen.

Uns war wichtig, dass das Ganze ein Ort war, an dem alle Bereiche zusammenkamen.

 

Der Spirit, den du da empfunden hast, wie würdest du den beschreiben?

Das war vor allem ein einladender Spirit, in dem, was wir gemacht haben, wie wir das gestaltet haben, einladend, anregend und aufregend. Ich weiß aber, dass Leute auch nicht einfach nur mal gekommen sind, um zu sehen, was beim Weltjugendtag geboten wurde. Viele sind auch immer wieder gekommen. Die KjGler*innen natürlich sowieso. Für die war natürlich klar, dass sie bei uns vorbeischauen. Aber ich glaube auch, dass dieses Vielfältige, Bunte und die Gestaltung schon auf sehr hohes Interesse gestoßen ist.

Die Atmosphäre mit dem Rhein und der Brücke hat natürlich auch viel dazu beigetragen. Man war bei uns ja auch nah dran und doch irgendwie war es wie eine riesige Oase bei uns. Das Thema war ja auch weltweite Begegnung. Die KjG hatte ja auch Kontakte raus aus Deutschland über die Fimcap und so hatten wir auch sehr viele interkulturelle Begegnungen.

 

Es gab ja schon auch ein Aufreger-Thema: Die KjGay. Die war auf dem Weltjugendtag nicht so gerne gesehen, von den konservativen katholischen Mitgestaltern. Nicht von allen, aber von einigen. Wie war da dein Empfinden?

Damit sprichst du natürlich ein Thema an, was auch vorher schon ein Aufreger war.

Unmittelbar vor dem Weltjugendtag hat meine zweite Amtszeit begonnen. In der ersten Amtszeit war schon eine Diskussion mit der Jugendkommission der Bischofskonferenz. Da wurden wir vorgeladen wegen der KjGay.

Wir haben versucht, zu vermitteln, dass das jetzt erstmal in der KjG auch kein politisches Thema ist. Es war der Tatsache geschuldet, dass wir davon ausgehen mussten, dass wir prozentual einen Anteil von Mitgliedern haben, die eine andere sexuelle Orientierung haben, wenn wir Statistiken usw. ernstnehmen. So hat es die KjGay auch selbst formuliert

 

Aufgrund dieser Tatsache wollten wir als KjG auch diesen Mitgliedern gerecht werden
Ja, und wir haben uns Gedanken gemacht, wie wir dieser Gruppe gerecht werden und eben auch Aufmerksamkeit schenken können. So ein wichtiges Thema wollten wir natürlich nicht unter den Teppich kehren.

Natürlich ist so etwas auch mit Ausgrenzung, Ängsten und Problemen verbunden, gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Damals war das ein Tabuthema oder Randthema, vor allem in der Kirche. Wir wollten nicht so tun, als ob das an uns vorbeiginge. Da hat sich dann bei der KjG eine Gruppe gebildet, von Leuten, die sich da zugehörig fühlten und sich für das Thema auch stark gemacht haben. Unser Fokus war da überhaupt nicht politisch. Wir wollten uns einfach damit auseinandersetzen.

In der Jugendkommission kamen natürlich Fragen auf, wie „Was machen diese Gruppen, wenn die sich treffen“. Solche Fragen wurden bei anderen Gruppierungen nie gestellt. In dieser Jugendkommission waren natürlich auch Bischöfe dabei. Die konnten die Fragen kaum formulieren oder aussprechen, weil es ja um Sexualität ging.

Es wurde sogar gefragt, ob bei den Gruppentreffen der KjGay auch ihre Sexualität „aktuiert“ werden würde. Das war wirklich ein Moment, in dem ich fast ausgerastet wäre.

 

Wie bist du dann mit dem Verhalten der Bischöfe umgegangen?

Ich habe mich dann erst recht für KjGay stark gemacht, obwohl ich für diesen Bereich nicht zuständig war. Für die Bischöfe war nämlich auch wichtig zu wissen, wie denkt denn der zuständige Pfarrer da darüber. Eigentlich wollten sie nämlich, dass ich meine Kandidatur für die zweite Amtszeit dann zurückziehe. Dabei hatte ich schon kandidiert und durfte auch kandidieren, also von Seiten meines Bischofs. Ich habe durchblicken lassen, dass, wenn er jetzt meint, ich kann doch nicht kandidieren, aus dem Grund, dass ich mich da zu sehr einsetze, dann würde ich das auch thematisieren und dann könnte das natürlich auch ein politisches Thema werden - und das unmittelbar vor dem Weltjugendtag. Das wollten sie dann natürlich doch nicht und haben der Kandidatur zugestimmt.

Natürlich hat sich die KjG im Sinne von Gleichberechtigung auch immer dafür ausgesprochen, dass auch solche Gruppen wie KjGay und Schwule und Lesben selbstverständlich einen Platz bei uns haben. Bei uns war das immer eines der wichtigen Themen, dass alle gleichberechtigt behandelt werden.

 

Kam die KjGay dann beim Weltjugendtag vor?

Bei uns auf dem Gelände war die KjGay sicher genauso aktiv wie andere Gruppierungen der KjG natürlich auch. Für die KjG war das nie eine Frage, ob sie aktiv teilnehmen können und dürfen.

 

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG 2020)

4girls -Skateboard, Tiefgang und Mädchenpower

2004 kommen Lisa, Johanna, Ariane und Kim - die „4Girls“ - in die KjG. Sie gehören zum Magazin und Projekt „4girls“. Ihre Aufgabe: Stärkung der Mädchenarbeit. Beteiligt an dem Projekt: das Frauenpräsidium, der Frauen-Arbeitskreis, die Gruppenleiterinnen und die Mädchen selbst. Eva Maria Düring (erste Geistliche Bundesleiterin 2010-2016) gehört zu den engagierten Ehrenamtlerinnen.

„Wir wollten damals, dass die Aktion 4girls ganz toll ankommt und alle das unbedingt mitmachen wollen.“ Darum erschuf das 4Girls-Team für das Magazin vier Mädels, die von Grund auf verschieden sind: Während Kim gerne skaten geht, hilft Johanna lieber im Tierheim, Lisa liebt Musik und tanzt gerne, während Ariane lieber fotografiert oder liest. Doch eines haben sie gemeinsam: sie sind beste Freundinnen und tauschen sich über Themen aus, die jedes Mädchen irgendwann mal beschäftigt: zum Beispiel dem eigenen Körpergefühl, der Umgang mit Essstörungen oder Gewalt und Aggressivität.

Die 4Girls, Lisa, Johanna, Ariane und Kim, sollten zu Freundinnen der KjGlerinnen werden wünschten sich die Projektverantwortlichen: „Deswegen haben wir uns auf der Bundeskonferenz verkleidet und waren als Gruppe auch für 4girls unterwegs. Ich war die Skateboarderin und konnte das wirklich so überhaupt nicht. Aber, ich war diejenige, die dann mit den Mädels gemailt hat und denen erklärt hat, wie sie welchen Move richtig machen.“

Damit die Magazine und die 4girls gut ankamen, brauchte man aber auch die Infos dazu, was denn grade aktuell war. Daher war es naheliegend, dass die Gruppenleiterinnen wichtige Projektpartnerinnen wurden, denn sie haben den engsten Kontakt zu Mädchen. In jeder 4girls Ausgabe gab es neben den ernsten Themen auch Vorschläge zum Spielen, Basteln oder kreativ werden. Aber auch Horoskope, Psychotests, Foto-Storys und Ratschläge à la Bravo-Zeitung waren in jeder Ausgabe zu finden.

Das 4girls-Team wollte aber noch näher ran, an die Lebenswelt der KjGlerinnen – und! – die sollten mitgestalten können. Nach den vier thematischen Ausgaben zu Freundschaft, Körper, Gewalt, Mädchen sein und Junge sein, wurde darum jedem Projekt-Team eine extra Ausgabe zum Selbstgestalten zugeschickt. Die bastelten, recherchierten, fotografierten und schrieben kleine Kunstwerke. Aus all den Rücksendungen von durchgeführten Projekten und Aktionen erwuchs schließlich eine Methodenmappe für die Mädchenarbeit in der KjG. Ein Methodenschatz für starke Mädchenarbeit, gesammelt von den Mädchen selbst. Jungs tragen auch etwas bei, denn beim 4girls Wettbewerb dürfen auch geschlechtergemischte Gruppen mitmachen und es gewinnen die Jadeperlen aus Rheda – 7 Mädchen und ein Junge.

 

Eva-Maria Düring: „Das war für mich eine Wahnsinns-Zeit, ehrenamtlich so ein Projekt zu stemmen. Da rede ich sogar heute noch mit Freundinnen drüber!“

(Artikel in Zusammenarbeit Caro Boot und Babette Braun 2020)

2003 Schoko sucht Lade - Fairer Blick ins Schokoladenregal

Der Affe Schoko aus Ghana blickt bei dem Kinderstufenprojekt fantasievoll mit den KjGler*innen ins und hinter das Schokoladenregal. Fairer Handel wird zum Thema für Mädchen und Jungen, aber mit Genuss … Steffi Lippelt, damals Steffi Dittrich, ist von 2001 – 2006 Bundesleiterin …

…und du hattest mit Schoko-Lade zu tun bei der KjG. Wie kam das denn?

Ich war zuständig für Kinderpolitik und Entwicklungspolitik. Das heißt, ich habe auch die Vertretung in dem Entwicklungspolitik-Bereich usw. gemacht. Über diese Verbindung kam es schließlich zur Schokolade, viel mehr zum Suchen der Schoko Lade. Weil, Schoko sucht ja Lade.

Wir hatten die Idee, ein kinderpolitisches Projekt zu machen oder ein Projekt für die Kinderstufe zu machen, das auch wirklich vor Ort ankommt. Und haben überlegt, wie wir das gut verbinden können, mit welchem anderen Thema. Da traf es sich gut, dass ich eben auch für Entwicklungspolitik zuständig war und wir dachten, der Faire Handel könnte auf jeden Fall noch mehr gepusht werden.

 

Das Bewusstsein für Fairen Handel - Wie war das denn damals in der Gesellschaft, als das Projekt begonnen wurde?

In den Jugendverbänden war das Bewusstsein damals schon hoch, weil die Jugendverbände ja auch ganz initiativ dabei waren, den Fairen Handel in Deutschland mit zu gründen. Ich glaube, viele erinnern sich noch an die Verkaufsstände damals in den Kirchen etc. In der Gesellschaft war das Bewusstsein noch nicht so hoch. Da gab es immer noch so Nieschenprodukte von der Gepa, die zu teuer waren oder die nicht schmeckten. Und da hat sich schon viel getan jetzt in den letzten Jahren. Also, wenn ich das mit heute vergleiche, was man heute im Supermarkt einfach ganz normal einkaufen kann und wie sehr sich der Faire Handel doch schon in den Köpfen festgesetzt hat, da waren wir früher doch sehr weit von entfernt.

 

Manche sagen, er ist nicht mehr so spaßbefreit …

Ja, das stimmt. Also ich glaube, der faire Handel hat insgesamt auch schon von einer insgesamten Ernährungsdebatte rund um Bio-Produkte profitiert, es ist also irgendwie so mitgeschwommen. Also, dass man sich doch noch mal mehr damit auseinandersetzt. Aber es hat schon insgesamt viel mehr Sachen erobert und ist viel mehr in die Breite gegangen und produziert ja alle möglichen Sachen. Früher war die Palette ja doch auch eher schmal. Es hatte schon den Charakter von „Wir tun der Welt was Gutes und dafür trinken wir Kaffee, der nicht schmeckt“.

 

Für das Projekt „Schoko sucht Lade“ habt ihr euch ein „Kakaoprojekt in Ghana“ ausgesucht. Dabei habt ihr den Weg nachgezeichnet vom Kakaobaum, über die Bohne, über die Herstellung, Situationen vor Ort, wie die Kinder leben. Dann die Kette bis zu uns und habt dann nachgezeichnet, wo man dann eben auch diese fairen Sachen kaufen kann. Und ihr seid sehr kreativ damit umgegangen. Wie kam das? Hattet ihr Lust, etwas Lustiges zu machen, man kann das ja auch ernsthafter angehen, oder?

Also erstmal war es, glaube ich, besonders, dass wir die Idee zu dem Projekt hatten und gesagt haben, dass wir das gerne mit Menschen machen, die auch vor Ort in der Kinderstufenarbeit aktiv sind. Das heißt, wir haben nicht geschaut, wer läuft auf Diözesanebene rum, ist in der Kinderstufenarbeit aktiv und macht da mit, sondern haben gezielt geguckt, dass wir von interessierten Diözesanverbänden Leute genannt bekommen, die gerade aktiv in der Kindergruppe sind. Dadurch hat sich eine Arbeitsgruppe ergeben, für die das Arbeiten auf Bundesebene völlig fremd war, das war aber ganz egal, weil die hatten Zeit und Lust und wir haben uns getroffen und da kam ganz viel Kreatives her, weil die das einfach aus ihrer täglichen Arbeit mit den Kindern auch mitbrachten und die Idee, die sie eh hatten. Wir hatten einfach auch sehr spaßige Wochenenden. Wir hatten Lust, miteinander zu arbeiten und uns Sachen auszudenken und auch viel Lust etwas auszuprobieren. Die haben auch selbst die Sachen gespielt und gemacht und hatten unglaublich viel Spaß daran, den Schoko auszusuchen und zu überlegen, was der alles machen kann. Es war also sehr schnell klar, dass wir eine Identifikationsfigur brauchen und da hat es uns einfach selber unglaublich viel Spaß gemacht. Wir haben das auch immer wieder in Gruppenstunden rückgekoppelt, das war uns auch wichtig, dass die, die mitgearbeitet haben auch parallel noch Gruppenstunden hatten, in denen sie das dann schon mal in ihren Gruppen ausprobieren konnten. Wir erfuhren dann, wie die Kinder darauf reagieren und wie die das finden - Ich glaube das hat viel Einfluss genommen darauf, dass auch wirklich etwas ganz Kreatives rausgekommen ist, weil es eben auch vor Ort vor allem Spaß machen sollte und die Kinder zum Mitmachen animieren.

 

Wer ist der Schoko, den ihr da ausgesucht habt?

Der Schoko ist der Affe. Der Schoko, der die Lade sucht. Also Schoko Lade. Genau, der Affe, der halt die Identifikationsfigur für das Projekt ist. Wir haben überlegt, was das sein kann, was die Kinder so durch die Aktion führt. Daniela Berding, die damals beim Projekt dabei war, die hatte eine Postkarte von einem Affen oder ein Foto von einem Stoff-Affen. Der Affe war dann irgendwie klar, der sieht toll aus. Das Foto habe ich tatsächlich auch jetzt noch bei mir, weil wir so viele Fotos gemacht haben. Das haben wir damals eingereicht, bei den damaligen Illustratoren der Infam, bei der Sitzgruppe, und die haben viel Lust gehabt, einfach mal ein paar Affen für uns zu zeichnen und so ist Schoko entstanden. Aus der Vorlage dieses Fotos und, dass es ihn dann auch wirklich gab und gezeichnet hat dann die Sitzgruppe. In verschiedensten Situationen.

 

Zu dem Projekt gehörten zwei Hefte, eines für die Kinder mit der Geschichte vom Kakaobaum zur Schokolade und Rätseln, Rezepten und, und, und… Ein zweites in einem Arbeitspaket für die anleitenden KjGler*innen. Mit Gruppenstundenanregungen. Und schließlich gab es auch noch einen Bilderwettbewerb, für den haben die Kinder Schokobilder oder Bilder, die zeigten, wie fairer Handel funktioniert gemalt.

Es gab ja einen unheimlichen Flow von Begeisterung. Da haben ja auch Pfarreigruppen super mitgemacht und es war ein sehr guter Kontakt miteinander. Sind da auch Schwierigkeiten aufgetaucht bei dem Projekt?

Direkt erinnere ich mich an keine. Ich finde es hat wirklich richtig gut geklappt mit der Zusammensetzung der Arbeitsgruppe, mit dem Weitertragen der Materialien. Also, natürlich die üblichen Schwierigkeiten hat man ja immer, wenn ein Projekt pünktlich rausgehen soll, alles verpackt und verschickt werden muss. Ich kann mich aber an keine große Schwierigkeit erinnern.

Das Paket musste natürlich versendet werden, aber das sind ja normale Schwierigkeiten (Adressen, Pünktlichkeit) Pakete packen etc.

 

Warum ist das Projekt wohl so gut angekommen? War das so ein Wohlfühlthema?

Ich finde, das ist ein ganz klassisches KjG Projekt, wie wir das vorher lange nicht hatten. Kinderstufenarbeit ist ja originäre KjG Arbeit und so bin ich groß geworden, dass es immer wieder Projekte in der Kinderstufe gab, die habe ich in meiner Kindergruppe damals auch schon mitbekommen. Jetzt lag meine Zeit als Bundesleiterin relativ nah an der Zeit, wo die Bundesstelle sehr viele Kürzungen hatte, Referate wegfielen etc.. Wir mussten uns wieder sortieren, wie geht eigentlich inhaltliche Arbeit für die KjG und so. Das Projekt war tatsächlich ein Ansatz zu sagen, wir wollen in der originären Zielgruppe wieder ein Projekt machen und die Kinderstufe bedienen und das fanden alle super als Idee. Vor allem, dass man es von Anfang über alle Ebenen durchreichen kann. Es wurde ja direkt vor Ort angewandt und von Gruppenleitern für die Stunden genutzt und alle konnten sich an dem Material bedienen, wenn sie Lust hatten. Dann war es natürlich auch noch ein Thema, was ja auch klassisch zu den Werten der KjG passt. Fairer Handel, Bewahrung der Schöpfung etc. Das verband sich einfach so gut und wurde auch so schön geliefert, also in einem großartigen Paket, dass es einfach gar keine Widerstände dagegen gab.

 

Wie viele Leute wart ihr eigentlich, die so insgesamt damit befasst waren?

Ich glaube in der Vorbereitungsgruppe waren wir nicht so viele, vielleicht 7 Personen. Zwei von der Bundeseben und dann vom Gefühl her ca. 5 Personen, die aus den Diözesanverbänden dazu kamen. Dann waren natürlich Zivis eingebunden und die Bundesstelle bei organisatorischen Dingen.

 

Hast du später noch mal Schoko Laden oder Schoko begeisterte KjGler*innen getroffen?

Ich kenne viele, die sich daran erinnern. In der Vorbereitung auf das Interview habe ich auch im Internet gesurft und war sehr erstaunt, dass es auf vielen Seiten zum Fairen Handel noch Verweise zu Schoko sucht Lade gibt. Das freut mich natürlich sehr, dass das nachhaltig noch mal auf das Projekt verwiesen wird, auch auf das Material. Das freut mich natürlich sehr. Damit wurde auch das Grundziel des Projektes erreicht. Ein sinnstiftendes, spaßiges Projekt für die Kinderstufe, was einfach vor Ort umsetzbar und nachhaltig ist.

 

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG 2020)

2003 trialog - Dreiklang als Gegenpunkt zu Rassismus

Wir sind alle Kinder Abrahams – Jüd*innen, Christ*innen und Muslim*innen. In dieser Gemeinsamkeit stimmen die MJD (Muslimische Jugend Deutschland), der BJSD (Bundesverband jüdischer Studenten in Deutschland) und die KjG 2004 überein. Ein Samen, aus dem mehr werden kann? Gemeinsam machen sie sich auf den Weg. Auf KjG-Seite Weggefährte ist Martin Menzel-Boesing, seit der Erstkommunion KjGler und von 2000-2004 Grundsatzreferent an der Bundesstelle tätig.

In welcher gesellschaftlichen Atmosphäre lag das Projekt „trialog“? Es scheint mir, dass es so ein bisschen vom Asylrecht her und der Situation drum herum angetrieben war. Kannst du dich an diese gesellschaftliche Situation erinnern?
Ja, ich kann mich daran erinnern. Wir haben diese gesellschaftliche Situation schon Jahre vor dem Trialog-Projekt in der KjG bemerkt und damals eben einen wachsenden Fremdenhass und Rechtsextremismus wahrgenommen. Deshalb haben wir dann damals mit der großen Kampagne „enjoy the difference“ begonnen, um einen Gegenpunkt ins Leben zu rufen und uns für die Nutzung von Chancen durch Vielfalt stark zu machen. In diesem Vorläuferprojekt sind dann Kontakte zur MJD und dem BJSD entstanden. Daraus wurde dann die Idee geboren, das Trialog-Projekt zu machen und damit eben noch mal eine spezielle Facette zum Thema Ausgrenzung, Ausländerfeindlichkeit und so weiter aufzugreifen. Denn in der Gesellschaft war dieses Thema damals schon relativ aufgeheizt. Es gab damals ja auch gerade so in diesem religiösen Bereich durchaus auch religiös motivierten Terror, der auch Wirkung in der Gesellschaft gezeigt hat. Da war eben unsere Idee, dass wir einen Gegenpunkt setzen und versuchen, Gemeinsamkeiten herauszustreichen, ohne die eigene Identität aufzugeben.

Du hast gesagt, ihr habt dabei noch mal einen besonderen Punkt angeschaut. Wie würdest du den definieren?
Das war eben der Punkt des interreligiösen Zusammenlebens. Unsere Vorläuferkampagne war ja viel breiter aufgestellt, also viel multithematischer, und dann hat sich eben in der Arbeit herauskristallisiert, dass eben gerade diese Frage des friedlichen, diversen Zusammenlebens verschiedener Religionen extrem spannend und herausfordernd ist. Deshalb wurde daraus dann noch mal ein Schwerpunkt in dem eigenen Projekt.

Ich hatte jetzt bei deinen Erzählungen so ein bisschen den Eindruck, dass es auch ein Stück weit Vertrauen brauchte, bevor ihr dieses zweite Projekt „trialog“ in Angriff nehmen konntet. Wäre das ohne das Vorläuferprojekt so gut gegangen?
Das wäre sicherlich nicht so gut gegangen ohne das Vorläuferprojekt. Ich würde auch sagen, Vertrauen ist eigentlich das zentrale Thema des Trialog-Projekts gewesen und ich würde heute rückblickend schon auch kritisch die Frage stellen, ob dieses Vertrauen denn in dem Projekt wirklich tragfähig entstanden ist. Oberflächlich ja, in der Tiefe… würde ich zumindest ein Fragezeichen dahinter setzen.

Kannst du das noch genauer erläutern?
Also, es hat ja zunächst mal so eine organisatorische Dimension gehabt. Die KjG war in diesem Projektverbund der mit Abstand größte Verband, der natürlich auch die Mehrheitsreligion in diesem Land hier repräsentiert hat und nicht zuletzt waren wir auch die mit den meisten Ressourcen, also beispielsweise die einzigen, die hauptamtliches Personal beschäftigt haben. Das heißt, es gab einerseits immer eine große Erwartungshaltung der beiden anderen Partner an uns, was wir alles tun sollen, weil wir ja groß, reich und stark sind und anderseits war damit aber auch immer ein wenig Argwohn verbunden, gehen wir als sozusagen Minderheiten-Religionen hier nicht auch unter mit diesem großen Partner?

Zu Beginn standen MJD und BJSD der christlichen Vertreterin, KjG, kritisch gegenüber. Wer war da skeptischer?
Meine Erinnerung ist, dass das Misstrauen durchaus gleich verteilt war. Oder eher die Sorgen, ich möchte es lieber als Sorgen der beiden anderen Partner in diesem Projekt bezeichnen. Auf persönlicher Ebene konnten wir sehr gut miteinander umgehen. Das war auch ein sehr wertschätzender, respektvoller, zugewandter, freundlicher Umgang. Aber es blieb immer so das Gefühl, dass da noch was drunter liegt, was ganz schwer greifbar war und was wir vielleicht auch nie aufgedeckt haben in dem Projekt.

Ihr habt dann sehr eng zusammengearbeitet und festgestellt „so wie immer“ geht nicht …
Genau, wir hatten zunächst eine Projektleitung gegründet, die aus sechs Vertreter*innen der drei Verbände bestand. Diese Leitung sollte das Projekt steuern.
Uns ist dann später erst klar geworden, dass eigentlich schon die Arbeit in der Projektleitung inhaltlicher Teil des Projektes war. Es ging da schon viel um Vertrauen und Gleichberechtigung. Wir hatten das eigentlich mehr so als Organisationsgremium angelegt.

Was waren denn Besonderheiten der Zusammenarbeit?
Beispielsweise fiel die zentrale Veranstaltung in den Fastenmonat Ramadan und auch die jüdischen Teilnehmer*innen haben ja bestimmte Arten und Wege der Tagesgestaltung, wie Essensregeln usw. und es wurde da z.B. in einer unglaublichen Akkuratheit erwartet, dass diese Dinge berücksichtigt werden. Jeder Wunsch der Partner sollte unbedingt Berücksichtigung finden. Was ich eben ganz spannend fand in der Reflektion meiner eigenen Religion. Damals war es so, dass ich festgestellt habe, dass wir als Christ*innen eigentlich mit Abstand die wenigsten Ansprüche haben.

Alle? Oder sind das eher die Christ*innen, die nicht so sehr konservativ sind? Da gibt es ja auch solche und solche…
Ja genau, ich meine damit jetzt schon die Christ*innen der KjG. Es war ja ein KjG-Projekt und die KjG steht für mich bis heute in keiner Weise für ein repräsentatives Christentum. Da gibt es natürlich noch ganz andere Richtungen.

Also, die Spannungsfelder lagen u.a. darin, dass man doch sehr klar wahrnehmen wollte, dass die eigenen Regeln beachtet und auf keinen Fall gekränkt wurden. Welche Themen waren es dann, die größere Spannungsfelder geborgen/geboten haben?
Ich denke da vor allem an die zentrale Veranstaltung. Auf der inhaltlichen Ebene waren wir ja damals wirklich gesegnet mit hochkarätigen Referent*innen, die durchaus auch streitbare Themen andiskutiert haben mit uns. Da gab es am wenigsten Dissens und Kontroversität, da wo man es eigentlich erwarten würde. Das entstand dann eher so in diesen Dingen, die drumherum liefen. So wurde zum Beispiel verlangt - ich kritisiere das nicht -, dass auf den Veranstaltungen nicht nur kein Alkohol ausgeschenkt werden durfte, sondern dass nicht einmal irgendwo in dem Tagungshaus Alkohol sein durfte. Bierflaschen in einem Kühlschrank, aus dem sich Besucher dieses Hauses bedienen konnten, mussten weggeräumt werden…

Da musste man wohl sehr viel mehr Zeit investieren, als man gedacht hat?
Genau, wir mussten dann hier noch eine Schleife drehen und da noch eine Erwägung mit einbeziehen und so weiter. Ich habe manchmal das Gefühl gehabt, dass diese Probleme nie aufhören könnten, obwohl wir ja alle das Gleiche wollten.

Ich habe so gerade ein Gefühl von „wirbelig“ im Kopf, was jetzt dieses Projekt angeht. War das so? War das ein wirbeliges Projekt, bei dem man immer zittern musste, ob das noch in der Bahn bleibt?

Das hast du genau richtig getroffen. Also, die Veranstaltung war sehr angenehm. Aber der ganze Vorlauf war sehr anstrengend.

Ihr habt euch dann mit 40 Teilnehmer*innen zum Austausch getroffen …
Ja, ein Herzstück des Projekts war ja eine zentrale Veranstaltung, bei der dann Vertreter aller drei Verbände zusammengekommen sind. Die Veranstaltung hat in Nürnberg stattgefunden. Erstmal in einem Tagungshaushaus. Da gab es dann aber auch einen interreligiösen Stadtrundgang, sodass es dann eben auch Berührungspunkte mit Orten der Religionen gab.

Ist dieses Treffen durch eure gemeinsame Vorbereitung denn zu einer Begegnung geworden oder war es doch nur ein Aufeinandertreffen?
Das würde ich schon sagen. Also zumindest bezogen auf die Teilnehmer*innen, die dann vor Ort waren, war es auf jeden Fall so. Die Teilnehmer*innen haben viel von sich zur Verfügung gestellt, also auch viel Persönliches und da ist, glaube ich, schon wirkliche Begegnung zu Stande gekommen. Gleichzeitig war aber auch immer das Bedürfnis da, Zeit in der homogenen Gruppe zu verbringen. Das war aber wieder gerade bei den KjGler*innen deutlich weniger vorhanden als bei den anderen beiden Verbänden.

Haben die muslimische und jüdische Gruppe auch viel auf sich genommen, um mit euch zusammen zu sein. Wie interpretierst du das?
Ja, das würde ich so unterschreiben. Ich habe da großen Respekt vor den beiden anderen Partnerverbänden gehabt, weil ich finde, dass die Großes auf den Weg gebracht haben. Ich habe auch gemerkt, was wir gemacht haben ist etwas ganz Kleines gewesen im Grunde. Wir waren uns darüber immer im Klaren, wenn interreligiöses Zusammenleben im Großen funktionieren soll, wie unvorstellbar aufwendig und anstrengend dies sein muss, wenn das schon auf so einer Mikroebene so anstrengend, vielschichtig und diskussionswürdig ist.

Ich habe gesehen, dass ihr euch bei den Gemeinsamkeiten auf Abraham berufen habt…
Wir haben uns damals in der KjG - und auch ich persönlich - bei der Arbeit in diesem Projekt viel mit dem Gedanken des Weltethos von Hans Küng beschäftigt. Da wiederum spielt Abraham eine große Rolle. Aber Hans Küng hat in seiner Arbeit immer sehr stark das gemeinsame Fundament dieser drei Religionen betont. Das war eigentlich so unsere inhaltliche Kodierung, mit der wir so reingegangen sind. Die wurde von den anderen im Übrigen auch geteilt.

Was ist dein Fazit zu dem Projekt?
Mein Fazit ist, dass interreligiöses Zusammenleben nicht funktioniert, indem man gemeinsame Erklärungen entwickelt oder Positionen veröffentlicht. Sondern interreligiöses Zusammenleben funktioniert da, wo sich Menschen treffen, wo sich Menschen schätzen lernen und Vertrauen ineinander entwickeln. Das war ja auch ein Wunsch des Projektes. Jede*r von uns 46 hat ja Erfahrungen mitgenommen, die sie*er weitergetragen hat in seine Kreise, und hoffentlich da auch angestiftet hat zu bestimmten Dingen.

Wie war das bei dir persönlich mit dem Weiterreichen des Funkens?
Ich habe in späteren Jahren meine Ausbildung als Theaterpädagoge gemacht, das ist eine Leidenschaft von mir. Da haben wir dann tatsächlich, weil ich unter anderem durch das Projekt noch in dem Thema sehr aktiv war, auch zwei interreligiöse Theaterstücke auf die Beine gestellt. Mit Christ*innen, Jüd*innen und Muslim*innen. Das ist in mir tatsächlich geblieben das Thema und hat mich begleitet. Der Funke ist weitergetragen worden und durch die Zuschauer*innen auch wieder. Ich merke schon, während ich jetzt mit dir darüber spreche, dass dieses Projekt mehr mit mir gemacht hat als andere Projekte in der KjG.

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG 2020)

Jeder*m eine Stimme - Wahlrecht ab Geburt

Unter 18 mitbestimmen? Jawohl! Das fordern Jugendverbände schon seit 1996. In der KjG entwickelt sich das Thema Wahlen stetig weiter. Aktuell lautet die Forderung: Wahlrecht ohne Altersgrenze! 2004 hieß es zunächst „Wahlrecht ab Geburt“. Holger Witting war von 2002 bis 2007 Bundesleiter der KjG und dabei, als die Forderung entstand. In dieser Zeit war er auch für die kinder- und jugendpolitische Arbeit der KjG verantwortlich.

Eines deiner Themen war das Projekt U-18-Wahlen. Die Gesamtorganisation und Trägerschaft der U18-Initiative wird vom Deutschen Kinderhilfswerk, dem Deutschen Bundesjugendring, den Landesjugendringen, vielen Jugendverbänden übernommen. Wie kam die KjG dazu?
In meiner Erinnerung war das ein KjG-Diözesanverband, ich meine der Freiburger, der vorgeschlagen hat, dass sich die KjG an dieser U-18-Wahl beteiligt. Das wurde auf der KjG-Bundeskonferenz recht positiv aufgegriffen und dann wurde daran regelmäßig teilgenommen.

Wie ist deine Verbindung zu „Wahl und Kinderrecht“?
Ich würde mal sagen, die KjG hat eine große Verbindung mit dem Thema. Weil es immer darum geht oder ging, dass Kinder und Jugendliche sich für ihre Interessen selbstverantwortlich einsetzen können. Die KjG als demokratischer Kinder- und Jugendverband hat sich das schon immer auf die Fahnen geschrieben. Dadurch, dass ich in der KjG groß geworden bin, war das natürlich auch für mich ein wichtiges Anliegen.

Wahlrecht ab Geburt, das war ja noch einmal etwas anderes als Wahlrecht unter 18. Beim U18-Wahlrecht hat man vielleicht so 16-Jährige im Kopf, die wählen dürfen, in Österreich ist das ja teilweise schon der Fall. Ab Geburt, das ist ja schon noch einmal eine andere Ansage. Wie kam es, dass die KjG das aktiv anstrebt?
Der Beschluss ist aus 2004. Hintergrund war, dass Bundestagesabgeordnete ein Familienwahlrecht forderten, um eben den Interessen von Kindern und Jugendlichen ein größeres Gewicht zu geben. Als wir das mitbekommen haben, waren wir skeptisch. Als Kinder- und Jugendverband wollen wir natürlich, dass Kinder und Jugendliche selbst für sich tun und machen können. In dem Zuge haben wir uns im Jahr 2003 damit auseinandergesetzt.

Gab es dazu auch Gespräche mit anderen Verbänden?
Ich kann mich erinnern, dass wir in Mainz eine Bundesausschusssitzung hatten, da hatten wir auch einen Vertreter eines Familienverbandes eingeladen. Der hat diese Idee des Familienwahlrechts vorgestellt. Das war ein sehr gutes Gespräch, er hatte auch sehr gute Argumente. Wir hatten natürlich auch Argumente für unsere Positionen. Wir wollten, dass die Kinder und Jugendlichen ihr Wahlrecht direkt wahrnehmen und nicht die Eltern als Stellvertreter. So sind wir auch auseinandergegangen. Also, wir haben uns alle sehr gut verstanden und hatten auch eigentlich das Gefühl, dass wir das gleiche Ziel haben: Die Perspektive für Kinder und Jugendlichen stärken, jetzt und für die zukünftigen Generationen. Aber der Weg ist natürlich ein anderer.

War euch denn sofort klar, wie der Weg aussehen sollte? Die erste Frage, die ihr wahrscheinlich etwas polemisch gestellt bekommen habt, war wahrscheinlich: „Toll, sollen die jetzt durch ihr Quäken wählen, die Babys, oder wie soll das gehen?“
Erst einmal ist es ja ganz einfach, wenn wir sagen, wir wollen das Wahlrecht ab Geburt. Das kann ja jeder verstehen. Dann kommen natürlich diese kritischen Fragen, die du angesprochen hast. Auch diesen Fragen wollten wir uns offen stellen und haben uns dann halt überlegt, wie es in den unterschiedlichen Altersstufen gehen kann. Das haben wir dann auch deutlich gemacht, dass es eigentlich nicht darum gehen kann, dass die Säuglinge zur Wahlurne krabbeln und dort eine Stimme abgeben. Aber dass eben möglichst früh auch Kinder befähigt werden sollen, für ihre Interessen einzustehen. Letztendlich waren wir der Meinung, dass jede*r selbst entscheiden soll, ab wann er oder sie an Wahlen teilnehmen kann. Dennoch haben wir dann auch eine Altersgrenze vorgeschlagen, ab wann man sich wirklich an Wahlen beteiligen kann: ab 13 Jahren.

Was ist mit den Kindern bis 13 Jahren?
Die Kinder kann man auch schon befragen, besonders wenn es um das nähere Umfeld geht, um den Spielplatz, um die Schule, um die Gestaltung des Pausenhofes. Da sind Kinder, glaube ich, sehr gut in der Lage auch bereits im Kindergartenalter zu sagen, was ihnen gefällt und was sie haben möchten. Tatsächlich geschieht so etwas auch. Mein Sohn ist jetzt in der Grundschule, in der ersten Klasse. Aber bereits im Kindergarten wurden er und die anderen Kinder natürlich gefragt, welche Spielgeräte sie haben möchten.

Ist es das, was ihr meintet? Oder wolltet ihr mehr?
Ja, wir wollten natürlich schon, dass tatsächlich auch die großen Entscheidungen mitgetroffen werden. Das Thema Wahlen z.B., das ist ja der Punkt, an dem der demokratische Aufbau unseres Staates ganz wichtig Gestalt annimmt. Natürlich ist es leichter bei der Kommunalwahl, wenn Personen sich vorstellen, Kindern deutlich zu machen oder Kinder zu fragen, für wen sie sind. Auf der Bundesebene wird es vielleicht etwas schwieriger. Aber wir haben da erst einmal keinen Unterschied gemacht, sondern wollten uns auch dafür starkmachen, dass Kinder so früh wie möglich mitmachen dürfen.

Ich habe gesehen, ihr habt sehr viel geschrieben - an erwachsene Menschen im Bundestag. War das ein Projekt, das sehr viel über Schreiben funktioniert hat?
Ja klar, an Bundestagsabgeordnete muss man sich schriftlich wenden. Wir wollten natürlich möglichst auch für unsere Position werben, damals ging es der Politik um dieses Familien- oder Stellvertreterwahlrecht und nicht so sehr um Wahlrecht ab Geburt, und so haben wir unseren Standpunkt schriftlich dargestellt, so wie die anderen das auch machten.

Haben die Kinder untereinander eigentlich auch darüber diskutiert, ab wann denn ein Kind das Wahlrecht haben sollte?
Wir haben im Bundesausschuss mit den Vertretern der KjG auf Bundesebene gesprochen. Das ist ja das demokratische Verständnis der KjG, dass die Kinder vor Ort ihre Vertreter wählen bis auf Bundesebene, um dort dann entsprechend zu Entscheidungen oder zu Positionen zu kommen.

Die KjGler*innen haben das auch als Gesamtheit gesehen und gesagt: „Auch die Kleinsten sollen hier mitbestimmen können.“?
Ja. Es gibt da einen schönen Satz aus dem Beschluss, den der Bundesausschuss 2004 getroffen hat. Nämlich: „Beteiligung beginnt mit dem ersten Schrei.“ Also, das ist so ein Schlüsselsatz für mich, denn natürlich haben auch Säuglinge Bedürfnisse. Die sind natürlich auf einer anderen Ebene als bei Erwachsenen oder bei Jugendlichen oder auch bei älteren Kindern, aber tatsächlich haben sie Bedürfnisse und die werden geäußert - und wenn es der erste Schrei ist - als eine Mitteilung, auf die man irgendwie reagieren muss und sie in angemessener Form beteiligen muss.

Kannst du noch ein paar Formen nennen, die ihr gefunden habt?
Wir hatten für die 7- bis 9-Jährigen, das sind ja Kinder im Grundschulalter, Kinderwahlbüros vorgeschlagen. Also parallel, wenn z.B. eine Kommunalwahl ist, dass dort dann auch ein Kinderwahlbüro eingerichtet wird, in dem Kinder eben kundtun können, was sie gerne hätten in ihrem Umfeld. In dem sie das z.B. malen können oder in dem Alter kann man ja auch schon schreiben. So, dass wichtige Themen, die die Kinder haben, öffentlich werden, damit Erwachsene entsprechend darauf reagieren können.

Was soll dann mit diesen Willensäußerungen geschehen? Hattet ihr da auch eine Idee?
Diese Verwaltungsaufgabe haben wir nicht zu Ende gedacht, das ist die Aufgabe der öffentlichen Verwaltung, solche Ergebnisse auszuwerten. So wie die Verwaltung auch Wahlstimmen auszählen muss.

Gab es Bedenken bei dem Projekt?
Ich erinnere mich an die Bundesausschusssitzung in Mainz, dort haben wir uns damit auseinandergesetzt und auch überlegt, ob wir das so fordern können – oder ob wir uns damit lächerlich machen. Aber wir waren uns dann doch sehr sicher in unserer Position.

Was habt ihr euch denn darauf geantwortet, dass ihr euch vielleicht lächerlich macht?
Also, Ergebnis dieser Überlegung war, ganz genau zu überlegen, wie der Anspruch umgesetzt werden könnte. Was kann man einem zweijährigen Kleinkind abverlangen? Das haben wir dann auch in unser Positionspapier eingebracht. Nach dem Motto: „Ja, ihr habt Recht, wenn ihr sagt, ein Baby kann noch nicht zur Wahlurne krabbeln und verantwortungsvoll eine Stimme einwerfen.“ Aber dennoch muss es Formen geben, wie Kleinkinder, Kinder, Jugendliche sich für ihr Umfeld einsetzen können. Es gibt ja auch Kommunen, die Kinderparlamente oder -gremien aufbauen, in denen sich Kinder und Jugendliche beteiligen können.

Worüber hast du dich bei dem Projekt geärgert?
Darüber, dass Leute unser Anliegen nicht verstanden haben, weil sie sich gar nicht erst damit beschäftigt haben.

Was wertest du als besonderen Erfolg dieses Projektes?
Dass da so viele an einem Strang gezogen haben, im Bundessachausschuss, in der Bundesleitung und auch einige Bundestagsabgeordnete, die das auch wichtig fanden. Der Kontakt mit der Kinderkommission des deutschen Bundestages. Das ist schön, wenn man erfährt, dass die die Arbeit wertschätzen, die in einem Kinder- und Jugendverband geleistet wird und das unterstützt. Außerdem findet man unsere Position immer noch auf der Homepage der KjG.

Im Beruf bist du nun Lehrer, stellvertretender Schulleiter eines Gymnasiums, da kommt man dann aber schon mal in Konflikt mit dem Anspruch der Selbstbestimmung der Kinder …
Ja, natürlich. Im Schulsystem geht vieles von oben herab. Noten geben und so weiter, das ist natürlich alles nicht so basisdemokratisch wie man das möchte. Meine Perspektive hat sich auch ein wenig verändert. Mir ist es wichtig, dass Kinder etwas lernen, das geht mit Sicherheit auch selbstbestimmt, aber manchmal fehlt auch die Motivation bei den Schüler*innen, da muss man sich als Lehrer schon auch etwas einfallen lassen, um entsprechend gut arbeiten zu können. Von meiner Haltung her arbeite ich schon so, dass die Jugendlichen aus eigener Motivation was machen, eigene Lösungen finden und das in Ruhe. So viel Zeit kann man als Lehrer allerdings nicht immer geben. Ich glaube aber, dass man sich als Lehrer schon mal zurückhalten sollte, um freien Raum zu bieten.

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG 2020)

Methodenmappe - Für ein Wahlrecht ohne Altersgrenze

Flyer Wahlrecht von Geburt an

Mit L.u.St.-gegen Geschlechterfrust

Männer- und Jungenarbeit in der KjG. Männerwochenenden gibt es in der KjG der 1990er. Nach dem Motto: Mit L.u.St.-gegen Geschlechterfrust. L.u.St.-steht dabei für das Projekt „Leiten und Streiten“. Das Ziel: Ehrenamtliche Leitungskräfte unter einem geschlechtsbezogenen Blickwinkel für ihre Arbeit qualifizieren. Georg Meurer ist heute unter anderem Supervisor und Trainer für Jungenarbeit und schließt in den 1990ern in der KjG als Referent für Jungen- und Männerarbeit im Team mit anderen geschlechtergetrennte Entwicklungsräume auf. Darin geht es dann auch schon mal um den Unterschied zwischen Schwulitäten und Homosexualität.

Männerthemen. Kamen die eigentlich durch den Frauendruck in die KjG? Damals waren die ja sehr aktiv in Sachen: „Frauen voll Macht“.
Ich glaube geschichtlich ist das immer so. Früher wurde immer salopp gesagt: „Wenn Frau sich bewegt, kommt Mann ins Rollen.“ Die Frauen haben sich eher organisiert, das ist geschichtlich gesellschaftlich auch so. Wir leben in einer hegemonialer Männlichkeitsstruktur. So war es auch in der KjG. Die Frauen haben sich zusammengefunden, haben ihre Ziele und Interessen formuliert. Und dann haben die den Ball den Männern zugeschmissen. - Was ist mit Euch? Seid ihr dabei? Seid ihr dabei, oder wo steht ihr? - Und dann musste Mann sich ja verhalten. Also, früher gab es so Stichwörter wie frauenidentifizierte Männerarbeit oder antisexistische Männerarbeit, so haben wir es genannt. Dann gab es die Möglichkeit zu sagen, ist alles Quatsch, interessiert uns nicht. Oder man geht in die Auseinandersetzung mit sich selbst und auch mit den Frauen, um eine eigene Position zu entwickeln.

Es gab teilweise den Eindruck von den Frauen, dass die Männer auch ein bisschen mit einem neidischen Auge rüber geguckt haben auf Frauenarbeit im Verband und gesagt haben: „So etwas wollen wir jetzt aber auch.“ Ist da etwas dran?
Naja, „Frauen voll Macht“ ist da schon ein passender Titel. Also, das war eine Form von Selbstermächtigung. Die haben viel bewegt. Da war Energie drin, da war Power drin. Natürlich ist das faszinierend. Die Männer konnten da erst mal nicht einfach mitmachen – für die ergab sich eher das Gefühl: „Oh, das hat ja was mit mir zu tun, wie - Macht abgeben muss ich? Wie Rednerlisten? Wie abwechselnd reden…?“ Also, das war ja ambivalent für die Männer von Anfang an. Aber natürlich glaube ich, dass die Energie und was da gleistet worden ist, auch etwas ausgestrahlt hat.

Aber Eifersucht war jetzt nicht dabei?
Eifersucht? Ja. Ich weiß nicht, ob Eifersucht die richtige Kategorie ist. Das ist so eine persönliche Kategorie. Ich fand diese Argumentation immer ein bisschen zu leicht. Die Frauen haben sich hingesetzt und sich auseinandergesetzt mit ihrer Situation in der Gesellschaft, in der Kirche, im Verband und haben daraus ihre Ziele entwickelt. Da kam auch einiges nach vorne. Und die Männer sagen: „Ja, aber was ist mit uns?“ Ja - Männer, wir müssen uns selber zusammensetzen, wir können nicht darauf warten, dass Mutti das regelt. Der erste Impuls war, was ist mit uns und man hat den Ball noch nicht so direkt gegriffen oder man brauchte noch etwas Zeit. So würde ich das formulieren.

Dann habt ihr euch direkt mit dem Thema „Leiten und Streiten“ im Zusammenhang mit Männerarbeit und Frauenarbeit beschäftigt. Wieso jetzt diese Themen?
Das ist ja auch ein zentraler Punkt. Wie sortiere ich mich in der Leitung? Es sind immer die gleichen Platzhirsche, die in Konferenzen und den Sitzungen reden. Warum ist das so? Und wie kann man das divers gestalten? Also, in Konferenzen und Leitungssituationen ist alles gemischtgeschlechtlich. Und darum finde ich, ist es ja ganz sinnvoll, geschlechtsgetrennten Räume für die Reflexion zu erschließen.

War die Männerarbeit also zum Teil auch ein Schutzraum, den man gebildet hat, um sich dann Neuerungen zu öffnen?
Ich will da mal weiter ausholen. Ich glaube, im geschlechtsgemischten Raum haben wir bestimmte Verhaltensweisen. Männer sind dazu verführt, ein wenig herum zu gockeln und es geht um Anerkennung und gegenseitige Anerkennung. Wenn ich einen neuen Erfahrungsraum aufmache, geschlechtsbezogen, kann ich manche Sachen einfacher, leichter noch einmal ansprechen. Ich kann mich selber noch einmal leichter angucken. Solidarität von Männern spüren, wo sonst vielleicht manchmal mehr Konkurrenz im Vordergrund steht. Das erleichtert es manchmal, Facetten in der eigenen Identitätsentwicklung zu nutzen oder zu entwickeln, die vielleicht sonst nicht entstanden wären. Ich denke, das ist ein Gewinn, für beide Geschlechter.

Aha. Ihr habt also im Einzelnen gearbeitet, um das Große besser wachsen lassen zu können. Es gab aber schon Widerstände der Männer gegen Männerarbeit…
Ja sicher. Das ist ja auch nicht verwunderlich. Das ist in der Gesellschaft auch so. Wenn ich letzten Endes sage „It’s a mens world“, mehr oder weniger, da habe ich etwas zu verlieren als Mann, an Einfluss, an Macht, an Selbstverständlichkeit, an Anerkennung von Frauen, an Energie, die mir zufließt. Wenn Frauen sich selber organisieren, die Energie untereinander nutzen, für sich, statt, da sage ich mal salopp, sie auf Männer zu richten, ist das auch ein Verlust in dem Moment. Deshalb war das auch immer wieder ambivalent und deswegen gab es auch immer wieder Widerstände. Ich habe immer die Meinung vertreten: Wir ziehen daraus einen Gewinn als Männer, in dem wir auch neue  Kompetenzen entwickeln.

Du hast einmal fünf Phasen der Entwicklung der geschlechtsspezifischen Arbeit aufgeführt:

1.     Die Alles-Quatsch-Phase.
2.    
Die Na-gut-Okay-machen-wir-das-halt-Phase.
3.    
Die Das-ist-total-wichtig-Phase.
4.    
Die Und-nun-was machen-wir-damit-Phase?
5.    
Die Jetzt- fangen-wir-wirklich-an-Phase.

Hast du diese Phasen in der KjG auch erlebt?
Klar! Die fünf Phasen hat man immer, wenn Menschen etwas zu verlieren haben oder wenn sie sich verändern müssen. Und die KjG ist ja ein Teil der Gesellschaft, da hat sich immer widergespiegelt, was auch drum herum passiert. Es gab immer wieder Rückmeldung: Was macht ihr denn da? Was soll der Quatsch? Solche Reaktionen gab es schon, ja natürlich. Ja okay, dann machen wir es halt, bedeutet in dem Falle: Wir sind ein Verband, da ist vieles möglich, da kann man vieles ausprobieren, dann macht ihr das halt. Und dieses „ja, es ist aber wichtig“, das ist so ein Stück Überhöhung. Dadurch schiebe ich es wieder von mir weg. Und dann endlich sackt es durch: Ups, das hat etwas mit mir zu tun. Und da sind ja für mich auch Chancen drin für mich. Da muss man hingucken.

Als ich mich in das Thema eingelesen habe, gab es noch in der Wortwahl so Szenen, in denen Männer in der Diskussion zu heiklen Situationen gesagt haben: „Ja, wir kommen ja jetzt hier in Schwulitäten.“ Ich glaube, wenn das heute einer sagen würde, gäbe es Empörung. Was mich daran aber interessiert, ist dieser Spannungsbogen zwischen „Ah ja komm, das hat so Schwulitätenanmutung, die mit ihren Männer-Wochenenden“ und auf der anderen Seite „Nee, nee. Moment. Mann-Sein bedeutet auch unter Umständen homosexuell-sein, schwul-sein, und wir möchten uns ernstgenommen fühlen. Hat Männerarbeit in der KjG auch das Thema Homosexualität sichtbarer gemacht?
Das glaube ich schon. Der Punkt ist ja aus dem Blick der traditionellen oder herrschenden Männlichkeitsbilder,  ist schwul eine Bezeichnung  für untergeordnete Männlichkeit. Das ist nicht richtig männlich. Jungen und Männer, das ist heutzutage noch genau so, die haben eine Hierarchie im Kopf. Oben sind die fitten und die coolen, die alles geregelt kriegen und die müssen das jeden Tag beweisen – ganz schön anstrengend. Und dann gibt es eine Hierarchie. Und unten sind die schwulen Jungs, die irgendwie anders sind. Das ist noch nicht einmal das sie wirklich homosexuell sind, sondern sie sind anderes und die sind in der Hierarchie eher unten. Dadurch, dass wir Geschlechtsnormen in Frage gestellt haben, als wir gesagt haben, wir nehmen aufeinander Bezug als Männer, wir gucken mal, wie wir uns entwickeln und was ist uns eigentlich wichtig als Männer, haben wir diese Hierarchie aufgeweicht und haben wir natürlich auch den Spielraum möglich gemacht zu sagen und ich bin homosexuell, ich bin schwul und ich fühle mich auch zu Männern hingezogen. Das auch mal zu verbalisieren und zu zeigen. Genau so war es auch.

1994, habe ich dann so nachgelesen, dass das Interesse an Männerarbeit wächst. 1994! Habt ihr dicke Bretter gebohrt! Ihr habt doch schon 1991 angefangen. Ist das eine neue Generation gewesen? Oder was war da los?
Ich denke, wir haben dicke Bretter gebohrt. Und ich glaube, die Auseinandersetzung bewirkt ja auch was. Es war ja auch nachher ein fester Bestandteil, geschlechtsbezogen zu gucken. Das ist eine Querschnittsaufgabe. Also: Wir müssen gucken, was heißt das für Jungen, was heißt das für Mädchen, was heißt das für Männer, was heißt das für Frauen. Das müssen wir einfach mitreflektieren. Das war so ein bisschen selbstverständlich geworden. Umso selbstverständlicher etwas ist destoweniger bedrohlich wirkt es

Was hat die KjG mit ihrer geschlechtsspezifischen Arbeit erreicht?
Ich fand, wir haben in der KjG eigentlich ganz gut den Reflexionsraum dafür aufgeschlossen und das verstätigt. Hier ist ein Spielraum, hier ist Entwicklungsraum, und den stellen wir gerade als KjG zur Verfügung. Das ist zum Beispiel ein Stück Selbstverständlichkeit geworden, dass wir mit * schreiben und dass wir jetzt * denken. Wir sind daran geblieben, an diesem Thema. Das ist ein Stück Geschichte.

Was hat denn den Männern und Jungen in der KjG den Mut gegeben und den Impuls, sich darauf einzulassen? Auf diese Öffnung?
Dass wir das Thema erst einmal sichtbar gemacht haben. Dass wir Konferenzen dazu gemacht haben, dass wir auf Bundeskonferenzen Männer- und Frauenkonferenzen gemacht haben. Dass wir einfach Räume aufgeschlossen haben, in denen man sich begegnen kann. Wir haben ein breites Spektrum, was Männlichkeit ausmacht. Wenn man neue, positive Erfahrungen dabei macht, dann kann man sagen: „Ja, das ist eine gute Sache, da bleiben wir dran!“

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

Richtig wichtig - Mädchen sehen das so …

Mädchen und Frauenarbeit mit Spaß Power im BDKJ Wenn Annette Rausch (Bundesleiterin 1995-2001) von „Richtig wichtig – Wir Mädchen se-hen das so“ spricht, kommt ein freudiger Klang in ihre Stimme. Es geht um die bun-desweite Kampagne in der Mädchen- und Frauen-arbeit, die die katholischen Jugend-verbände 1999/2000 gemeinsam im BDKJ durchführen. Spaß und Power aus der Aktion schwingen bis heute in Annette Rausch nach …

Weshalb hast du dieses Projekt so lebhaft und froh in Erinnerung?
Das war ein Projekt, bei dem wir auf der einen Seite aus dem Vollen schöpfen konnten, weil es einen guten Projektantrag und ordentlich Geld vom Bundesjugendministerium gab. Es war eine Aktion, die ungewöhnlich für den BDKJ, ein gemeinsames pädagogisches Projekt war, bei dem alle Verbände an einem Strick gezogen haben und gesagt haben: „Ja wir wollen da was machen, das ist bei uns im Verband schwierig alleine auf die Beine zu stellen. Das fällt oft hinten runter, und wenn wir das gemeinsam aufziehen, dann haben wir da eine gute Chance.“ Und wir konnten wirklich kreativ sein, haben mit einer Agentur zusammengearbeitet, so dass wir den Jugendverbandsbereich und unsere Erfahrungen einbringen konnten und auf der anderen Seite im Austausch mit PR-Profis waren, die gute Vorschläge gemacht haben und damit so ein Projekt auf die Beine gestellt wurde. Dabei ging es wirklich, im echten Sinne darum, Mädchen und junge Frauen  zwischen 7 und 25 zu Wort kommen zu lassen und die ihre Themen in ihren Formen darstellen zu lassen. Die Aufgabe war, sie sollten uns für die abschließende Ausstellung Objekte zur Verfügung stellen. Das hat auch super geklappt.

Wie würdest du denn das Projekt überschreiben: Mädchen-/Frauenarbeit? Oder was war das?
Es war schwerpunktmäßig ein Mädchenprojekt. Gleichzeitig war auch klar, dass es auf Diözesanebene in vielen Verbänden Frauengruppen, Frauenkreise, Klön-Klüngel-Gruppen oder so etwas gab, die wir auch ansprechen wollten. Die Motivation war, wir wollten zeigen, was Mädchen und junge Frauen wollen, für die wir uns in der Jugendverbandsarbeit einsetzen. Deswegen haben wir das für vier unterschiedliche Altersstufen gemacht.

Und ihr hattet ein Maskottchen ..
Wir hatten Rozalla, das war so eine kleine Figur, die man sich an den Rucksack hängen konnte, die wir speziell dafür entworfen haben, die sich durch die Materialien zog und ein Anreiz war, sich als Gruppe anzumelden. Es gab auch eine lebensgroße Figur, die für diese Sache Werbung gemacht hat.

Werbung habt ihr auch bei der Politik gemacht – mit beachtlichem Erfolg
Ja, wir haben uns eine Jury gesucht mit ziemlich prominenten Leuten. Da war z.B.  Kerstin Griese, SPD-Abgeordnete, die den Ausschuss für Frauen, Familie, Jugend und Senioren geleitet hat, die  in der Jury saß und die Sachen mitbekommen hat. Bei Die Ausstellung in Berlin im Rathaus Schöneberg hat die  damalige Bundesministerin Christine Bergmann eröffnet. Im Rückblick ist es  gelungen, deutlich zu machen, da passiert etwas im BDKJ und seinen Mitgliedsverbänden. Die Teilnehmerinnen  haben Wünsche und Botschaften sowohl im Hinblick auf Politikteilbereiche, zur Kirchenpolitik und was sie an Themen interessiert, formuliert.  Wir waren mit der KjG-Bundesfrauentagung vor Ort und haben in Berlin Mädchenarbeitsprojekte besucht.

Wie viele Mädchen und Frauen haben dann da mitgemacht?
1.400 waren das. Darunter 35 Gruppen aus der KjG mit über 300 KjGlerinnen. Da sind Themen bei gewesen, die ganz persönlich sind, von Freundschaft über Schönheitsideale, Magersucht, über kirchenpolitische Aktionen, bei denen sie sich ihre Frau Pastorin gebastelt haben oder die  Kölner KjG-Gruppe, die in der  Gruppe 19-25 gewonnen hat, haben das Frauenbild in der katholischen Kirche und das Thema Lesbisch-Sein thematisiert. Die Ausstellung  zeigte das gesamte Spektrum, was die Gruppen vor Ort interessiert hat.

War der Erfolg des Projektes die Ausstellung in Berlin?
Da war noch mehr: Das Ganze ist tatsächlich auch als Ausstellung durch die gesamte Bundesrepublik getourt. Wir hatten sie auf der Bundeskonferenz 2000 oder 2001 , so dass man sie sich angucken, mit Dingen spielen, die Filme anschauen konnte, die entstanden sind.. Die Ausstellung ist rundgereist. Und hat auch nach der Aktion weitergewirkt, indem andere dann gesehen und mitbekommen haben, da passiert etwas, das ist ja spannend und dann auch daran angeknüpft haben.

Du hast gesagt, die haben daran angeknüpft. D.h. also, da hat sich weitere Mädchen- und Frauenarbeit daraus entwickelt. Oder wie meinst du das?
Da hat sich dieses Bewusstsein „Das macht Spaß, da kann man was machen!“ daraus entwickelt. Und mit so einer guten Aktion im Hinterkopf konnte  Steffi, die nach mir Bundesleiterin war, das KjG-Mädchenprojekt „4 girls“ mit einer anderen Selbstverständlichkeit von der Bundesebene her anstoßen. Das hat funktioniert, das war ein Superbeispiel und wir probieren das jetzt noch einmal in der KjG.

Mädchen und Frauenarbeit ist richtig wichtig … weil?
Es Räume für solche Themen und Austauschmöglichkeiten braucht. Zum Beispiel Besuch beim Frauenarzt oder Freundschaft. Das braucht eine andere Gesprächsatmosphäre und ein anderes Setting als z.B. in einer gemischten Gruppe. Da kommen solche Themen eher nicht vor, oder gehen unter, oder können ins Lächerliche gezogen werden. Es sind Räume notwendig, in denen Frauen eine Möglichkeit haben, Mädchen die Möglichkeit haben, sich über solche Dinge auszutauschen, die sie vielleicht anders sehen oder betreffen als  Jungen.

Ich habe so eine Freude an der Kreativität der Möglichkeiten herausgehört, die Mädchen und Frauen gefunden haben, um sich auszudrücken. Welches Gefühl verbindest du denn mit dieser Aktion?
Das Gefühl war einfach Spaß daran zu haben, mitzukriegen, wie das aufgegriffen wurde, dass das, was wir uns ausgedacht haben, funktioniert hat, bei den Mädchen angekommen ist und so kreativ umgesetzt wurde, dass wir mit den Ergebnissen wirklich auch politisch wahrgenommen wurden und die Ministerin zur  Ausstellungseröffnung kam.

Was haben die Jungen und Männer im Verband zu eurem großen Projekt für die Mädchen- und Frauenarbeit gesagt?
Die Jungs und Männer in der KjG haben selbst angefangen Jungenarbeit zu machen und das ist schon teilweise auch mit diesem „Wir wollen auch bestimmte Sachen …“ entstanden. Es gab zu meiner Zeit kein explizites Jungenprojekt (1), wohl aber die Debatte, dass es so etwas eigentlich bräuchte und dass man sich selbst darum kümmern muss. Ein bisschen neidisch waren die glaube ich schon, dass da so etwas Großes passiert. Und eine Motivation, eine Idee sich auch dem Thema Jungenarbeit zu widmen.

(1)  Anmerkung der Redaktion: Von April 2003 bis Juni 2004 hat der KjG Bundesverband das Jungenprojekt „generation xy – keine musterknaben!“ durchgeführt.

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

Frauen voll Macht? Frauen voll Macht!? Frauen voll Macht! Frauen- und Mädchenarbeit in der KjG

Gewalt steht zu Beginn im Mittelpunkt der Frauenarbeit der KjG in den 1970ern. Es besteht „eine große Unzufriedenheit von Frauen über Diskriminierungen ihnen gegenüber“ berichtet die KjG-Chronik. Die KjG ruft zu Aktionen gegen Gewalt gegenüber Frauen auf. Geschlechtergerechtigkeit ist eines ihrer Kernthemen, dennoch gibt es anfangs auch verbandsintern Vorbehalte gegenüber der Frauenarbeit. - Die Frauen bleiben dran. Annette Rausch gehört zu ihnen. Ab 1984 übernimmt sie kontinuierlich Leitung, erst im Diözesanverband Limburg, später (1995-2001) in der Bundesleitung. Das „Frauenthema“ sorgt bis heute immer wieder für Reibung, Aufregung und Wachstumsbeschwerden …

Muss das Thema Frauen- und Mädchenarbeit in der KjG immer wieder aufpoppen, weil in der katholischen Sozialisation Mädchen und Frauen schon sehr lange eine Rolle zugeschrieben worden ist, aus der sie versuchen rauszukommen? Ist das der Stein des Anstoßes?
Also, sowohl innerhalb der Kirche ist das der Stein des Anstoßes, als auch gesellschaftlich war und ist das ein Stein des Anstoßes und: Ganz viele Dinge, die wir mal gefordert haben, sind auch heute noch nicht oder nur sehr bedingt umgesetzt. Wenn man von Gewalt gegen Frauen spricht, ist es wichtig dabei das Wort „strukturelle“ zu ergänzen, um deutlich zu machen, dass es Strukturen gibt, die Frauen daran hindern, Dinge zu tun. Das war denjenigen in der KjG, die das Papier zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ geschrieben haben, um das es 1987 einen riesigen Aufstand gab,  sehr wichtig.

Es gab ab 1983 einmal im Jahr Bundesfrauentagungen mit bis zu zwanzig Frauen. Auf denen wurden Schwerpunkte wie „Mädchenarbeit“ oder „Frauen und Spiritualität“ bearbeitet. 1986 kamen die Bundesfrauenkonferenzen hinzu, da ging es speziell um Vorberatungen vor der undeskonferenz. War das „zur Wehr setzen gegen strukturelle Gewalt“ Ziel der Einführung der Bundesfrauentagungen und -konferenzen?
Ja, auch. Schon bei der ersten bundesweiten Frauentagung 1979 ging es  um das Thema „Frauen in Leitungsämtern“. Es ging darum, wie frau andere Arbeitsformen auch im Verband umsetzen kann. Da fiel auch auf, dass der Verband thematisch männerdominiert war. Wir hatten zum Beispiel  ein großes Projekt zur Kriegsdienstverweigerung – dass das aber nur die eine Hälfte der KjG betrifft, war nicht bewusst. Dann kam 1986 die Frauenaktion „Militarisierung ohne uns“ dazu. In der wurde deutlich: „Ja, auch Frauen sind in solche Kriegsvorbereitung eingeplant und wir als katholische Kirche bzw. im BDKJ machen da mit, indem wir Schwesternhelferinnenausbildungen im FSJ anbieten.“ Die Frauen unterliegen dann Meldepflichten  und sind eingeplant in Kriegsfällen. Die hatten dann, anders als bei der Kriegsdienstverweigerung, keine Chance, sich dagegen zu wehren. Das waren also KjG-politische, wie auch gesellschaftspolitische oder kirchenpolitische Themen, um die in Bundesfrauentagungen und -konferenzen ging.

Was war denn der Unterschied zwischen Bundesfrauen- und Bundeskonferenz?
Es ging wirklich drum, sich zusammenzuschließen. Weil es oft nur ein oder zwei Frauen im einzelnen Diözesanverband gab, die an Frauenthemen Lust und Interesse hatten. Es ging auch darum, zu überlegen, wie man für eine gute Idee Partnerinnen findet, die da mitziehen, oder Ideen zu entwickeln, wie man das vor Ort auch alleine umsetzen kann. Das waren die zentralen Gründe und eben auch, Strukturen zu schaffen.
Wir haben da auch auf den Konflikt zu „Frauen voll Macht“ geschaut und die Diözesanvertreterinnen gefragt: „Wie nehmt ihr den Inhalt wahr? Findet ihr das richtig oder falsch? Was ist politisch zu tun?“ Danach haben wir gemeinsam den Vorschlag entwickelt, den dann die Bundeskonferenz beschlossen hat.

Waren denn so viel weniger Frauen in Leitungsämtern der KjG?
Naja, die KjG hatte eigentlich schon von Anfang an die Variante „Gleiche Anzahl Frauen – Gleiche Anzahl Männer“, dann kam dann noch der Priester dazu, der zu keinem Geschlecht gezählt wurde. So war das in der Gedankenwelt der Gründung. Faktisch war es aber oft so, dass die Frauenpositionen nicht besetzt waren. In meinem Diözesanverband hatten wir mal eine Leitung, in der fünf Männer saßen. Das war nicht konstruktiv und hilfreich. Das waren Erfahrungen, die viele gemacht haben, dass sie als Frauen in Leitung nicht wirklich vorkommen.

Die Beteiligung der KjGler*innen geschieht ja auch über die Versammlungen. War das denn messbar notwendig, Beteiligung auf allen Ebenen einzufordern?
Ja, das musste schon eingefordert werden. Es gab Zeiten, da haben wir wirklich erhoben: Da saßen dann Leute auf der Bundeskonferenz und haben genau beobachtet, wer sich meldet, wie lange reden die und zu welchen Themen reden die. Und da gab es schon riesengroße Unterschiede zwischen Frauen und Männern: Männer haben länger geredet, Frauen haben eine Meldung eher mal zurückgezogen, Männer dagegen das, was schon zwanzig Leute vor ihnen gesagt haben, doch noch mal gesagt. Bei den Themen gab es auch geschlechtsspezifische Unterschiede, zu Finanzen haben meistens Männer geredet … Diese Feststellungen haben dann auch dazu geführt, dass 1991  „Redefluss durch Reißverschluss“ eingeführt wurde. Das hat viel verändert und ist nicht nur den Frauen, sondern auch den Männern zugutegekommen.

Was ist eigentlich mit der Vertretung anderer Geschlechter, kam das in der Diskussion der 90er vor?
Nein, Inter- und Transsexualität war für uns damals kein Thema. Repräsentativ vertreten zu sein, bezog sich, da es ungefähr gleich viele Männer und Frauen in der KjG gibt auf diese Gruppen.  , Repräsentative Vertretung für Inter- und Transsexuelle wäre, weil so wenige, da deutlich schwieriger, wenn die Leitung des Gesamten aus nur drei oder vier Leuten besteht. Dennoch ist die Frage: „Braucht es Orte/Strukturen zum Treffen und Austausch – wie damals für Lesben und Schwule – auch in der KJG  und wie sehen die aus?“ eine Debatte, die aktuell geführt werden sollte.

Eine aufgeregte Diskussion gab es um das 1994 im KjG-Verlag erschienene Buch „Frauen voll Macht“. – Oder müsste es „Frauenvollmacht“ heißen?
Ich weiß gar nicht, ob hinter diesen beiden Betonungen generell zwei Standpunkte stehen müssen. Aber: auch im Buch wird genau das thematisiert. Darin geht es eben auch um Dinge, die mehrdeutig sind. Ausgangspunkt war die Bundeskonferenz 1990 und der Studienteil zum Thema „Feministische Theologie – Frauenkirche“. Mit Fragen wie: Was bedeutet sowas für den Verband? Welche Erwartungen stellt das an Frauen? Welche an Männer?

Eine Arbeitsgruppe hat dann das Buch entwickelt. Was war der Sinn des Buches?
Das Buch sollte als Auseinandersetzung zur Debatte und als Anregung für Dinge, die man dann selbst macht, dienen. Im Sinne von Kontroverse, diskutieren, debattieren. Das Buch richtete sich an 16+x-Jährige und hatte eine Auflage von 2.500 Stück. 1996 haben dann die Tagespost und andere konservative Blätter angefangen, das Buch sehr massiv zu kritisieren und sich bei den Bischöfen zu beschweren. Dann fingen die Auseinandersetzungen mit der Jugendkommission der Bischofskonferenz an.

Was hat denn den Sturm der Kritik an „Frauen voll Macht“ ausgelöst?
Ein Satz aus dem Klappentext – der im Verlag entstanden war, nicht von  den Autorinnen stammte – da stand, dass das Buch „vor allem auch für die konkrete Arbeit in Gruppen angelegt“ sei. Daran hängte sich die Kritik der Jugendkommission der Bischofskonferenz auf, gar nicht so sehr am Inhalt des Buches an sich. Ihr Standpunkt war, dass das im Buch Stehende nicht einfach so auf die Praxis übertragbar sei und dass das nicht dem katholischen Kirchenverständnis entspräche. Die Forderung der Jugendkommission der Bischofskonferenz war: „Zieht das Buch zurück und verkauft es nicht mehr!“

1997 hat die KjG den öffentlichen Verkauf von „Frauen voll Macht“ eingestellt, das Buch war nur noch KjG-intern zu erhalten und es war eine Kommentierung beigelegt  … ist die KjG da eingeknickt?
Das war das, was als Kompromiss möglich war. Das Buch wurde erhalten, , weil wir wichtig fanden, was darinstand. Die Kommentierung zeigte die Kritik, die Debatte mit der Bischofskonferenz und die Bewertung der KjG auf. Der Vorschlag, es zu überarbeiten, war nicht umsetzbar, weil das Geld dazu fehlte. Außerdem bestand es aus einzelnen Artikeln von Autorinnen – da konnte man nicht einfach in die Texte eingreifen. Die Bundesleitung ist mit dem von der Bundesfrauenkonferenz erarbeiteten und der BUKO beschlossenen Auftrag  an die Bischofskonferenz heranzutreten und hatte Erfolg …

Warum gerät die KjG denn so häufig in Konflikt mit der Bischofskonferenz?
Ich glaube, dass die KjG mit der Bischofskonferenz immer wieder in Konflikte geraten ist - und mehr als die anderen katholischen Jugendverbände - weil es immer wieder Themen gab, die wir politisch aufgegriffen haben und wir, stärker als die anderen Verbände im BDKJ, den Bezug zur Pfarrgemeinde haben. Außerdem haben wir ein demokratisches Leitungsmodell; ein Modell, in dem Frauen und Männer gemeinsam leiten, ein echtes Alternativkonzept zu dieser hierarchischen Kirche. Deswegen müssen von uns als KjG immer wieder Auseinandersetzungen geführt werden, wo andere eher unter dem Radar fliegen. Wir haben mit den Bischöfen in den 1990ern auch darüber diskutiert, ob auch Nichtchrist*innen Mitglieder in der KjG werden dürfen. Das ist an der KjG-Satzung aufgehängt worden … Dann stellte sich heraus, dass das bei fast allen anderen Verbänden entweder schon Praxis ist oder sogar in der Satzung steht … Manche Debatten haben sich an der KjG kristallisiert, weil sie ein Gegenmodell zur Verfasstheit der Kirche ist.

 

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

Aufbau Ost: Osten als strategisches Projekt - Religiös-politisches Coming out – Neue Blickwinkel

Wiedervereinigung ist DAS Thema der 1990er. Auch die KjG wendet sich den ostdeutschen Bundesländern zu. Das ging nicht immer ohne Holpern vonstatten, erinnert sich Manfred Leppers. Er war in den 1990ern Bundessekretär und beauftragt mit der Aufbauarbeit Ost.

Wie war denn die Stimmungslage in der KjG nach dem Mauerfall?
Das war so eine Mischung aus Aufgeregtheit und Skepsis. Mein Eindruck war, dass die Bundesleitung das damals strategisch gesehen hat. So ungefähr: „Wenn sich das Land flächenmäßig um 1/3 vergrößert, dann können wir nicht abseitsstehen, wenn andere Jugendverbände im Rahmen des BDKJ ihren Fuß dort hineinsetzen. Auch wenn der Osten säkularisiert und ansonsten eher protestantisch als katholisch ist.“ Also so ein kleines Bisschen wie die Expansion von Aldi, Lidl und Konsorten. Natürlich auf einer anderen sozialen Ebene, aber strategisch gedacht war das schon so. Es war dann auch sehr persönlich …

Wie persönlich? West - in Person von Manfred Leppers - trifft Ost?
Hmhm, ja, weil wir ja unsere Fühler ausgestreckt haben, Kooperationspartner gesucht haben und erste Treffen und Begegnungen stattfanden, zum Beispiel in einem Magdeburger Vorort, in einem Jugendheim – da saßen dann eine Jugendgruppe und Verantwortliche und wir haben uns vorgestellt …

Was waren deine ersten Eindrücke vom Osten?
Ja, das war alles nicht so mit Westkonsum versorgt … Also, die Bahnfahrt da hin war endlos und dann gab es keine Unterbringungsmöglichkeiten … es wurde dann privat übernachtet oder eine Luftmatratze ins Jugendheim gelegt. Es fehlte die ganze Infrastruktur. Kam uns schon vor wie Pionierarbeit.

Was ist dir an West-Ost-Unterschieden in Erinnerung?
Der Habitus der Sprache. Wir waren in unserer KjG-Verbandsstruktur konferenzgeübt. Wir kamen im Osten mit Menschen zusammen, die in Aufbruchstimmung waren, sich aber noch nicht so auszudrücken wussten. Die konnten das nicht so richtig in Worte fassen, was sie wollten. Für mich hat das zu einem kommunikativen Gefälle geführt. Wir wussten auch manchmal nicht so genau wie wir an das rankommen konnten, was unser Gegenüber bewegte. Das war schwer, meta zu kommunizieren.

Waren die nicht vielleicht einfach viel ehrlicher und direkter?
Ja, doch, auch. Die hatten auch nicht diesen „Konferenzsprech“ drauf, bei dem man seine Emotionalität signalisiert, aber weiterhin unter Kontrolle halten will. Die hatten allerdings etwas anderes drauf: Eine eher geübte Schweigsamkeit. Im Sinne einer Jahrzehnte lang unterdrückten Authentizität. Weil das in der DDR nicht gewünscht war. Jede*r, die*der katholisch war und engagiert, musste das verstecken, wenn man mal von den letzten Monaten der DDR absieht, in denen viele dann ihr religiöses und politisches Coming out hatten. Im Prinzip ist das vier Jahrzehnte unter dem Deckel gewesen.

Waren das nicht einfach unterschiedliche Passungen – nicht ein kommunikatives Gefälle, wie du eben gesagt hast?
Hm, ja, könnte man sagen … Es wird aber dann zum Gefälle in Situationen von Entscheidungen, allein wenn es da die Schnelleren und Langsameren gibt oder die Dominanteren beziehungsweise Zurückhaltenderen. Das ist nichts, was wir gewollt haben, aber im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass mit dem, was wir wollten, wir genauso strategisch, planerisch, zielbewusst waren wie eben auch Wirtschaftsunternehmen, die da auf der grünen Fläche neue Märkte aufgebaut haben …Nicht mit dieser Kaltschnäuzigkeit, aber mit der strategischen Planung, der jemand erst mal ausgeliefert ist, der dem nichts entgegenzusetzen hat …

Versteh ich das richtig, du glaubst, dass ihr die ostdeutschen Jugendlichen überrannt habt?
Ja, das haben wir teilweise. Es gab auch Widerstände: In Görlitz und Erfurt gab es zum Beispiel so verbandsähnliche Strukturen, es existierten Pfarrjugenden – so, als wenn es hier im Westen nur den BDKJ gegeben hätte, als Dach für eine direkte Mitgliedschaft. – Diese Verbände waren auf eine Fusion gar nicht so erpicht, wollten nur eine Zusammenarbeit. Gruppen in Magdeburg oder Ostberlin, die da an Pfarren angegliedert waren, die waren viel aufgeschlossener und hatten sogar große Lust, der KjG beizutreten und mit drei vier Ortgruppen erst mal einen Diözesanverband zu gründen, weil man als Pfarrgruppe ja nicht direkt dem Bundesverband beitreten konnte.

Es gab aber auch so etwas wie den Mauerfall in KjG-DVs …
Ja, das betraf die Bistümer Hamburg und Berlin, die waren grenzüberschreitend über die innerdeutsche Grenze hinaus. Mit der Wiedervereinigung waren dann plötzlich westdeutsche KjG-DVs für die erst mal fremden Gebiete in Ostdeutschland zuständig. Die haben wir dann in unsere Nord-Ost-Arbeitsgruppe geholt, das fand ich echt fruchtbar, weil darin zu gleichen Teilen ehrenamtliche Leute aus Ost und West zusammensaßen, für zwei drei Jahre. Das war ein guter Schmelztiegel, da haben dann auch mal die Ossis den Wessis die Leviten gelesen und auf eigene Widersprüche hingewiesen …

Welche Leviten wurden den Wessis gelesen?
Vor allem im Bereich „Männer – Frauen-Arbeit“, also Geschlechtergerechtigkeit. Das hat die Ossis befremdet, weil die sagten: „Aber, wir sind doch hier gleichberechtigt, bei uns manchen die Frauen doch alles.“ Das zweite war die Ökobewegung und Anti-Atomkraft oder auch Luftreinhaltung . Das war ihnen zuerst mal fremd, da gleichzeitig ist 50 % bis 70% der Industrie auf dem Gebiet der ehemaligen DDR stillgelegt wurde. Die hatten da Stillstand ohne Ausblick auf eine Wiederbelebung. Von daher empfanden die diesen Umweltgedanken nahezu als arrogant. Nach dem Motto: „Das können sich die erlauben, die wirtschaftlich auf einem hohen Ross sitzen“, zumal die Wessis ihnen gefühlt ihre Industrie zugemacht hatten. Für die Ossis war das Sozialromantik.

War denn aus den Ost-DVs so etwas wie Revolution zu spüren?
Das war durchmischt. Bei einigen war schon Revolution zu spüren, so nach dem Motto: „Wir sind jetzt hier ein System losgeworden, dem wir uns Jahre lang beugen mussten.“ Das waren dann auch die Verbandsskeptiker, die sagten: „Wir gehen jetzt nicht schon wieder in so Strukturen rein, die uns dominieren und in denen wir womöglich unsere Freiheit verlieren.“ Da musste man schon mal drüber nachdenken, zum einen sind wir demokratisch organisiert – zum anderen gibt es aber ja in einem Verband auch verknöcherte Strukturen und Machtverhältnisse, das haben die uns natürlich auch gespiegelt und gefragt: „Ist das wirklich jetzt das Neue?“ Damals war auch schon deutlich, dass Jugendliche sich nicht mehr so lange an eine Organisation binden.

Gemeinsam gerungen habt ihr mit den Bischöfen … Das Bistum Berlin zum Beispiel wollte die Jugendarbeit dem Bischof unterstellen …
Die Bischöfe hatten sich ja schon Jahrzehnte lang mit der KjG herumgeärgert, nicht alle, aber die damals machtvollsten. Die haben die Chance gewittert, da in den Ost-Bistümern von vorneherein neue Strukturen zu schaffen. Es gab Bemühungen, einen Riegel vorzuschieben, darauf sind auch einige konservativere Pfarrverbände eingegangen – die haben sich dann nicht Richtung Westverbände orientiert. Es gab aber auch etliche, die gemerkt haben, dass sie nicht unter dieses autoritäre Joch ihrer Hirten wollten. Ich kann mich erinnern, dass wir die KjGler*innen in Berlin auch als Bundesebene sehr unterstützt haben, weil die ständig zum Bischof zitiert wurden. Uns ging es da gar nicht um Mitgliederzahlen, wir waren damals im Westen 100.000. KjGler*innen und im Osten waren es wohl so 1.000 bis 2.000 …

Das waren ja zwei sehr ungleiche Flügel – Ost und West – wie hat sich das denn entwickelt?
Ich kann mich gut erinnern, dass bei den letzten Bundeskonferenzen, an denen ich teilgenommen habe, das war dann 1994/95, dass da dann einige Delegationen aus den Ost-Diözesen saßen, die dann bei ihrer Vorstellung auch noch besonders beklatscht wurden. Die dann aber auch ihren festen Platz hatten und sich zu Wort meldeten – die waren dann im Verband angekommen. Eine erste Stufe der Normalisierung war dann erreicht.

Das Interview führte Babette Braun.

Mit Spuckis zeigen Kinder der Welt, wo es ihnen gefällt

Wo gibt´s denn sowas? Im Projekt „Wir mischen mit!“ der KjG in den 1990ern. Zuständige Referentin ist Maria Höring und die hat wegen des Projektes sogar eine schlaflose Nacht, in der sie Blut und Wasser schwitzt …

Du hast dich als Referentin besonders für die Rechte der Kinder eingesetzt. Selbst bist du als 11-Jährige in die KjG eingetreten und du sagst, in der KjG hat sich im Laufe der Zeit der Blick auf die Kinder ziemlich verändert. Wie meinst du das?
Tja, das sieht man schon ganz gut an meinen KjG-Mitgliedsausweisen: Mein erster KjG-Ausweis ist von 1973; da steht „Jungschar-Frohschar“ drauf. Und dann habe ich den Ausweis von 1977 gefunden - als ich schon in der Jugendstufe war – und da steht drauf: „Nicht schweigen, handeln“. Das ist für mich so die spannende Entwicklung bei der KjG. Das war zunehmend nicht mehr ein „wir treffen uns nur als Pfarreigruppe und verbringen eine nette Zeit“, sondern diese Themen „Was passiert eigentlich um uns herum? Wie sieht die Welt aus? Was hat das mit uns zu tun?“, die wurden immer wichtiger. Bei mir gipfelte das dann darin, dass ich als Referentin für Kinderpolitik zuständig war, über Jahre mit dem Titel „Wir mischen mit!“

Eine Spannende Entwicklung des Verbandes, die du da nachzeichnest …
Ja, auf jeden Fall. Natürlich mit allen Schwierigkeiten. Also, auf den Bundeskonferenzen gab es zum Teil heftige Diskussionen mit den Diözesanverbänden, die gesagt haben „Ja, wo bleibt denn das ‚K‘? Sind wir überhaupt noch ein katholischer Verband? Oder sind wir jetzt nur noch ein gesellschaftlich engagierter Kinder- und Jugendverband und haben mit katholisch sein eigentlich gar nichts mehr zu tun?“

Wie war denn in den 1990ern das allgemeine Lebens- und Zeitgefühl?
Damals war das so ein ganz spannender Spagat von dem Gefühl „Es wird auf der Welt immer enger“ – also grade so Umweltthemen. Man hatte das Gefühl, die Welt verschlechtert sich immer mehr, es wird immer mehr zugebaut … In Bezug auf die Zukunftsperspektive für Kinder und Jugendliche hatte man immer mehr das Gefühl „Es wird immer unsicherer.“ Gleichzeitig gab es dieses ganz große Thema „Emanzipation“ – und zwar nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch auf ganz unterschiedlichen Ebenen, zum Beispiel der entwicklungspolitischen Arbeit. Eben von diesem Wunsch von „Erste Welt - Dritte Welt“ wegzukommen, zu „Eine Welt“.

War das in den 1990ern also eine Emanzipation der Kinder in der KjG?
Ja, die Entwicklung von Kinderstufen-Arbeit hin zur kinderpolitischen Arbeit. Also, nicht Aktionen für Kinder machen, sondern Aktionen mit Kindern machen. Das zielte auf Mitbestimmung innerhalb des Verbandes ab, aber auch auf Mitbestimmung in die Gesellschaft hinein. Ein großes Thema war ja damals auch die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland. Da gab es dann auch ein Bündnis der Großen, wie Unicef, Kinderhilfswerk und Terre des Hommes und die KjG war eben mit dabei. Eine bunte Mischung quer durch gesellschaftliche Organisationen. Die KjG hat sich für die kinderpolitische Arbeit dann noch das Oberthema „Wir mischen mit!“ gesetzt, dazu gab es dann jedes Jahr Unterthemen …

Das erste Thema war 1993 …
„Kinder mischen mit“. Das war eher allgemein gehalten, es ging darum, dass Kinder ihre Umwelt, in der sie leben, bewerten … Da gab es so „Spuckis“, Aufkleber, die man, wie eine Briefmarke früher, anschlecken musste, damit die klebten. Es gab gelbe für „kinderfreundlich“ und rote für „kinderfeindlich“, das stand dann da auch drauf. Die konnten die Kinder dann anpappen, vor Ort in ihrer Gemeinde. Die Kinder konnten wirklich einfach für sich gucken: „An welche Orte wollen wir gehen? Welche Orte wollen wir bewerten? Welche Situationen fallen uns besonders auf?“ Es ging darum, darüber ins Gespräch zu kommen zu: „Wie sehen Kinder ihre Umwelt?“

Wie kann ich mir das denn vorstellen, was haben die Kinder gemacht?
Also, man kann zum Beispiel hingehen und sagen: „Boah, unser Spielplatz sieht klasse aus! Der bekommt ein „kinderfreundlich“. Dann gab es so einen Spucke-Aufkleber auf ein Spielgerät und dann steht da „kinderfreundlich“ drauf. Und wenn ich an einer stark befahrenen Straße stehe, an der die Ampelschaltung für Fußgänger und also auch Kinder schäbig ist, weil man da nicht in der grünen Phase über die Straße kommt, kann ich einen Aufkleber anschlecken und auf den Ampelmast kleben, und da steht dann „kinderfeindlich“. Das können dann alle, die vorbeilaufen, lesen.

Das wirkt dann ja sichtbar auch in die Lebenswelt der Erwachsenen hinein …
Ja, „Kindermitbestimmung“ war damals großes Thema. Das ist ja auch typisch für die KjG, dass sie Themen aus der Gesellschaft aufgreift. Das hat auch gut geklappt. Die Aktion und das Projekt „Wir mischen mit!“ insgesamt wurde auch gut von den Kindern und Pfarreien angenommen.

Welche Aktionen gab es noch?
Eine weitere Aktion 96-97 waren 4 Themenhefte für Gruppenstunden zu den Themen Umwelt, Konsum, Mädchen-Junge und Ausländische Kinder. Da konnte dann jeder Diözesanverband oder jede Ortsgruppe auch noch mal eigene Schwerpunkte setzten.

Warum betonst du, dass die Ortsgruppen Schwerpunkte setzen konnten?
Das war ja immer die Herausforderung, Aktionsformen zu finden, die uns alle als Bundesverband verknüpfen, die aber flexibel genug sind, dass die Diözesanverbände das auf ihre Bedürfnisse und Strukturen anwenden können. Das dritte Projekt hat mir dann eine schlaflose Nacht beschert …

Was hat dich nicht schlafen lassen?
Da hatten wir vor einer Wahl so Meinungskarten verschickt, so Leporello mäßig. Zu Themen Umwelt, Kindersituation … Da konnten Kinder und Jugendliche quasi Wahlzettel ankreuzen und eigene Zettel schreiben. Die sollten sie dann an die Bundesstelle zurücksenden und wir wollten das dann an die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth übergeben. Wir hatten das alles geplant und jetzt gingen die Dinger in die Druckerei … Plötzlich bekam ich nachts einen Rappel und dachte: „Boah, ist das überhaupt eine Form, die kindgerecht ist? Funktioniert das überhaupt? Oder hast du jetzt mit dieser Idee die ganzen Gelder des Bundesjugendministeriums in den Teich gesetzt?“ Aber, die Aktion hat toll funktioniert, wir haben sehr viel Rücklauf gekriegt. Die Kinder haben auch ganz viele freigestaltete Karten ausgefüllt zu dem Schwerpunkt Tierschutz.

Also, alles gut gegangen?
Leider nein, zur großen Übergabe mit Gruppen vor Ort ist es nicht gekommen, da uns der Termin kurzfristig abgesagt worden ist. Die wurden schon übergeben, aber dann eben ohne unsere Kindergruppen. Das war natürlich frustrierend und zeigt, dass die große Politik Kinderthemen nicht so ernst nimmt, anderen Themen wird dann der Vorrang gegeben.

Was hat „Wir mischen mit!“ bewirkt?
Naja, in Sachen Kinderrechte sieht es immer noch schlecht aus. Dennoch glaube ich, dass durch diese ganzen kinderpolitischen Aktionen Kinder gemerkt haben: Letztendlich zählen wir in der Gesellschaft doch mehr. Ich glaube, dass Kinder und Jugendliche da inzwischen auch selbstbewusster sind – siehe „Fridays For Future“. Dazu haben wir als KjG einen Teil beigetragen.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Das die KjG ihren langen Atem beibehält, was Kinderrechte angeht und die KjG dazu auch immer wieder übergreifende Bündnisse eingeht, um an der Stärkung der Kinderrechte mitzuwirken, wie sie das ja auch schon tut. Und die de Freude dabei nicht vergessen, es soll ja den Kindern Spaß machen – eigentlich allen Beteiligten!

 

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

Pari-Pari? Na klar!

Innovation paritätische Besetzung der Bundesleitung

Nachdem im Jahr zuvor bereits das wichtige Tool des „Redefluss im Reißverschluss“ eingeführt wurde, erweist sich die KjG im Jahr 1992 als große Vorreiterin in der geschlechtergerechten Jugendverbandsarbeit. Die paritätische Besetzung der Bundesleitung wird auf der Bundeskonferenz beschlossen.

Erstmals werden die Ämter gerecht nach Geschlechtern aufgeteilt. Bei z.B. 4 Bundesleitern bedeutet dies, dass die Ämter von 2 Männern und 2 Frauen besetzt werden.

Somit legt die KjG mit ihrem Bundesverband als erste Jugendgruppierung einen Meilenstein in der geschlechtergerechten Arbeit. Bis zum Jahr 1994 wird die Parität zudem in allen weiteren Gremien – bis auf Pfarreiebene – eingeführt. Die KjG ist somit in dieser Thematik den anderen Jugendverbänden, aber auch der Gesellschaft weit voraus.

Die paritätische Besetzung von Ämtern ist ein wichtiger Baustein in der Strategie Gender Mainstreaming. Unter der Strategie Gender Mainstreaming versteht man eine politische Strategie um Geschlechtergerechtigkeit in der Gesellschaft zu erreichen. Erst im Jahr 1997 wird diese Strategie, in das Primärrecht der Europäischen Union aufgenommen.

Dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Parität ein sehr wichtiger Bestandteil der KjG ist und bleibt, zeigt sich auch darin, dass wir als Verband bis heute immer wieder das Thema diskutieren und weiterentwickeln und den aktuellen Bedürfnissen nach Diversität anpassen wollen. Auch hier sind wir weiterhin eine Vorreiter*in in der Jugendverbandsarbeit.

Auch ist das Thema Geschlechterdemokratie zu einem unserer Kernthemen in der KjG geworden. Wer mehr über diese Themen erfahren möchte oder gespannt ist, was die KjG in den letzten Jahrzehnten hier noch entwickelt hat, findet dies auf unserer Homepage unter: https://kjg.de/fileadmin/user_upload/kjgfolder/Gender_Historie_final_RZ.pdf

Lisa Kriesinger

Redefluss im was?

Das Thema Geschlechtergerechtigkeit ist schon sehr lange eines der zentralen Themen im Grundverständnis der KjG. Im Jahr 1991 wird auf der Bundeskonferenz ein wichtiges Tool eingeführt, das uns auch heute noch in allen unseren Gremien begleitet:

Der Redefluss im Reißverschluss!

Aber was bedeutet dieser Redefluss im Reißverschluss eigentlich? Unter der Strategie Redefluss im Reißverschluss versteht man, dass zwei getrennte Redelisten nach Männern und Frauen geführt werden und immer abwechselnd eine Frau und ein Mann aufgerufen wird, unabhängig vom Zeitpunkt der Meldung.

Praktisch bedeutet dies: Es melden sich bei einer Diskussion Marie und Anne. Die Moderation führt geschlechtergetrennte Redelisten und notiert Marie und Anne auf der weiblichen Seite und Marie wird als erste aufgerufen. Während des Redebeitrages von Marie meldet sich zudem noch Tobias zu Wort. Er wird auf der männlichen Seite eingetragen. Durch die Methode Redefluss im Reißverschluss wird nun als nächstes Tobias aufgerufen und Anne muss noch einen Moment mit ihrem Redebeitrag warten.

Und was genau bringt uns dieser Redefluss im Reißverschluss?

Ziel solcher Listen ist es, dass unterschiedliche Gruppen ausgewogen und zu gleichen Teilen einbezogen und gehört werden. Dadurch soll gewährleistet werden, dass die verschiedenen, geschlechtsspezifischen Bedürfnisse und Meinungen von allen Gruppierungen berücksichtigt werden.

Der Redefluss im Reißverschluss ist somit ein wichtiges Instrument, um einen guten Nährboden für geschlechtergerechte Jugendverbandsarbeit zu bieten

Auf dem Weg zum heutigen geschlechtergerechten Verständnis und Profil der KjG war dies ein erster sehr wichtiger Schritt und stellte Weichen, die in den nächsten Jahren fortgeführt werden sollten.

Lisa Kriesinger

Signale 90

„Der ‚Offene Brief der Bundesleitung zum 8. Mai 1985‘ schlägt Wellen“ - So steht es in den KjG Chroniken. Der Brief am Gedenktag des Kriegsendes 1945 und der Befreiung Europas vom Naziterror beschäftigt sich mit Forderungen der KjG in Sachen Friedensarbeit, aber auch mit den Bereichen Ökologie, Frauen und Eine Welt. Ein bundesverbandlicher Prozess schließt sich an.

„Aus dem politischen Engagement der 80er Jahre erwuchs schnell die Idee einer Großveranstaltung SIGNALE ´90. Neue Themen standen im Vordergrund: Frauen, Frieden, Umwelt und Eine Welt. In den Themenfeldern hatte die KjG Profil und diesen vier Themenfeldern sollte die Veranstaltung neuen Schub bringen für die 90er Jahre,“ erinnert sich Martin Fuchs, er war Referent für SIGNALE ´90.

1.500 KjGler*innen kommen nach Neuss zu SIGNALE ´90, dem Bundesdelegiertentreffen. Das Treffen ist Feier zum 20. Geburtstag der KjG und zugleich Impulspunkt für Themen wie: „Das Kreuz mit dem Frieden – KjGlerInnen widerstehen Krieg- und Kriegsvorbereitung“, „Genug für uns alle! KjGlerInnen ergreifen Partei für eine gerechte Welt“, „Mit uns muss man rechnen – KjGlerInnen bestimmen ihre Zukunft selbst“.

„Ich glaube, rückblickend hat die Veranstaltung SIGNALE ´90 nicht das bewirkt, was die damalige Bundesleitung sich davon versprochen hat. Aber, ich glaube, sie hat das Profil des Verbandes noch einmal innerverbandlich geschärft, also die Diskussion: ‚Sind wir ein politischer Verband oder ein Freizeitverband?’ Diese Diskussion hat in den 90er Jahren sicherlich noch einmal an Format gewonnen. Ich finde, das kann man heute noch spüren oder merken,” fasst Martin Fuchs zusammen.

Das Interview führte Babette Braun.

Energisch wenden!

Leute, die gelbe Fässer wälzen, in Schutzanzügen, Passanten gehen vorbei, lächeln oder gucken verdutzt – „Energisch wenden“ heißt die Aktion, die 1988/89 diese Fotos liefert. Hinten auf den Fotos ein Name: Thomas Ehses. Er ist 1987-1991 in der Diözesanleitung von Köln – umweltbewegt (bis heute noch als Klimaschutzmanager des Bistum Aachen). „Atomkraft? Nein danke!“ heißt es in ganz Deutschland und die KjG macht mobil gegen „Verstrahlte Wege“ durch Atomtransporte …

Welche Ängste hatten die Leute, wenn es um Atomkraft ging …
Es gab Angst vor Atomunfällen, 1986 war ja der Reaktorunfall in Tschernobyl, es gab vorher auch schon Bedenken, aber der Unfall hat es dann besonders bedrohlich gemacht. In der Zeit hat der Verband das dann auch aufgegriffen. Wir haben uns nach Tschernobyl direkt ja auch alle gefragt: „Können wir jetzt noch rausgehen? Müssen wir alle Konserven kaufen, weil frisches Gemüse und Obst jetzt verseucht sind …“, also, müssen wir Lebensmittel horten? Das Angstgefühl war daher präsent.

Was sollte das denn heißen, das Motto „energisch wenden“?
Es ging halt um die Energiewende. Die Idee, die aufkam, dass wir eine Energieversorgung brauchen ohne Atomkraft. Das Klima wurde dann auch so langsam Thema. Der Fokus war aber auf „raus aus der Atomkraft.“ Eben langfristig auf erneuerbare Energie umsteigen. Die Energiewende ist nicht von Frau Merkel erfunden worden, sondern kommt aus der Umweltbewegung. Es sollte ein Impuls sein, sich energisch für die Energiewende einzusetzen – also die Politik und auch wir Bürger*innen.

„Energisch wenden“ war eine Aktion vom Bundesverband, daran haben sich die Diözesanverbände beteiligt, unter anderem durch einen symbolischen Atommülltransport, wie sah das denn aus?
Wir hatten gelb angemalte Fässer mit dem Atomzeichen drauf. Die wurden von einem Diözesanverband zum nächsten weitergegeben, so als Kette, die durch Deutschland lief. Wenn wir Aktionen gemacht haben, dann haben wir oft auch weiße Maleranzüge getragen. Wir haben dann diese Fässer an verschiedenen Stationen durch die Gegend gerollt. Und dann haben wir auch so Die-In-Aktionen gemacht, also einen Atomunfall simuliert und uns auf den Boden geworfen, als seien wir tot oder verletzt. Infotische gab es auch. Wir in Köln hatten zudem noch so kleine Atomfässchen, also, wir haben Diafilmdöschen genommen, die gelb beklebt und das Atomzeichen aufgebracht. Da rein haben wir dann Zettel mit Infos über die Gefahren der Atomtransporte und der Atomkraft getan und die dann an die Leute verteilt … So mit der Idee: „Das ist dein Anteil am Atommüll, guck mal, wie du den entsorgst“…

Haben die Leute euch für verrückt gehalten?
Ja, es gab sowohl Zuspruch als auch Leute, die gesagt haben: „Ihr spinnt“ oder kopfschüttelnd vorbeigelaufen sind. Es gab da auch noch nicht so viele, die gegen Atomkraft waren. Wir wollten das daher auch drastisch darstellen, was passieren kann.

Und wie war das in der KjG?
Hier in Köln hatten wir den Beschluss zum Thema „Bewahrung der Mitwelt“. Mitwelt, weil wir ja Teil des Ganzen sind. Da gehörte auch die Stellungnahme gegen Atomkraft zu und viele Aktionen zu Energie und Bewahrung der Schöpfung. Energisch wenden war aber die Aktion der Bundesebene, da gab es dann auch einen Aktionstag in Wackersdorf, 14.-15. Oktober 1989 …
Auf Bundesebene waren sich schon alle sehr einig, hier war das Ganze auch mit den Themen Sozialverträglichkeit und Demokratieverträglichkeit verbunden. Aber in den unteren Ebenen und Ortsgruppen gab es schon auch Widerspruch. Da gab es in der Gesellschaft schon so zwei Lager.

Und – was wolltet ihr erreichen? Was habt ihr erreicht?
Ja – den Atomausstieg haben wir nicht erreicht (lacht), der kam dann später und ist ja immer noch im Gange. Letztlich waren wir als KjG ein kleines Rädchen. Aber, die Anti-Atomkraftbewegung hat schon was erreicht, was den Stimmungsumschwung in Sachen Atomenergie angeht, davon waren wir ein Teil. Es ist schon einiges passiert – da kann man schon stolz sein. Und wenn ich sehe, wie viele Jugendliche sich heute mit Fridays for future wieder für ein nachhaltiges Handeln einsetzen – das macht auch Hoffnung.

Das Interview führte Babette Braun.


Keine Krise der Humanität!

„Kleinmut und Ängstlichkeit hindern einen Menschen oft, das Gute zu tun, zu dem er fähig wäre, wenn er im Vertrauen auf Gottes Hilfe Mut fassen würde.“ (Thomas Morus) Stellungnahme der KjG-Bundesleitung

In diesen aufreibenden und unplanbaren Zeiten der Corona-Pandemie stellen wir fest, dass wir gemeinsam als Gesellschaft Verantwortung füreinander übernehmen. Einzelne bleiben seit Tagen/Wochen zu Hause, um diejenigen zu schützen, die es gesundheitlich in dieser Situation am schwersten treffen könnte.

Gleichwohl stellen wir fest, dass ein Rückbezug auf sich selbst stattfindet. Inner-europäische Grenzen werden abgeschottet, Hilfen für Menschen auf der Flucht werden eingestellt, die besondere räumliche Isolation bringt unter Umständen insbesondere für Kinder, Jugendliche und Frauen* außergewöhnliche Gewaltverhältnisse. Wir beobachten solche Entwicklungen mit Sorge. Wir sind und bleiben wachsam, sodass keine*r zurückgelassen wird.

Das Zusammenleben der Menschen braucht unauflösliche Grundsätze, die ein gleiches und gerechtes Miteinander ermöglichen. Gerade in Krisenzeiten dürfen wir die besonders hilfebedürftigen Menschen nicht vergessen. In Bezug auf die Gesundheit nehmen wir gerade eine große Sensibilität füreinander wahr. Das ist wichtig und gut!

Unsere erste Aufmerksamkeit richtet sich derzeit verständlicher Weise erst einmal unseren Lieben. Aus gelebter Nächstenliebe dürfen wir aber nicht die Menschen vergessen, die uns persönlich nicht direkt nahestehen. Die aktuelle Situation ist insbesondere für Menschen marginalisierter Gruppen eine große Herausforderung. Wir sind verpflichtet, für alle Menschen Sorge zu tragen!

Sorge um die Werte in Europa und in der Welt

Als Gemeinschaft sind wir nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und weltweit verpflichtet füreinander zu sorgen. Wir verurteilen, dass bspw. in Ungarn die derzeitige Gesundheitskrise als Deckmantel für die Strategie von Despot*innen ausgenutzt wird, um demokratische Prinzipien auszuhebeln und diktatorische Strukturen zu ermöglichen.

Wir fordern eine verlässliche, nach demokratischen Prinzipien organisierte Politik, die allen Menschen gleiche Mitspracherechte ermöglicht und deren Antrieb ein kulturelles und soziales Zusammenwachsen ist und bleibt, selbst wenn physisch derzeit Sozialkontakte aus Rücksicht auf Risikogruppen und Gesundheitssysteme eingeschränkt werden müssen. Politiker*innen und Parteien sind dazu aufgerufen, wachsam zu sein und dafür zu sorgen, die Idee Europa und ihre Werte uneingeschränkt wieder einzusetzen, sobald die derzeitigen Einschränkungen medizinisch nicht mehr geboten sind.

Wir fordern die Stärkung parlamentarischer Strukturen, die Orientierung an Menschen-, Kinder- und Arbeitsrechten sowie eine Kontrolle der globalisierten Wirtschaft. Dazu gehören auch Veränderungen in der Struktur der Entscheidungswege innerhalb der Europäischen Union, das EU-Parlament muss weitreichendere Entscheidungskompetenzen erhalten. Europa- und Weltpolitik müssen dazu beitragen, dass mehr Freiheiten und Sicherheiten für alle Menschen entstehen.

Sorge um die Einhaltung von Asylrechten

Für Entwicklungszusammenarbeit und -politik bedeutet dies, dass die Zusammenarbeit zwischen den Ländern vom klaren Gedanken der Partnerschaft und der Gleichberechtigung getragen sein muss. Sie muss sich an den Bedürfnissen und Ansprüchen vor Ort orientieren. Im Zweifel müssen deutsche und europäische Politik ihre eigenen Interessen und Ziele der Entwicklungspolitik unterordnen. Auf dieser Grundlage kritisieren wir die Aussetzung humanitärer Hilfen aufs Schärfste.

Menschen auf der Flucht und Schutzsuchende in unmenschlichen Umständen der Situation schutzlos auszuliefern entspricht weder unseren Gesetzen noch unseren menschlichen und ethischen Pflichten. Für uns ist die gottgeschenkte Würde jedes Menschen maßgebend. Die Sorge und Verantwortung für Menschen als Mitglieder unserer Weltgemeinschaft darf nicht an Ländergrenzen enden. Sie ist kein Privileg einer bestimmten Staatsangehörigkeit.

Sorge um die Einhaltung von Kinder- und Menschenrechten

Die besondere räumliche Isolation sorgt nicht unbedingt dafür, dass wir mehr Zeit miteinander und zu Hause verbringen und ein romantisches Bild von Gemeinschaft erleben können. Die Maßnahmen sind nicht in Frage zu stellen, allerdings bedeuten sie Einschränkungen, die unterschiedlich stark wirken: Derzeit fallen umfangreiche Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten für Menschen in jeglichen Lebenssituationen weg. Damit schränken sich für einige Personengruppen und insbesondere für Kinder und Jugendliche auch Teilhabemöglichkeiten massiv ein.

Wir befürchten einen Anstieg häuslicher Gewalt – vor allem gegen Frauen*, Kinder und Jugendliche. Kinder und Jugendliche sind nicht mit Erwachsenen gleichzusetzen. Aufgrund ihrer Lebenssituation und eigener spezifischer Bedürfnisse brauchen Kinder ihre eigenen Rechte auf Schutz, Entwicklung, Entfaltung, Bildung und Beteiligung. Diese Rechte müssen auch in der besonderen Situation, in der wir uns derzeit befinden, gewahrt und umgesetzt werden. Auch in dieser Zeit müssen auf angezeigte Kindeswohlgefährdungen angemessen reagiert und entsprechende Interventionsmaßnahmen ergriffen werden.

Wir erleben Eltern, die vor der Herausforderung der gleichzeitigen Kinderbetreuung und der Bewältigung existenzieller Ängste oder der Koordination der Heim- sowie Erwerbsarbeit stehen. Wir erleben Menschen, die sich in systemrelevanten Berufen bis zum Äußersten verausgaben und weiterhin um angemessene Bezahlung kämpfen. Wir fordern unsere Gesellschaft dazu auf, die Politik in die Pflicht zu nehmen, für eine angemessene Bezahlung und umfassende Grundversorgungsleistungen zu sorgen.

Sorge tragen für die Zukunft

Auch nach der Pandemie werden die Folgen der starken wirtschaftlichen Einbrüche bei vielen wirtschaftliche Ängste zurücklassen. Dies als Chance zu verstehen und unser Wirtschaftssystem schon jetzt neu zu überdenken, könnte vielen Menschen Hoffnung schenken. Alles Wirtschaften muss sich an den Menschen ausrichten und ihnen soziale, ökonomische und persönliche Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Das umfasst eine faire Bezahlung sowie angemessene Arbeitsumstände. Die Einführung eines bedingungsglosen Grundeinkommens würde Sicherheit und Schutz vor Armut geben. Wir fordern von politischen Entscheidungsträger*innen weitsichtige Entscheidungen, die die Wahrung von Kinder- und Menschenrechten als höchstes Ziel ansehen.

Sorge tragen im Hier und Jetzt

Die aktuell eingesetzten Maßnahmen bewerten wir als notwendig, um zum Wohle der Gemeinschaft beizutragen. Darüber hinaus sind wir alle aufgerufen, unsere persönliche Verantwortung wahrzunehmen. Zahlreiche Verbände, Initiativen und insbesondere Gruppierungen der KjG nehmen ihre Verantwortung bereits wahr. Sie starten ganz besonders dieser Tage solidarische Aktionen, um ein zugewandtes Miteinander aufrecht zu erhalten. Das ist eine großartige Entwicklung und zeigt uns einmal mehr, wie viel Verantwortung für das Gemeinwohl gerade unsere Gruppen in ihrer alltäglichen Arbeit, aber eben auch in besonders herausfordernden Zeiten übernehmen. So schwierig es aktuell auch ist: es ist keine Krise der Humanität!

Wir als KjG setzen uns ein für ein vielfältiges und menschenwürdiges Miteinander – in und nach Krisenzeiten.

 

Wir beziehen uns in unseren Forderungen größtenteils auf die im Kinder- und Jugendpolitischen Grundlagenpapier von 2013 beschlossenen Haltungen.


Andachten am Bauzaun – Happening oder was?

Ja, das gibt es 1986 -88: Andachten am Bauzaun, aber nicht, um mit dem Ort junge Leute für Gottesdienste zu begeistern. – Der Bauzaun gehört zur Wiederaufbereitungsanlage für Atombrennstäbe(WAA), die in Wackersdorf entstehen soll. „WAAhnsinn“ ist der Standpunkt der KjG in Sachen Wackersdorf. 1986 beschließt die Bundeskonferenz die „Wackersdorfer Zusage“: Alle Diözesanverbände verbringen im Laufe des nächsten Jahres ein Wochenende in Wackersdorf, gestalten Andachten am Franziskus-Marterl und protestieren gegen die WAA. Hans Gartenmaier ist zu der Zeit Geistlicher Leiter der KjG, erst im Diözesanverband Passau (1983-87) und dann auf Bundesebene (1987-91).

Im Dezember 1981 begannen die Protestdemonstrationen gegen Wackersdorf. Es bildete sich die Wackersdorfer-Koalition aus der Mitte der Gesellschaft, dabei waren Mitglieder bürgerlicher Parteien, Pfarrer … ab 1986 gab es dann ‚Protestpflicht‘ für KjGler*innen vor Wackersdorf – könnte man mal flapsig in den Raum werfen. Warum die Aufregung?
Die WAA Wackersdorf sollte in die Pampa bei Regensburg gebaut werden. Die CSU hat das in Bayern durchgesetzt. Aber in der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die Atomenergie. Niemand wollte die Wiederaufbereitungsanlage in der Nähe haben. Wackersdorf liegt so ziemlich in der Pampa, die konnten die Arbeitsplätze gut gebrauchen und man hat wohl auch gedacht, wenn wirklich was passiert, da ist man schön weit weg von allem, da kann man das ruhig machen – so ungefähr: „Ach! Die paar Leute“.

Was hatte denn der Jugendverband KjG damit zu tun?
Es waren damals die Jugendverbände allgemein deutlich politischer als heute. Wackersdorf war zudem ein „Lernfall“, wie politische Prozesse bei uns ablaufen. Außerdem genau wie heute „Fridays for Future“ sagt: „das ist doch unsere Zukunft!“, so war das hier auch. Damals war es nicht so, dass die Wirtschaft offensichtlich so bestimmend war wie heute. Man war damals der Meinung, dass die Politik das Sagen hat – aber Wackersdorf hat ziemlich deutlich gezeigt, dass die Wirtschaft das Sagen hat. Dagegen hat die KjG sich stark gemacht.

Es gab dann aber im April 1986 den Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl …
Ja, die atomare Wolke war in Süddeutschland ziemlich heftig, die radioaktive Verseuchung von Pilzen etc.. Es gab zudem auch die Diskussion um die atomare Nachrüstung.

Wie hat die KjG dann agiert?
Da waren eher die bayrischen Diözesanverbände aktiv, München, Regensburg, Passau. Die haben Demos gemacht, das Thema Atomenergie inhaltlich aufbereitet. Veranstaltungen mit allen Parteien aus den Diözesen organisiert. Bei der Bundeskonferenz 1986 sind wir dann mit zwei Bussen nach Wackersdorf gefahren. Da haben wir dann eine Demo gemacht. Bei der Demo haben sie auch einen oder zwei von uns verhaftet …

Wart ihr auf so etwas vorbereitet?
Nein, das war damals noch nicht so wie heute. Aber, die Polizei hat da allgemein ziemlich radikale Methoden angewendet. Wackersdorf war, könnte man sagen, nahezu ein Kriegsgebiet. Es ist genau so hermetisch abgeriegelt worden, die Polizei ist Streife gefahren, Einheimische, die nachts aus dem Wirtshaus heimfuhren, sind aufgehalten worden, aber nicht zur Alkoholkontrollen, sondern … - damit die ja nix anstellen. Wenn man die Autos da irgendwo geparkt hat, dann sind die Nummernschilder aufgeschrieben und gemeldet worden. Wasserwerfer, Reizgas, das war alles da … Das kam für alle ziemlich überraschend.

Und wie war das dann mit den Gebeten am Bauzaun?
Im Wald in Wackersdorf außerhalb des Rodungsbereiches gab es ein riesig großes Kreuz, Marterl heißt so ein Wegkreuz im Bayrischen, das war vier Meter hoch und da stand eine Franziskusstatue, der schon immer der große ökologische Heilige war. An diesem Franziskus-Martel, da waren jeden Sonntag um 14:00 Uhr Andachten, hauptsächlich haben das die Regensburger vorbereitet. Dazu sind Leute von weit hergekommen. Ich habe die Andacht 5-6-mal gehalten. Die Texte waren natürlich alle politisch und nach der Andacht ist man dann gemeinsam zum Bauzaun gegangen. Die Polizei hat den Bereich eingekreist und über der Andacht ist oft ein Hubschraubergekreist …

Üblicherweise schalten sich dann irgendwann die Bischöfe ein …
Ja, das war auch so. Aber da ging es um einen Politiker aus der CSU, der kam ziemlich schlecht vorbereitet zu einer Diskussion und ist dann sehr schlecht dabei weggekommen. Der hat sich dann beim Bischof beschwert. Der Bischof war der Eder. Die Diözesanleitung musste dann beim Bischof antanzen. Der war aber sehr vernünftig. Der hat uns zehn Minuten lang richtig runtergemacht und dann hat er gesagt: „So, jetzt habe ich meine Aufgabe erledigt. Und jetzt kann ich euch sagen ‚Macht’s weiter‘, ich stehe voll hinter euch.“

Erstaunlich …
Ja, die Bischofsversammlung war eigentlich immer der Meinung: Politisch agieren steht einem Jugendverband nicht zu, wenn sich einer politisch äußert, dann ist das die Bischofskonferenz. Der KjG wurde ständig gedroht, das „K“ für katholisch zu entziehen und die Gelder zu streichen.

Du hast gesagt, Wackersdorf ist ein Lernfall für die Verquickung von Politik und Wirtschaft?
Ja! Der Franz-Josef Strauß, der Bayrische Ministerpräsident, der hat sogar einen Brief an die Bischöfe und die evangelischen Dekane geschrieben. Darin hat er die Bischöfe aufgefordert, sie sollten gefälligst ihre Jugendverbände auf Linie bringen. Das waren fünf bis sechs Punkte, die ja so gar nicht gingen, seiner Meinung nach. Widerstand aus den Kirchen war man nicht gewohnt.

Es gab auch juristische Proteste aus der Bevölkerung gegen die Wiederaufbereitungsanlag. Die Forderung der KjG war, dass die WAA Wackersdorf nicht gebaut wird – und diese Forderung wurde dann ja auch durchgesetzt: am 31. Mai wurden die Bauarbeiten eingestellt …
(lacht) Ja, scho, aber die KjG hat jetzt Wackersdorf nicht verhindert. Meine Überzeugung ist, die ganzen Demonstrationen, die haben der Wirtschaft geschadet vom Imageverlust her, so dass die irgendwann gesagt haben: „Wir brauchen das Wackersdorf eigentlich nicht“, dann hat der Veba-Manager von Benningesen-Foerder das abgeblasen. Die Politiker haben dann natürlich etwas blöd dagestanden.

 

Danke für das Interview
(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

Wir waren unserer Zeit voraus - Arche Noah – Umweltaktion von Kindern

„Uns war klar, dass es nichts nutzt, sich in Pfarrheimen zu verschanzen“, sagt Arno Stuppy, er war als Referent für das Projekt „Arche Noah – Umweltaktion von Kindern“ (1986-1988) zuständig. Angestoßen wurde es durch den Offenen Brief der Bundesleitung „zum 8. Mai 1985“. Darin stellt die KjG auch Forderungen im Bereich Ökologie auf.

Arche Noah, die KjG und die Kinder – kam mit der Arche das KINDER im Kinder- und Jugendverband so richtig zur Geltung?

Na ja, alleine durch die Mitgliederzahlen standen die Kinder in der KjG im Vordergrund, sie waren zahlenmäßig mehr als die jungen Erwachsenen und Jugendlichen im Verband. Was bis dahin gefehlt hat, war der Mut, Kinder zu Veränderungen, zum politischen Handeln zu führen. Also, sie zu ermutigen, dass sie sich vor Ort einmischen und aufspüren, wo ihre Lebens- und Zukunftsperspektiven gefährdet werden, um dann etwas daran zu machen. Von 22 Diözesanverbänden  haben übrigens 14 mitgemacht.

 

Was waren denn damals die Aufregerthemen?

Also, was heute Klimakrise ist, war damals die Umweltverschmutzung. Heute macht man Aktionen gegen den Klimawandel, das hieß dann damals „Natur- und Umweltschutz“. Das waren dieselben Themenfelder: Luftverschmutzung, Umweltgifte, Gewässerverschmutzung und Flächenversiegelung, Waldsterben. Die Flächenversiegelung war damals eigentlich noch schlimmer und man hat schon gemerkt, dass es weniger Lebensräume für Pflanzen und Tiere gab.

 

Warum Arche Noah und Sintflut als Symbole?
Ich würde sagen, eine Vorlage aus der Bibel für einen christlichen Verband ist doch begrüßenswert. Sie hat auch Akzeptanz innerhalb der Kirche und den Diözesanverbänden geschaffen. Die Geschichte der Arche Noah bietet außerdem eine Menge von Symbolen, die man lebendig machen konnte: Die Arche selbst als Rettungsschiff. Der Regenbogen als ein „Gott ist mit uns“, also Mut gebend. Die Taube mit dem Ölzweig als Zeichen des Lebens, mit dem Gedanken „Es macht Sinn aufzubrechen – wir können  mit Gottes Hilfe Veränderungen schaffen“.

 

Umweltzerstörung war in den 1980ern ein belastendes existentielles Thema – geeignet für ein Kinderprojekt?
Ja, da gab es schlaue und vorausschauende „Köpfe“ in der KjG, die wussten: „Wir können das von den Kindern nicht mehr fernhalten.“ Die Bundeskonferenz 1985 hatte mit ihrem Beschluss verstanden, dass die KJG informieren und mit Bildungsarbeit eine Bewusstseinsveränderung herbeiführen muss. Es ging darum, Kinder ernst zu nehmen, sie kompetent zu machen und ihnen zuzutrauen, dass sie etwas verändern können.

 

Eine Bewusstseinsveränderung?

Ja, ich denke das hing auch an den Zielen der KjG, die sich als Verband gesehen hat, der sich politisch einbringen muss. Uns war klar, dass es nichts nutzt, sich in Pfarrheimen zu verschanzen, sondern, dass wir rausgehen und unsere Stimme erheben müssen. Mit der Arche Noah kam diese Zielsetzung in die Kinderstufenarbeit.

 

Was haben die Kindergruppen denn damals gemacht?
Es gab einen „Aktionsfaden“, der das inhaltlich aufbereitet hat. Darin standen inhaltliche und praktische Anregungen. Es ist auch sehr viel von den einzelnen Gruppen dazugekommen. Also, ich habe am Ende über 70 Seiten Praxisbeispiele gesammelt. Ich erinnere mich an Flussfahrten von den Diözesen Limburg und Freiburg auf Rhein und Main, dabei wurden die Ufer mit ihren Industrieanlagen und Abwassereinleitungen genau betrachtet und Expert*innen haben das Wasser untersucht. Es gab Exkursionen, Tatortbesichtigungen genannt, zu Orten der Umweltzerstörung. Schon damals wurden Nistkästen aufgestellt, Hecken und Bäume gepflanzt und Flora und Fauna bestimmt. Andere haben Detektivspiele entwickelt oder Kinder durch ein Malbuch an das Thema herangeführt. Viele Ferienfreizeiten und diözesane Kinderwochenenden griffen das Thema auf.

 

Das Spannungsfeld der Gesamtaktion lag auf der Erwachsenen-Seite zwischen Gottvertrauen und Handlungswillen zur Umkehr - oder?

Ich denke schon. Vertrauen auf Gott, in dem Sinne: „Wir vertrauen auf ihn, der uns stärkt in diesen Zeiten etwas zu verändern.“ Den Handlungswillen habe ich in der KjG in vielen Phasen erlebt: Das Schlagwort wie „Schöpfung bewahren“ ist von KjGler*innen mitgeprägt worden. Das bedeutet, einen Handlungswillen zu zeigen, der nicht nur auf Expert*innenwissen beruht, sondern auch auf unserem Gottvertrauen.

 

Was ist eigentlich bei „Arche Noah – Umweltaktion von Kindern“ rausgekommen?

Ich denke, dass auf jeden Fall dabei rausgekommen ist, dass weite Kreise des Verbandes sich mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Unsere Gruppenarbeit für Kinder war dann nicht mehr nur Freizeitgestaltung, sondern auch ein Hingucken „Wo hakt es auf der Welt und im Leben“. Es ging darum, dass Kinder etwas verändern können in ihrem Nahbereich. Mit dieser politischen Arbeit für Kinder und mit Kindern waren wir unserer Zeit voraus. Und: Die Kinder, die damals 10 waren, sind heute 45 und ich denke und spüre, dass diese Zeit sie geprägt hat und hängengeblieben ist, nach dem Motto: „Wir müssen handeln, wir müssen selbst was tun.“

 

Danke für das Interview

 

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

Aufstehen für Abrüstung!

Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen – Wundervoll? Mutig? Oder einfach unwahrscheinlich? Unwahrscheinliches passiert! Die KjG hat das in Sachen Friedensarbeit in den 1980ern bewiesen, sogar Sozialisten hat sie an ihrer Seite wirken lassen, erinnert sich Hans Gerd Schwandt, er war 1982 zuständig für das Projekt und Buch „Aufstehen für Abrüstung“ …

Du bist über einen Freund bei Pax Christi mit der KjG in Kontakt gekommen, warst erst Zivildienstleistender dort und dann Referent für „Aufstehen für Abrüstung“. Du sagst „Die KjG hat sich an das Thema rangearbeitet“. Wie meinst du das?

Abrüstung und Friedensarbeit war ja ein politisches Thema, ein hochpolitisches Thema und auch sehr kontrovers. Das war die Zeit der Diskussionen um den Nato-Doppelbeschluss, es gab riesige Demos, z.B. in Bonn im Hofgarten. Und da sagte auf einmal ein katholischer Jugendverband offiziell: „Wir reihen uns jetzt ein in die Gruppe derer, die dagegen vorgehen.“ Ungewöhnlich. Kirche war sonst, wenn es um eindeutige Stellungnahme ging, immer so ein bisschen vorsichtig …

Friedensthema und -arbeit kam 1979 in der KjG auf, es gab zum Beispiel die Resolution zum Antikriegstag. Drei Jahre später dann „Aufstehen für Abrüstung“ Wie war das Echo in der KjG?
Es war nicht ohne, politisch so Stellung zu beziehen. Das hat innerhalb des Verbandes Diskussionen gebracht, es gabt DVs, die da nicht so ganz begeistert waren. Das war eine mutige politische Entscheidung, für die die BL damals gradestehen musste. Die KjG hatte schon eine besondere Position und Rolle.

Spannung durch Friedensarbeit - die Diskussion in der KjG ging so weit, dass man der Bundesleitung Manipulation unterstellt hat, weil sie auch eine Öffnung zum Osten einforderte …
Ja! Berlin war das damals, Berlin habe ich im Kopf, weil ich mich gewundert habe, dass grade so ein Großstadtverband so konservativ war. Das waren nicht die einzigen, es gab aber noch andere.

Die Bundesleitung hat sich mit einem offenen Brief zur Wehr gesetzt und später dann das Buch „Aufstehen für Abrüstung“ bei dir in Auftrag gegeben hat. Was wollte man denn damit erreichen?
Es ging darum, das Thema im Verband zu platzieren, sich damit auseinanderzusetzen, so dass wenn KjGler*innen von Pfarrern oder Eltern oder diesen erwachsenen Besserwissern gefragt wurden: „Was wollt ihr denn? Was meint ihr denn?“, diese fähig waren zu argumentieren und die richtigen Worte hatten, auch die Bundesleitung auf gremienebenen. Die Idee war: „Wir müssten etwas machen, womit man arbeiten kann, was man in der Hand hat.“

Was hatte es denn auf sich mit der vorgeworfenen „Ostsympathie“?
Das sieht man auch in unserem Buch „Aufstehen für Abrüstung“, das thematisieren wir in einem Artikel, diese Vorstellung: Die stehen zähnefletschend an der innerdeutschen Grenze und wollen über uns herfallen, der Warschauer Pakt als der Aggressor. Wir als KjG haben gegen die Logik der Abschreckung argumentiert, also gesagt, dass man mit diesem Feindbild nicht weiterkommt und Abschreckung nicht funktioniert. Also militärisch so stark sein, dass jeder weiß: Wenn er uns was tut, dann reißt ihn das selber ins Verderben, das funktioniert nicht.

1982 gab es einen Aktionstag und eine Aktionswoche zu „Aufstehen für Abrüstung“ unter dem Vorzeichen des gewaltfreien Widerstandes …
Ja, das war der Grundgedanke und die christliche Begründung. Wir haben biblisch argumentiert. Die Sache mit „halt die andere Wange hin“ ist nicht naiv, sondern ein politisches Programm. Das kann man nicht wörtlich übertragen, aber es gab die Idee der einseitigen Abrüstung, von Politikern entwickelt, aber wir haben das begründet. Die Botschaft Jesu ist eine der Gewaltfreiheit: „Wer das Schwert nimmt wird durch das Schwert umkommen“. Da trifft sich eine linke politische Idee mit der Bergpredigt. Im Handbuch übrigens auch …

Christlich katholische Ideen und linkspolitische in einem Buch?
In dem Buch sind eine Reihe von Zitaten aus Artikeln von Leuten vom „Sozialistischen Büro“, das war eine undogmatische linke Organisation. Die haben wir integriert. Das zähle ich auch unter „Mut der KjG“.

Was haben die Bischöfe dazu gesagt?
Die wussten das glaube ich nicht. Aber, ich hatte auch immer das Gefühl: Bei Pax-Christi stand immer der Bischof vor uns. Das ist bei der KjG ja nicht so, da war der Bischof, der für die Jugendverbände verantwortlich, der war eigentlich immer mehr so der Aufpasser, der das Schlimmste verhindert, meinem Empfinden nach. Da hat die KjG wirklich Mut bewiesen

Geendet hat dann diese sehr aktive Friedensarbeit mit den Umwälzungen im Osten und dem Mauerfall?
Naja, der Kalte Krieg war vorbei, die Block-Konfrontation war vorbei. Der Osten hat uns sein System nicht übergestülpt, im Gegenteil, es ist genau anders rum gekommen … Da hat das Thema an Präsenz verloren. Die Friedensproblematik ist eigentlich jetzt viel komplizierter und ein Kernthema der KjG ist sie ja geblieben.

 

Danke für das Interview

 

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

 

Mit der Aktion „Aufstehen für Abrüstung“ fordert die KjG Friedenssicherung durch Abrüstung und wendet sich gegen die atomare Abschreckung und insbesondere gegen die im NATO-Doppelbeschluss festgelegte Stationierung von Mittelstreckenraketen. Anliegen dieser Aktion war es auch Unfriedenssituationen im Alltag aufzuzeigen und anzugehen.

Der Name KjG - Ein lächerliches Problem?

„Wir finden es geradezu lächerlich“, empört sich eine KFG Führerinnenrunde im Mai 1970. „Die Abkürzung KFG war deutlich genug“ und eine Diözesanstelle KFG/KJG schreibt: „Warum wollt ihr überhaupt den Namen ändern? […] KJG/KFG hat sich eingebürgert …“ diese beiden Zitate spiegeln ganz gut die Kritik wider, welche aufbrandet, als die Katholische Frauenjugendgemeinde (KFG) und die Katholische Jungmännergemeinschaft (KJG) sich 1969/70 unter einen gemeinsamen Namen stellen wollen.

Nein, ein Zufallstreffer wie der Seelenbohrer ist der Name KjG nicht. Dahinter steckt ein Jahr Arbeit und Diskussion. Die mühsame Namenssuche zeigt, dass Zusammenwachsen Zeit braucht und die Zeit das Ergebnis prägt.

So war die Lage: Nach dem ersten Deutschlandtreffen der KFG und der KJG in Münster 1968 ist es eindeutig: die KFGlerinnen und die KJGler wollen ein Verband sein. Juni 1970 wird zur Verbandsgründung ins Auge gefasst. Dazu soll aber ein Name her …
1969 werden drei Werbeagenturen mit der Namenssuche beauftragt – deren Vorschläge lauten unter anderem:
„Centrum Junge Kirche“, „Gemeinde unter20“, „Junge Mission“, „Forum Quo Vadis“ …

Die Antwort: Eine Welle der Unzufriedenheit in KFG und KJG …
… und ein Rundschreiben der Leitungen an die Diözesen: Bitte fragt in euren Pfarreien nach Vorschlägen.

Die Diözesanleitungen fragen nach.

Die Antwort: Eine Welle der Unzufriedenheit in KFG und KJG (s.o.)
… soll doch alles so bleiben wie es ist.

Dann trudeln aber doch einige Vorschläge aus den Pfarreien ein:

„Aktion Junge Kirche“, „Jesus Rocker“, „Die jungen Betnix“, „Katholische Jugend Gemeinschaft“ …

Dann ist sie da, die Bundeskonferenz (BuKo) vom 12. - 17.06.1970 in Altenberg. KFG und KJG gründen einen gemeinsamen Verband und taufen ihn am 15.Juni auf den Naaaamen (Trommelwirbel): KJG „Katholische Junge Gemeinde“  – Kommt einem irgendwie bekannt vor …

Männerpower?

Nun fragt man aus heutiger Sicht misstrauisch: Haben sich da die Männer durchgesetzt? Nein, es ist viel, wie soll man sagen, menschlicher …: „Einer der Gründe für dies Wahl war, dass man bei einer doch recht bekannten Abkürzung für unseren Verband bleiben konnte und man sich so erspart hat, für etwas Neues zu werben“, erklärt es die damalige Bundesleiterin Annemarie Brodesser im Juli 1970.
Dass dafür die Frauen der KFG im Kürzel der Katholischen Jungmännergemeinschaft – KJG – aufgehen - sieht damals anscheinend allerhöchstens eine Minderheit als problematisch an. Denn: Der Name wurde per demokratischer Abstimmung auf der BuKo 1970 gefunden.

Der Gleichberechtigungsfrage bewusst, sind sich die KFGlerinnen und KJGler aber durchaus. Das wird klar, wenn man weiß, dass im Protokoll der BuKo 1969 in den Überlegungen zum gemeinsamen Verband steht: „…man lässt Frauen immer noch ungern im öffentlichen Leben aufkommen“ und „Wir müssen es ermöglichen, dass unsere Jungen und Mädchen eine echte Partnerschaft erlernen!“ und „Hinführung zur Partnerschaft muss also eine unserer ersten Aufgaben in der Bildungsarbeit sein.“
Gleichberechtigte Frauenpower soll also in jeder Hinsicht Bestandteil des gemeinsamen Verbandes sein: Mädchen und Jungen, Männern und Frauen besetzen paritätisch die Organe des gemeinsamen Verbandes auf allen Ebenen. Durchaus nicht üblich in Verbänden damals – und auch heute.

KJG - der größtmöglichen Freiheit zu Liebe

Um so erstaunlicher erscheint dann das Ergebnis vom 16. Juni 1970: „Mit 57 Ja- und 12 Gegenstimmen und 10 Enthaltungen spricht sich die Bundeskonferenz für die alte Abkürzung KJG mit einer noch zu suchenden Interpretation aus.“
Die Interpretation konnte dann sein: A) Katholische Jugend-Gemeinschaft oder B) Katholische Junge Gemeinde. Version B wird es, mit 56 Stimmen.

Gründe dafür:

- Wir sind katholisch und nicht nur christlich.

- Das Wort Gemeinde gibt den Schwerpunkt unserer Arbeit an.

- Die Kombination „Junge Gemeinde“ zeigt an, dass wir uns nicht gleichschalten lassen werden, sondern kritisierend und gestaltend mitwirken.

- Im Sinne des Aktionsprogramms ist der Name auch offen gehalten für alle Gruppierungen und Gesellschaftsformen innerhalb einer Gemeinde: Jugendliche, junge Erwachsen, junge Familien, Hobby-Kreise …

So bleibt es dann auch bis 2010, da wird dann beschlossen, dass KJG nun KjG geschrieben wird.

KjG-Logo „Seelenbohrer“ - fast hätte es internationale Karriere gemacht…

Bei der Henne und dem Ei ist es ja nicht klar, was zuerst da war. Beim Seelenbohrer und der KjG schon – es war der Seelenbohrer, obwohl - das stimmt auch nicht ganz, sagt Alfred Klever …
Alfred Klever erfand den heutigen Seelenbohrer als Münster-Logo
Das Originalprogramm
Schwarz und rot – Gottesdienst unter dem Münster-Logo
Überall das neue Logo – auch beim Beat-Festival des KFG und KjG-Treffens 1968

Du hast dem KjG-Logo seine Form gegeben, 1967- und wie hast du es dann genannt?

Das hieß dann einfach „das Logo für Münster“.

Das Logo entstand, genau wie die KjG in Altenberg – allerdings 3 Jahre früher …
Ja, das Logo entstand bei einer Schulung für Plakat-Siebdruck 1967. Ich war da 19 Jahre alt und in den 1960ern Pfarrjugendführer in St. Lucia, Bensberg-Immekeppel. Darum habe ich an dem Kurs teilgenommen. Bei dem Kurs war auch die Suche nach einem Logo für das erste Deutschlandtreffen von KFG und KJG das Thema. Das sollte Pfingsten 1968 in Münster sein. Das hat dann ja auch stattgefunden. Das Motto des Treffens war: „Zur Antwort bereit“. Ich war ziemlich überrascht, dass mein Entwurf genommen wurde.

Wie wurde denn damals ein Logo auf die Bahn gebracht, so ganz ohne Computer?
Das war alles zeichnerisch. Nach dem Kursus habe ich das Logo zu Hause noch etwas für den Druck optimiert. Dann ging das an die Öffentlichkeitsarbeit der KjG und wurde in Druck gegeben. Es erschien dann im Programmheft und so weiter – außerdem gab es auch schon „give aways“, zum Beispiel Schlüsselanhänger, da kam das drauf und wurde in die Welt getragen.

Auf dem Programmheft von 1968 ist es rein schwarz, war der erste Entwurf nicht ein grüner Pfeil und ein roter Punkt?
Nein! Das ist eine Fehlinformation, die sich irgendwann eingeschlichen hat. Das Ursprungs-Logo war ein schwarzer Pfeil mit einem roten Punkt. Der rote Punkt ist ja eben auch der Kern der ganzen Sache. Auf dem Programm war es aber aus Kostengründen ganz schwarz gedruckt.

Es gibt auch viele Deutungen des Seelenbohrers…
Das Logo ist eigentlich einfach erklärt, es bezog sich ja auf das Motto von Münster „Zur Antwort bereit“. Es hat den Inhalt, dass man angesprochen wird, auch von oben, und wenn man das erkennt, lässt man seine Gedanken kreisen, bringt es für sich auf den Punkt und ist dann bereit zur Antwort. Darum beginnt der Pfeil oben, kreist und endet dann auch oben. Der rote Punkt ist der Kern der Sache. Den Italienern hat das Bild übrigens so gut gefallen, die wollten das Logo wohl gleich mitnehmen …

… das Logo einkassieren? Welche Italiener wollten das?
So genau weiß ich das nicht. Irgendwelche Jugendverbände, hat man mir gesagt. Also: Die waren in Münster Pfingsten 1968, auf dem Treffen zu Gast. Daraufhin kam die Erzdiözese Köln auf mich zu und meinte, es sei sicherer, wenn sie die Rechte an dem Logo übernähme, falls es rechtliche Diskrepanzen gäbe. Für 500 DM hat die Erzdiözese die Rechte dann übernommen. Nutzungsrechte und Urheberrechte wurden damals noch in einen Topf geworfen…

Findest du das schade, dass dein Logo keine internationale Karriere gemacht hat?
Nö, das hatte ich ja für einen Zweck gestaltet.

Hast du eigentlich sofort mitbekommen, dass du das bundesweite Logo der KjG erschaffen hast?
Nein. Für Münster 1968 habe ich ja noch das Programmheft gemacht und dann vor Ort Fotos. Bei der Gründung der KjG 1970 war ich selbst dann aber gar nicht mehr dabei. Da war ich schon raus, im Beruf. Im hektischen Alltag der Werbeagentur ist mir die Zeit ausgegangen. Ich bin dann 2011 von der KjG angerufen worden und zu dem Logo befragt worden. Da habe ich das erst mitbekommen, dass es das noch gibt.

Was hast du gefühlt, als du gemerkt hast, welche Karriere das Logo als Seelenbohrer gemacht hat?
Eigentlich habe ich mich sehr gewundert. Aber im Grunde ist es doch so: Es muss ein gutes Logo sein, wenn es so lebendig ist. Wenn es sogar einen Spitznamen bekommt und so viele Arten der Interpretation. Dann hat das Logo seinen Nutzen als Symbol erreicht. Ich komme ja beruflich aus der Werbung und da sagt man: „Logos, die einen Spitznamen bekommen,
 die leben ewig“.

Und wie ist das mit der Verbindung von der KjG und dir?
Von der KjG habe ich sehr viel mit in mein Leben genommen. Die hat mir sehr viele Grundwerte mitgegeben, die mir dann auch im Berufsleben ungemein geholfen haben. Also: Teamfähigkeit, Offenheit, Führungsqualitäten und Rücksichtnahme, besonders für Minderheiten. Dafür bin ich heute noch dankbar.

Danke für das Interview 

(Das Interview führte die Öffentlichkeitsreferentin Babette Braun für die KjG)

 

 

Ein Seelenbohrer – zahlreiche Interpretationen

Der Seelenbohrer wird 1968 beim Deutschlandtreffen der beiden Verbände so erklärt:
Der Punkt in der Mitte bedeutet: Christus, die Frohe Botschaft, das Leben.
Der Balken, der sich um den Punkt bewegt, symbolisiert die Menschen, die aus ihrem Glauben heraus versuchen, sich den Problemen zu stellen und Antwort zu geben.
Der Pfeil deutet Dynamik an. Sich auf den Boden der Botschaft Christi zu stellen, heißt zugleich, vorwärts gehen und Ziele verfolgen.

Gedanken zum Seelenbohrer von KjGler*innen:

"Die KjG ist wie ihr Seelenbohrer, von außen kantig und eckig, um Gesellschaft und Kirche anzustoßen; nach innen rund in ihrem Glauben an Gott, mit ihren Vorstellungen von einer gerechten Welt und mit ihrem Ziel, diese Vorstellungen zu verwirklichen."

"Ein Pfeil von außen kommend kreist um ein Zentrum und stößt dann weiter nach außen. Das bedeutet: Ein Mensch nimmt Impulse von außen auf, er be- und verarbeitet sie und sendet sie dann wieder nach außen, z.B. indem er darauf reagiert."

Manchmal, so behaupten jedenfalls böse Zungen, soll allerdings auch die scherzhafte Auslegung des Emblems zutreffen: Immer um den heißen Brei herumreden und wenn es dann darauf ankommt, haarscharf an der Sache vorbeizielen.

Neues Design für den Seelenbohrer

Im Jahr 2012 wurde der Seelenbohrer im Rahmen des Corporate Design-Prozesses der Bundesebene einer Verjüngungskur unterzogen. Für das neue CD wurde seine Form vereinfacht und dynamisiert. Er wurde aus seinem Rahmen befreit und kann nun auch allein an prominenter Stelle stehen.
Inwiefern sich der Seelenbohrer im Laufe der Zeit gewandelt hat, könnt ihr gut an den untenstehenden historischen Abbildungen erkennen.

KjG: Einer der größten Jugendverbände Deutschlands boykottiert Nestlé

Unter dem Motto „Nestlé Ade“ hatte der Jugendverband der Katholischen jungen Gemeinde (KjG) bereits letztes Jahr im Juni einen Boykott von Nestlé-Produkten beschlossen. Die Aktion zeigt jetzt Wirkung: Nestlé hat reagiert – und den Verband zum Gespräch eingeladen.

Dem Lebensmittelkonzern Nestlé wird immer wieder vorgeworfen, Arbeitnehmer*innenrechte zu ignorieren, Kinderarbeit zu akzeptieren oder riesige Flächen bedrohten Regenwalds für Palmöl zu roden. Unter dem Motto „Nestlé Adé“ hatte der Bundesverband der Katholischen jungen Gemeinde (KjG) im Juni 2019 den Boykott von Nestlé-Produkten beschlossen. Er ruft seine Gruppen und Vereine bundesweit dazu auf, mitzumachen. So will die KjG auf das Fehlverhalten von großen Konzernen aufmerksam machen und sie zum Umdenken bringen.

Nestlé-Boykott hat Signalwirkung

Konkret soll künftig in den Bildungsstätten und Häusern, die sich in Trägerschaft des Jugendverbands befinden, auf alle Produkte von Nestlé und seinen Tochterfirmen verzichtet werden. Aber auch auf Veranstaltungen, in den einzelnen Jugendgruppen und Vereinen.

Die KjG ist nach eigenen Angaben einer der größten Kinder- und Jugendverbände in Deutschland. Er zählt mehr als 80.000 Mitglieder. Insofern hat der Nestlé-Boykott eine große Signalwirkung.

KjG stellt Infomaterial bereit

Damit der Boykott deutschlandweit in den einzelnen Vereinen und Gruppen umgesetzt werden kann, hat die KjG eine Info-Broschüre herausgegeben. Dort findet man unter anderem Informationen zur Kritik am Konzern und alle zu Nestlé gehörenden Unternehmen.

Das Ziel sei jetzt, alle 24 Diözesanverbände, also die kleineren Verwaltungseinheiten der KjG, mit an Bord zu holen. Sie sollen soweit informiert werden, dass sie den Boykott in ihren Vereinen, Jugendgruppen und auf Veranstaltungen umsetzen können, erklärt Marc Eickelkamp, Bundesleiter der KjG. „Das Problem ist ja, dass viele gar nicht wissen, welche Marken alle zu Nestlé gehören.“

Der Verband versucht, das Thema auch an anderen Orten anzusprechen. „Zum Beispiel in Jugendherbergen. Unsere Intention ist dabei, die Problematik nach außen zu tragen und Aufklärung zu betreiben,“ sagt Eickelkamp.

Verzicht ist gar nicht so einfach

Herausforderungen sieht er besonders bei der Umsetzung vor Ort oder bei Veranstaltungen. Etwa Ersatz für Snacks aufzutreiben, die man auf Konferenzen so esse, wie Kitkat oder Smarties. Auch bei sich selbst hat Eickelkamp festgestellt, dass der Verzicht gar nicht so einfach ist. „Mir ist es zum Beispiel schwergefallen, auf die Schoko-Karamell-Riegel Rolo zu verzichten. Die habe ich seit meiner Kindheit gegessen – das geht jetzt eben nicht mehr.“

Snacks von Nestlé kommen für die KjG nicht mehr infrage. (Foto: Sven Christian Schulz / Utopia)

Dabei zweifelt er nicht am Erfolg des Boykotts und ist zuversichtlich, dass deutschlandweit alle Verwaltungseinheiten der KjG mitmachen, „wir boykottieren jetzt auch schon seit fast zehn Jahren Coca-Cola und das klappt gut.“

„Wir sind nicht irgendeine Vereinsgruppe“

Angesichts der Größe des Verbands ist es nicht verwunderlich, dass Nestlé auf den Boykott reagiert und sich mit der KjG in Verbindung gesetzt hat. Ende Januar kam es zu einem Treffen, bei dem Nestlé seine Nachhaltigkeitsbemühungen dargelegt hat.

Die KjG war davon nicht überzeugt. Eickelkamp sagt Utopia gegenüber: „Wir haben uns in unserem Verband sehr intensiv mit Nestlé sowie unserer Vorstellung von fairem Handel bzw. kritischen Konsum auseinandergesetzt. Vor dem Hintergrund dieser Expertise sind wir mit einer kleinen Delegation ins Gespräch gegangen. Uns war wichtig zu zeigen, dass wir nicht irgendeine Vereinsgruppe sind“, sagt Eickelkamp. Er betont, dass der Verband auch nach dem Gespräch weiter an einem kritischen Konsum festhalten will – und auch in Zukunft auf Nestlé-Produkte verzichten wird.

Weiterlesen auf Utopia.de:

Katholischer Jugendverband ruft zu Boykott gegen Nestlé auf! - Interview im Domradio

Im Juni 2019 beschloss die KjG auf der Bundeskonferenz: "Nestlé Adé!" - in Zukunft boykottiert die KjG den Nestlé-Konzern. Das zeigt Wirkung: am Montag, den 27. Januar traf die KjG auf Einladung Nestlé zum Gespräch. Am Treffen nahmen von der KjG teil: die Bundesleitung, Mitglieder des internationalen Ausschusses sowie der Diözesanverbände Münster und Essen. Hier erfahrt ihr, was dabei passiert ist:

Die Katholische junge Gemeinde ruft dazu auf, die Firma Nestlé zu boykottieren. Unter dem Motto "Nestlé Adé!" kritisieren sie die Arbeits- und Umweltbedingungen des Konzerns. Nun kam es zu einem ersten Gespräch der ungleichen Kontrahenten.

DOMRADIO.DE: Was ist bei diesem Gespräch herausgekommen?

Marc Eickelkamp (Bundesleiter der Katholischen jungen Gemeinde / KjG): Grundsätzlich haben wir versucht, erst einmal zu klären, was unsere Kritikpunkte sind. Nestlé hat ausführlich dargelegt, was sie schon tun, um diesen Kritikpunkten entgegenzuwirken und welche Projekte bereits laufen. Wir haben uns erst einmal ausgetauscht und hoffen, dass wir da weiter im Diskurs bleiben können.

DOMRADIO.DE: Was sind Ihre Kritikpunkte an Nestlé?

Eickelkamp: Wir als katholischer Jugendverband arbeiten ja vor allem auf Grundlage der christlichen Werte, des christlichen Menschenbildes und versuchen auch die Schöpfung zu wahren. Das macht uns vielleicht ein bisschen besonders im Vergleich zu anderen Organisationen, die auch Nestlé kritisieren. Wir haben vor allem aus unserer Perspektive die Lebens-, Arbeits- und Umweltbedingungen in den Blick genommen, für die Nestlé Verantwortung trägt.

Das heißt konkret: Wenn Nestlé bei verschiedenen Anbietern wie Kleinbauern oder Gemeinschaften vor Ort - zum Beispiel in Afrika - Kakao einkauft, dann müssen sie auch die Verantwortung dafür übernehmen, was dort passiert. Das ist eine Sache, die aus unserer Sicht bisher nicht konsequent passiert. Im Bereich der Wasserrechte und Wassernutzung gibt es immer noch Standorte, wo Nestlé versucht, die Situation zu verbessern, sie aber immer noch nicht gut ist.

DOMRADIO.DE: Was sagt Nestlé dazu? Was wird sich ändern oder verbessern?

Eickelkamp: Es gibt verschiedene Programme, die aber auch schon in der Vergangenheit in ähnlichem Umfang durchgeführt worden sind. Bildungsprogramme vor Ort, die Kindern die Möglichkeit eröffnen sollen, in den Genuss von Schulbildung zu kommen, damit sie beispielsweise nicht auf Plantagen arbeiten müssen. Wir haben auch angemahnt, dass Kinderarbeit immer noch in afrikanischen und südamerikanischen Staaten übllich ist und Kinderrechte nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern konsequent umgesetzt werden müssen. Ich würde sagen, das ist einer der Punkte, wo es noch nicht gut funktioniert.

In puncto Wasser gibt es neue Standards, die Nestlé umsetzen möchte, bei denen sie auch mit anderen Kooperationspartnern zusammenarbeiten, um zu überlegen, was verbessert werden kann. Es gibt Standards, die schon angewendet werden. Aus unserer Sicht kann man da aber noch eine Schippe drauflegen. Wir würden immer sagen, wir müssen den höchsten Ansatz wählen, um das Bestmögliche für uns herauszuholen. Nestlé versucht dabei erst mal, Transparenz zu schaffen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, nach den Gesprächen wird der Kontakt jetzt von Ihrer Seite sicherlich nicht abbrechen. Sie werden da weiter dran bleiben und auch ein bisschen überprüfen, ob sich denn etwas verändert, oder?

Eickelkamp: Wir haben über die verschiedenen Möglichkeiten gesprochen. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich immer noch skeptisch bin. Wir haben aber auch nicht erwartet, dass sich nach einem Gespräch irgendwas verändert. Es war aber gut, mal zu hören, was die Gegenseite schon tut. Wir sind aber nicht ganz zufrieden, weil wir mit unserem Boykott eine Veränderung erhoffen. Vielleicht ist die Veränderung aber weniger konkret bei Nestlé zu verorten, sondern bei jedem und jeder selbst. Wir haben es als Verbraucher und Nutzer von Produkten ein bisschen selber in der Hand, wie wir damit nachhaltig und zukünftig umgehen wollen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, auch ein Aufruf an uns alle, das genau zu überprüfen, was Nestlé so tut oder eben auch nicht tut?

Eickelkamp: Ich würde es sogar noch erweitern: Wir haben uns Nestlé als Konzern ausgesucht, mit dem wir ins Gespräch kommen wollen und den wir exemplarisch boykottieren, weil es der weltgrößte Konzern ist, der Nahrungsmittel vertreibt und von dem wir auch wissen, dass es da schon Problemlagen gab. Das heißt nicht, dass es bei anderen Großkonzernen wie Pepsi oder Coca Cola besser läuft, die wir als Dachverband BDKJ seit 2007 boykottieren. 

Ich würde mal pauschal behaupten, wir müssten tatsächlich als Verbraucher und Nutzerinnen überlegen, wo die Lebensmittel dieser Konzerne herkommen, und uns fragen, warum wir diese nicht regional, lokal oder saisonal bei einem regionalen Anbieter oder bei einem Bauern in der Umgebung kaufen, um diese Strukturen zu nutzen und zu stärken.

Das Interview führte Carsten Döpp.

Zeitreise durch die Geschichte der KjG

Auf ins KjGeniale Jubiläumsjahr!

2020 feiern wir 50 Jahre KjG. Wir wollen mit euch auf eine Zeitreise gehen, in den nächsten Wochen die vergangenen KjG-Jahrzehnte Revue passieren lassen und auf unsere Verbandsentwicklung zurückblicken. Zu einigen unserer Rückblicke werdet ihr auch auf unserer Homepage spannende Artikel finden!

#KjG #50Jahre #RäumefürUtopien #Zeitreise #Verbandsentwicklung #Rückblick #throwbackthursday

Doppelt gut macht KjG

Die Vorgänger*innen der heutigen KjG und ihre Geschichte...

Unbestreitbar, die Männer waren zuerst da – die katholischen Jungmänner und sie trugen einen Verband: den „Katholischen Jungmännerverband“, der gründete sich 1896 in Düsseldorf. Sozusagen ein Vorläufer der „Katholischen Jungmännergemeinschaft“, diese Jungmännergemeinschaft kam bildlich gesprochen 51 Jahre später „nachgelaufen“. Im Klartext: Die „Katholische Jungmännergemeinschaft“ wurde 1947 gegründet. In der Zeitspanne zwischen der Gründung der beiden Zusammenschlüsse lag viel Sturm, das Verbot nichtstaatlicher Jugendverbände, Krieg, Tote, grausames Erwachen und ein Neuanfang für Deutschland in Europa. Ein Freizeitverband war es, was die „Katholische Jungmännergemeinschaft“ 1947 ihrem Selbstverständnis nach sein wollte. Paul Robert B.: “Politisches stand für uns gar nicht im Sinn – das hätten wir auch nicht gewollt.“

Zugegeben, groß war der Vorsprung der „Katholischen Jungmännergemeinschaft“ nicht: 1910 machten die Frauen im Bistum Paderborn den ersten Schritt und schlossen sich zum Diözesanverband der Jungfrauenvereine zusammen. Im Dezember 1915 folgte dann in Köln die Gründung des Zentralverbandes der Jungfrauenvereine Deutschlands.

1954, nach Ende des Verbotes durch die Nationalsozialisten und den Kriegswirren, meldete sich die weibliche Jugend erneut laut zu Wort. Mädchen und junge Frauen wollten aktiv mitgestalten und gründeten die „Katholische Frauenjugendgemeinde“ (KFG) in Hardehausen bei Paderborn. Die KfG-Frauen und -Mädchen machten es sich zur Aufgabe, „das Leben der Jugend in der Gemeinde zu aktivieren und soziale Aufgaben zu übernehmen.“ (S.21 forum KFG 6/1969 2. Jahrgang). Die Freizeitgestaltung stand im Mittelpunkt.

Marianne K. war dabei, als 9Jährige: „In meiner Gruppe haben wir viel gelesen, Bücher von Pearl S. Buck, der Nobelpreisträgerin für Literatur. Ein kleines bisschen Aufklärung gab es auch, aber nur ganz vorsichtig. Wir haben auch sehr viel gesungen: ‚Wenn die bunten Fahnen wehen ...‘, und so – das waren noch die alten Lieder, aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Oft gesprochen haben wir über Religion, dazu kam auch der Kaplan. Ich war sehr fromm, Gebet hat mir viel bedeutet.“

1958, mit 16, war Marianne dann selbst Pfarr-Gruppenleiterin: „Wir sind in Jugendherbergen gefahren, gewandert. Am tollsten war das große Treffen zum 1. Mai in Altenberg, das war schon international. Wir haben die Freizeit gestaltet. -Es gab ja auch nichts anderes, an Sportvereine kann ich mich nicht erinnern …“

Den Jungs aus der „Katholischen Jungmännergemeinschaft“ sind die Mädchen im Frühgottesdienst begegnet oder beim Bannerhalten zum Hochamt, auf Prozessionen ...

„Wir haben auch zusammen Theater gespielt oder Karneval gefeiert, waren beim Katholikentag“, so Marianne K..

Die jungen Frauen für die KFG sollten aus der der „Frohschar“ der Pfarrgemeinden gewonnen werden und – bitte – auch die „klare Absprache mit anderen Gliedgemeinschaften, vor allem mit der KJG!“ war gewünscht.

Ernstgenommen haben das die jungen Frauen und Männer der beiden katholischen Jugendgemeinschaften – 1966 kam es dann zum ersten Mal zu einer Zusammenarbeit bei der Aktion Mosaik.

 „Revoluzzer und Protestler“ hieß es dann Pfingsten 1968 – der erste Skandal, den man gemeinsam (nicht beabsichtigt) angezettelt hat. „Katholische Frauenjugendgemeinde“ und „Katholische Jungmännergemeinschaft“ fordern „eine Demokratisierung von Kirche und Gesellschaft, die sie aktiv mitgestalten wollen, indem sie sich sozial engagieren, die Interessen von Jugendlichen vertreten und den Abbau von autoritären Strukturen proklamieren. Damit nehmen die Verbände von ihrer bis dahin kirchenunkritischen Haltung Abschied.“ (Becher, S. 31) Die Öffentlichkeit ist hin und hergerissen zwischen: „Na endlich!“ und „Unerhört!“. „Katholische Frauenjugendgemeinde“ und „Katholische Jungmännergemeinschaft“, sind sich um so einiger. Sie machen ihre Einigkeit auch deutlich. Eines der vielen Zeichen: forum - Die Werkblätter für die Jugendarbeit in der Gemeinde, erscheint ab der Ausgabe August./September 1968 als gemeinsame Ausgabe, nicht mehr nach Geschlechtsverbund getrennt. Weiteres folgt …

Der Friede als Weg der Hoffnung

Dialog, Versöhnung und ökologische Umkehr

Mit dem Motto des diesjährigen Weltfriedenstags: „Der Friede als Weg der Hoffnung: Dialog, Versöhnung und ökologische Umkehr“ wird der Friede als Weg der Hoffnung gewürdigt. Papst Franziskus macht den Menschen Mut, sich auf diesen Weg einzulassen und alle Bemühungen und Schritte hin zu mehr Frieden wertzuschätzen. Die entscheidenden Schritte auf diesem Weg sind Dialog, Versöhnung und ökologische Umkehr.

Material gibt es unter: https://www.bdkj.de/aktionen/weltfriedensgebetstag/